Interview mit Anatol Gotfryd : „Schneeweiße Zähne sind grässlich“

Anatol Gotfryd kümmerte sich um die Gebisse von Bubi Scholz, Harald Juhnke und Günter Grass. Warum Künstler gepflegter sind als Autoren und man seine Patienten mögen muss.

Anatol Gotfryd erzählt in seinem neuen Buch "Der Himmel über Westberlin" wie er zum Lieblingszahnarzt der Künstler wurde.
Anatol Gotfryd erzählt in seinem neuen Buch "Der Himmel über Westberlin" wie er zum Lieblingszahnarzt der Künstler wurde.Foto: Thilo Rückeis

Herr Gotfryd, schauen Sie den Menschen zuerst aufs Gebiss?

Wenn jemand besonders schöne Zähne hat, sehe ich das natürlich. Einmal bin ich auf dem Ku’damm spazieren gegangen, da kam mir ein Paar entgegen. Die Frau war sehr hübsch, ich dachte, die kenne ich doch, wahrscheinlich aus dem Fernsehen. In dem Moment lachte sie, und ich wusste: Ah ja, diese Zähne habe ich gemacht.

Sie waren jahrzehntelang eine West-Berliner Institution. In Ihre Praxis am Lehniner Platz kamen Prominente wie Bubi Scholz, Peter Zadek, Günter Grass und Rebecca Horn.

Rainer Werner Fassbinder tauchte beim ersten Mal mit einem Bodyguard auf. Der hatte solche Angst vorm Zahnarzt, am liebsten hätte er mir den Hals umgedreht. Nachher entstand eine ganz herzliche Beziehung zwischen uns.

So wie zu vielen Ihrer Patienten. Woran liegt das denn?

Das hat sich aus meiner Neugier entwickelt. Meine Patienten waren für mich nicht irgendjemand, dem man den Mund in Ordnung bringen muss, sondern lebendige, interessante Menschen. Manchmal bin ich vor lauter Quatschen gar nicht zum Arbeiten gekommen. Ich habe nie gezielt versucht, Künstler anzuwerben. Später richteten wir sogar einen extra Raum in der Praxis ein, in dem die Leute – unabhängig von einem Termin – zeichnen und malen konnten, da lagen Auktionskataloge und Kunstzeitschriften aus.

Bildende Künstler hätten bessere Zähne als Schriftsteller, haben Sie mal gesagt.

Aus meiner Erfahrung zumindest. Die waren alle nicht nur sehr gut angezogen, sondern auch unheimlich gepflegt. Vielleicht, weil man als bildender Künstler häufiger gezwungen ist, einzelne Werke zu verkaufen, sich zu präsentieren. Wohingegen Schriftsteller Stunde um Stunde nur am Schreibtisch sitzen.

Anatol Gotfryd

Anatol Gotfryd, 87, betrieb ab den 1960er Jahren zusammen mit seiner Frau Danka eine legendäre Zahnarztpraxis am Kurfürstendendamm. Zu ihren Patienten an der Schaubühne gehörten auch Rebecca Horn, Samuel Beckett,und Rainer Werner Fassbinder. Mit vielen von ihnen hatte Gotfryd, der sich bei den Freunden der Neuen Nationalgalerie engagierte, auch privat engen Kontakt.
Gotfryd erinnert sich gern an seine idyllische Kindheit in Galizien. Die endete in dem Moment, an dem die Nazis einmarschierten. Der jüdische Teenager steckte schon im Zug ins Vernichtungslager, als er gerade noch entkommen konnte. Seine große Liebe Danka lernte er in Breslau während des Studiums der Zahnmedizin kennen, zusammen zogen sie Ende der 1950er Jahre nach West-Berlin.

Nach Gotfryds erstem Erinnerungsband, „Der Himmel in den Pfützen. Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm“ (2005), erschien nun die Fortsetzung: „Der Himmel über Westberlin. Meine Freunde, die Künstler und andere Patienten“ (Quintus Verlag). Daraus liest Anatol Gotfryd am 15. Februar in der Schmargendorfer Buchhandlung und am 4. März im Charlottenburger Buchhändlerkeller.

Das Gespräch findet in der original erhaltenen Muthesius-Villa des Paares statt. Überall Bücher und Kunst. Und ein Schachbrett. Der Hausherr, in dessen Deutsch noch immer der leichte Singsang seiner polnischen Muttersprache mitschwingt, ist passionierter Spieler. Zu seinen Lieblingspartnern zählte der Theatermann George Tabori.

Lassen sich vom Zustand der Zähne Schlüsse auf die Persönlichkeit ziehen?

So weit würde ich nicht gehen. Genetische Veranlagung spielt eine große Rolle. Bei dem einen bleiben die Zähne ein Leben lang super, ein anderer kann machen, was er will, der Zustand verschlechtert sich trotzdem. Aber es gibt viele Leute, die ihr Gebiss aus psychischer Schwäche vergammeln lassen. Das ist etwas ganz Atavistisches, man gibt seine Aggressivität auf, signalisiert der Umgebung: Tut mir nichts an, ich beiße auch nicht.

Hatten Sie solche Patienten?

Einmal gab es einen Topmanager, der seinem Job überhaupt nicht gewachsen war. Er kriegte Parodontose, so schwer, dass man auf seinen Zähnen hätte Klavier spielen können. Die Behandlung war ein unheimlicher Erfolg, er hatte fast einen Zentimeter Knochenanbau, die Zähne wurden richtig fest. Dafür verlor er schlagartig, innerhalb einer Woche, alle Haare. In der Psychologie nennt man das Symptomverschiebung.

Harald Juhnke ließ sich von Ihnen für die Sendung „Musik ist Trumpf“ ein komplett neues Gebiss machen …

… er war ein richtig Netter! Selbst in der Praxis hat er wahre Auftritte hingelegt, aber ohne Eitelkeit.

Sie haben die Praxis bis 2000 gemeinsam mit Ihrer Frau geführt. Hatten Sie denn beide dieselben Patienten?

Danka hat sich vor allem um Kieferchirurgie, Parodontologie und um Kinder gekümmert, meine Spezialgebiete waren Prothetik und konservierende Zahnheilkunde. Es ist wichtig, dass man mindestens zu zweit ist. Denn es gibt immer wieder Leute, die man nicht mag. Die kann dann der andere übernehmen. Manchmal haben wir Stein, Schere, Papier gespielt, wenn wir beide nicht wollten.

Wie wichtig ist Sympathie für eine gelungene Behandlung?

Meine Frau hat eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert, wir versprachen uns viel davon. Der Mund ist schließlich die erste Außen-innen-Verbindung eines Menschen; Zähne sind Waffen und Schmuck, werden sie beschädigt, leidet die Psyche. Die Ausbildung dauerte drei Jahre. Am Ende mussten wir feststellen: Wenn man einen Patienten nicht mag, hilft alles Wissen nichts.

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