Interview mit Achim Freyer : „Ich hasse das Rasieren. Immer diese Pflicht“

Die „Hitlerjungs“ verlangen, dass er Frösche aufbläst, Achim Freyer lehnt ab. Der Regisseur und Bühnenbildner findet: Wir töten zu viel und beobachten zu wenig.

Achim Freyer ist Bühnen-, Kostümbildner, Regisseur und Maler.
Achim Freyer ist Bühnen-, Kostümbildner, Regisseur und Maler.Foto: Thilo Rückeis

Herr Freyer, Sie werden oft als eigenwillig beschrieben …

… eigen ist immer gut. Wenn der Eigensinn weitergegeben wird, umso besser.

Und jetzt eröffnen Sie die Staatsoper mit „Hänsel und Gretel“ – zur Weihnachtszeit. Was für ein Klischee!

Die Idee kam von der Oper. Die haben ja Angst vor mir, dass ich wieder was Modernes mache und das Publikum „buh“ ruft. Dabei weiß ich gar nicht, was die Oper mit Weihnachten zu tun haben soll. Hänsel und Gretel sammeln Beeren, dann steht da das Männlein im Walde, das eine Hagebutte ist. Also: Sommer oder Herbst. Ich habe keine Lust, Klischees zu wiederholen. Die Hexe wird bei mir auch nicht verbrannt, das geht gar nicht. Die „Hexen“ sind ja kluge Frauen gewesen, die auf den Scheiterhaufen kamen. Dafür werden die Kinder mir übel nehmen, dass ich Süßigkeiten verbrenne.

Gibt’s auch was, das denen gefallen wird?

Hänsel und Gretel bestehen Abenteuer, entscheiden sich, sind klug. Es ist mir wichtig, dass man sich wehren kann gegen Mächte, auch übergroße. Die Hexe ist ja riesig, eine weltweite Konsumkette.

Haben Ihre Eltern Ihnen das Märchen vorgelesen, als Sie klein waren?

Nein, das war eine harte Zeit. Mein Vater, Obertelegrafenwerkführer in Königs Wusterhausen, war gegen die Nazis. In unserem Dorf wusste das natürlich jeder, es war gefährlich. Dafür habe ich Märchen erzählt: den Kindern auf der Straße, wenn’s dunkel wurde. Gruselig!

Achim Freyer

Achim Freyer, 83 gilt als rastloser Tausendsassa: bildender Künstler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, Sammler und Galerist, der in den 80er Jahren auch noch ein eigenes Ensemble gründete. An der Hamburger Staatsoper hat er gerade Wagners „Parsifal“ inszeniert, am 8. Dezember feiert seine Version von „Hänsel und Gretel“ Premiere; damit wird der reguläre Betrieb an der Staatsoper Unter den Linden nach dem langjährigen Umbau wieder aufgenommen.
Freyer, bekannt für die Erstaufführungen der Werke zeitgenössischer Komponisten wie Philip Glass und Helmut Lachenmann, polarisiert, erntet oft, wie schon beim „Barbier von Sevilla“ 1968, Buhs und Bravos.
Der Brecht-Schüler lehnt das naturalistische Theaterspiel ab, liebt die Verfremdung und eine starke, oft groteske Bildersprache. Für zwei Jahre zog er nach Los Angeles, um dort Wagners „Ring“ auf die Bühne zu bringen.
Wenn er nicht gerade an seinem Zweitwohnsitz in der Toskana weilt oder eine neue Oper inszeniert, lebt er mit seiner Familie in einer Gründerzeitvilla in Lichterfelde-West, die nun zum größten Teil „Kunsthaus der Achim Freyer Stiftung“ ist. Seine dicht gehängte Sammlung dort kann sonntags nach Voranmeldung besichtigt werden (achimfreyer.com). Eigene Arbeiten des Malers sind zur Zeit im Kunsthaus Dahlem zu sehen. Beim Gespräch auf der Probebühne der Staatsoper Unter den Linden redet Freyer sehr leise und konzentriert.

Und alle sind weggelaufen?

Nein, die sind erst mal zusammengeblieben, bis sie am Schluss ganz steif waren. Ich war ein Sadist.

Was hat die Opposition Ihrer Eltern für Sie als Kind bedeutet?

Ich war ein Naturfreund, habe Pflanzen und Schmetterlinge gesammelt, hatte Herbarium, Aquarium, Terrarium und wollte später Insektenforscher werden. Dann kamen die Hitlerjungs und verlangten, dass ich Frösche aufblase. Mach ich nicht, hab’ ich gesagt. Du bläst jetzt Frösche auf! Nein. Dann drehten sie mir die Arme um und hielten die Nase zu, sodass ich den Mund aufmachen musste zum Atmen, und einer hat mir in den Mund gepinkelt. Als meine Mutter zu den Eltern ging, wurde sie von einem Vater verprügelt. Und keiner hat ihr geholfen. Da habe ich meine Wut her, deswegen rede ich immer so leise, auch bei Inszenierungen. Alle spüren, wenn ich explodiere, dann kracht’s. Das wird nicht laut sein, aber sehr schlimm. Trotzdem bin ich für alles dankbar, was passiert ist. Selbst wenn’s unerträglich war.

Sind Sie etwa auch noch Masochist?

Man hat mehr Bewusstsein für die Dimensionen des Menschen gekriegt. Wir sind ja große Träumer, geben die Hoffnung nicht auf, trotz aller Kriege und Gewinnsucht, über Jahrtausende immer das Gleiche. Das Archaische, das darin steckt, ist es, was mich am Theater interessiert. Ich versuche nicht, eine Geschichte mit Schlips und Kragen in die Gegenwart zu holen. Das ist so abgenutzt und vergänglich. Moden ändern sich ständig.

Nur „Der Barbier von Sevilla“ nicht: Die Inszenierung von Ruth Berghaus, für die Sie Bühnenbild und Kostüme geschaffen haben, wird seit 49 Jahren an der Staatsoper aufgeführt.

Als die Berghaus mich damals fragte, habe ich gesagt: Jetzt wollen Sie mich aber auf den Arm nehmen – Sie machen doch keine Operette! Ich habe nicht gewusst, dass das eine Oper ist, so ungebildet war ich auch musikalisch.

Sie inszenieren Wagner, Mozart, Verdi – und können nicht mal Noten lesen.

Ich kann sie ansehen und erblicke darin sehr schöne Gebilde.

Das heißt, Sie arbeiten nach Gehör?

Ja. Und vom Blatt, indem ich Text und Takte sehe. Mein Musiklehrer war ekelhaft! Wenn man was sang, kam er mit dem Ohr ganz nah und ist dann verächtlich weitergegangen. Das hat tief getroffen, deshalb kann ich nicht singen.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben