Helsinki : Der Gegenkultur-Beauftragte

Wie der Selfmademan Jaakko Blomberg Helsinki neues Nachtleben einhaucht – fernab von finnischer Kaurismäki-Ästhetik.

Ausgehtipp: In der Kultbar Zetor gehören alte tschechische Traktoren zur Einrichtung.
Ausgehtipp: In der Kultbar Zetor gehören alte tschechische Traktoren zur Einrichtung.Foto: Pasi Murto & Don Lehtinen

Wer Jaakko Blomberg an diesem kalten, strahlend blauen Wintertag in Helsinki vor seinem Kiosk stehen sieht, würde kaum auf den Gedanken kommen, einen der einflussreichsten Einwohner von Finnlands Hauptstadt vor sich zu haben. Unscheinbar wirkt er mit seinen zu einem Zopf gebundenen blonden Haaren, dem Ziegenbärtchen und dem Holzfällerhemd. Doch Blomberg ist so etwas wie der Kultur-Beauftragte, genauer: der Gegenkultur-Beauftragte Helsinkis. Er selbst sagt nur: „Ich organisiere Events“, wenn er nach seinem Beruf gefragt wird. „Ich veranstalte Workshops, vernetze Künstler, berate, recherchiere. Mal bin ich Aktivist, mal Street-Art-Künstler, mal Stadterneuerer, es ist immer etwas anderes.“

Mit seinen 31 Jahren verkörpert Jaakko Blomberg eine neue, der Welt außerhalb Skandinaviens sehr zugewandte finnische Generation. Der komplette Gegensatz zu der oft und vielleicht zu Recht beschriebenen Verschlossenheit seiner Landsleute. Nur schwer kann man ihn sich in einem Kaurismäki-Film vorstellen – oder einer der Kneipen im Zentrum Helsinkis. Der „Corona Bar“ zum Beispiel, in der man zwangsläufig landet, wenn man sich brav an die Ausgehtipps der Reiseführer hält, weil sie nicht nur den Kaurismäki-Brüdern gehört, sondern auch die mitunter doch schon ältliche Stammklientel einem ihrer Filme entstiegen zu sein scheint. Selbst tagsüber schweigen sie hier mit stoischem Gesicht über einem halben Liter Bier.

Auch in die „E & K“-Kneipe mit ihrem alten Texaco-Schild passt Blomberg nicht und auch nicht zur Harley Davidson im „Boot Hill“. Und zu dem alten Jägermeister-Plakat mit einer halbnackten Frau und dem Spruch „You can’t hide drinking it“ in der „Bazooka Bar“ schon gar nicht.

Er will den öffentlichen Raum zurückerobern

Blombergs zeitweiliges Arbeitszimmer ist ein hell gestrichenes Holzhäuschen mit einem vorstehenden Dach, wie es sie mehrfach im Stadtbild gibt: die sogenannten Lippa-Kioski. Sie heißen so, weil „Lippa“ auf Finnisch „Schirm“ bedeutet, wurden in den späten 30er Jahren von dem finnischen Architekten Gunnar Taucher im Auftrag der Stadt Helsinki entworfen und in den 40er und 50er Jahren gebaut. Zuerst an der Flaniermeile Esplanade, dann an vielen anderen Stellen, auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 1952. Ihre große Zeit hatten die Lippa-Kioske bis zu den 80er Jahren, danach schloss einer nach dem anderen wegen Unrentabilität. Abgerissen wurden sie nie.

Jaakko Blomberg berät heute die finnische Hauptstadt in Sachen Großevents.
Jaakko Blomberg berät heute die finnische Hauptstadt in Sachen Großevents.Foto: Pasi Murto & Don Lehtinen

Lange wusste keiner etwas mit ihnen anzufangen. Bis die Stadt auf die Idee einer Ausschreibung kam und mehrere davon zu verkaufen versuchte, was wiederum bei einigen Menschen mit Ideen auf Widerhall stieß. So wie bei Jaakko Blomberg. Er hat vergangenes Jahr zusammen mit einigen Freunden den Lippa-Kiosk an der Museokatu mittels Crowdfunding erworben, für 40 000 Euro, und dann instand gesetzt. Nun gibt es in Helsinki den ersten veganen Kiosk, direkt gegenüber vom Nationalmuseum.

Blomberg spricht gut Deutsch, er hat zwei Jahre in Berlin gelebt, nachdem er zunächst aus dem Norden Finnlands nach Helsinki kam und sich als Ausstellungskurator, Museumsführer und Konzertveranstalter verdingte.

Doch das vorherrschende Prinzip „Hier die Künstler, dort das Publikum“ erschien ihm als zu statisch. „Außerdem wollte ich die Stadt ein bisschen verändern“, sagt er. Auch wenn er es nie explizit sagt, geht es ihm um die Rückeroberung des öffentlichen Raumes; eines Raumes, der einerseits mehr und mehr überwacht wird, andererseits zunehmend schrumpft, nicht mehr allen zugänglich ist, selbst in Helsinki.

Er organisierte Pop-up-Restaurants, Straßenfeste, einen Saunatag

In den Jahren 2011 und 2012 begann er, insbesondere über Facebook, bestimmte Aktionstage zu organisieren: einen Flohmarkttag zum Beispiel, an dem überall in Helsinki die Bürger vor ihren Häusern Sachen verkaufen konnten. Oder ein öffentliches Abendessen unter freiem Himmel, bei dem vergangenes Jahr 1000 Menschen in der Nacht den 99. Geburtstag ihres Landes feierten. Er organisierte Pop-up-Restaurants weit jenseits des traditionellen Retroabsturzkneipencharmes, Straßenfeste, zuletzt einen Saunatag, an dem private Saunabesitzer zu sich einluden, um gemeinsam mit Unbekannten zu schwitzen.

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Blomberg sagt, er mache einfach, wozu er und seine Freunde Lust hätten. „Es ist immer einfacher, um Entschuldigung zu bitten, als eine Genehmigung dafür zu bekommen.“ Dann muss er weiter, zum stellvertretenden Bürgermeister. Er hat da wieder so eine Idee.

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