Hotelkolumne: In fremden Federn : Fast wie in Schwabing

Als Tourist in der eigenen Stadt am Zoo. Erst zu Irving Penn danach ins Hotel am Steinplatz. Im Bad: neongrünes Klopapier, im Glas: Absinth und Schokolade.

Die Außenfassade des Hotels wurde vom Jugendstilarchitekten August Endell entworfen.
Die Außenfassade des Hotels wurde vom Jugendstilarchitekten August Endell entworfen.Foto: promo

Andächtige Ruhe. Langsam schreiten sie vorbei an Marlene Dietrich mit dem gereizten Blitzen in den Augen, vorbei an Truman Capote, der sich, die Brille in der Hand, die Schläfe massiert, vorbei an Audrey Hepburn, ihr lächelndes Gesicht auf der Hand balancierend.

Mehr als 200 Bilder des legendären Fotografen Irving Penn sind noch bis 1. Juli im C/O Berlin am Zoo zu sehen. Porträts, Akte, Stillleben. Ikonen von verspielter Eleganz und präzisem Witz.

Witzig auch, dass die Dame, die einen kurze Zeit später im wenige Meter die Hardenbergstraße hinauf gelegenen Hotel am Steinplatz zum Zimmer geleitet, ihr Haus mit fast denselben Worten beschreibt wie der Ausstellungskatalog das Werk Penns, der dessen „einmalige Handschrift sowie streng reduzierte Ästhetik“ rühmt.

Das Haus wurde 2013 neu eröffnet

Doch recht haben ja beide, wie nicht zuletzt die Bäder hinter der denkmalgeschützten Fassade von August Endell, dem Erbauer der Hackeschen Höfe, zeigen: schwarzer Marmor, weißes Milchglas – neongrünes Klopapier. Ansonsten regiert eine moderne Interpretation von Art Déco. Holz, Chrom, geometrische Formen. Eine Reminiszenz an die Anfänge des 1913 gegründeten Hotels.

2013 wurde das Haus neu eröffnet. Die illustre Historie schildert Ilse Eliza Zellermayer in ihrer Autobiografie „Prinzessinnensuite“, mit der man sich den Nachmittag in der Hotelbibliothek vertreiben kann. Darin erzählt sie auch, wie ihr Bruder Heinz 1949 die Sektorenkommandanten bearbeitete, bis diese die Sperrstunde kippten. Er war es leid, dass die Kellerbar „Volle Pulle“ immer so früh schließen musste. Um 21 Uhr!

Wären da nicht die Bagger

Für Kellerbar ist es noch zu früh. Aber Kaffee geht immer, draußen in der „Filmbühne am Steinplatz“ zum Beispiel, mit Blick auf die UdK rechts und die ebenfalls denkmalgeschützte Fassade des Hoechst-Hauses gegenüber, in dessen goldenem Logo sich die Sonne spiegelt. Wären da nicht die Bagger, die den Steinplatz umpflügen, fast wähnte man sich in Schwabing.

Legendär wie Penn: die „Bratkartoffelpfanne“ im Café Hardenberg.
Legendär wie Penn: die „Bratkartoffelpfanne“ im Café Hardenberg.Foto: Moritz Honert

Etwas zu Essen vertragen könnte man nun auch. Also weiter ins Café Hardenberg, noch so ein Ort von „reduzierter Ästhetik“, eingefroren in der Zeit, irgendwann um 1982. Auf den zerschlissenen Plüschbänken zerlesen Grantler die Zeitungen, nebenan streiten TUler über Fußball. Die Küche serviert gusseisern ihre „Bratkartoffelpfanne“ – mindestens so legendär wie Penn.

Am Eingang verspricht ein Schild „Happy Hour von 17-21 Uhr“, aber für den Absacker geht es dann doch lieber zurück zum Steinplatz in die „Hotelbar das Jahres 2018“. Im Glas: Rum, Absinth, Schokolade. Im Kopf: Wieder andächtige Ruhe. Ein Blick auf die Uhr. Halb zehn. Danke Heinz!

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