Hotelkolumne : Eine Nacht im Metropol Hostel

In Kreuzberg gibt es den angeblichen besten Döner und die beste Wurst der Stadt. Ob hier auch das beste Hostel liegt, hat unser Autor überprüft.

Matthias Kirsch
Essen gibt es nahe des Metropol Hostel genug. Sowohl zu Curry 36 als auch zu Mustafas Gemüse Kebab sind es nur ein paar Schritte.
Essen gibt es nahe des Metropol Hostel genug. Sowohl zu Curry 36 als auch zu Mustafas Gemüse Kebab sind es nur ein paar Schritte.Foto: promo

Alle stehen an. Das scheint hier an der Ecke, wo Mehringdamm und Yorckstraße sich treffen, Gesetz zu sein. Sie stehen an bei dem angeblich besten Döner der Stadt, der angeblich besten Currywurst der Stadt, sogar beim Späti, und der gilt nicht mal als bester des Viertels. Nur vor dem Metropol Hostel, da steht niemand.

Drinnen ist die Wartezeit deutlich kürzer als bei der kulinarischen Konkurrenz. Aber der Lärm ist der gleiche wie draußen, diese nie aufhörende Mischung aus Mehringdammverkehr, Fast-Food-Bestellung und Polizeisirene dringt durch die Hostel-Mauern, als wären sie aus Sperrholz.

Dönergeruch kann toll sein. Nachts um vier

Wie der Geruch. Döner kann toll sein, sogar wundervoll, um vier Uhr nachts oder bei großem Hunger. Beides ist gerade nicht der Fall. Wie ein Harry-Potter-Dementor dringt die Duftwolke durch die Fenster der Metropol-Lobby, durch den Barbereich in nicht sehr ausgefeilter Steampunk-Optik, an den Europaletten-Tischen vorbei, durch die Laminatgänge und Zimmer und in Kissen und Decken hinein für alle Ewigkeit.

Flucht nach Norden. Zum rettenden Ufer, dem Tempelhofer. Es hilft nichts, auch hier keine Ruhe, nur Verkehr, sogar mehr, die U-Bahn donnert zusätzlich. Wenn Trubel unausweichlich ist, dann wenigstens von der angenehmen Sorte. Bergmannkiez: volle Straßen, viel Gelächter, noch mehr Bier. An Läden vorbei, die exemplarisch für das neue Kreuzberg stehen und „sexymama“ oder „Vegetarian Butcher“ heißen. Kraft tanken für die Nacht mit einer 9er-Portion Nochicken Nuggets.

Es wird nicht übernachtet. Es wird überstanden

Die Kraft braucht man. Sechsbettzimmer, Gemeinschaftsbad, Zentimeter bis zum Nebenmann. In Richtung Hinterhof riecht es weniger nach Fleisch und mehr nach Mensch. Spätestens, als der linke Bettnachbar sich an fremden Klamotten zu schaffen macht, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. In diesem Zimmer wird heute nicht übernachtet. Es wird überstanden.

Der Vorteil einer schlaflosen Nacht ist die Ruhe am Morgen, bevor wieder Döner geatmet und Currywürste hineingeglibbert werden. Flucht nach Süden, Viktoriapark. Hochkraxeln auf den Kreuzberg. Aufwachenden Vögeln begegnen und Eichhörnchen anlocken.

Der Lärm wird zum Hintergrundrauschen wie von einem weit entfernten Meer. Und bevor der Hunger einen zurück in den Trubel treibt, wünscht man sich, die Sonne würde im Norden aufgehen, über Berlin-Mitte irgendwo, über der Großbeerenstraße. Das müde morgendliche Kreuzberg wäre noch ein klein wenig schöner.

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