Interview mit Andreas Becher : „Dass Berlin mal fertig ist, können Sie vergessen“

Die Stadt soll endlich ihre Schrebergärten bebauen, fordert der Architekt Andreas Becher. Ein Interview über Volksentscheide, Brachen und den Stolz auf den BER.

Andreas Becher wünscht sich von der Berliner Politik mehr Mut bei der Stadtentwicklung.
Andreas Becher wünscht sich von der Berliner Politik mehr Mut bei der Stadtentwicklung.Foto: Mike Wolff

Herr Becher, Berlin wächst jährlich um bis zu 50.000 Menschen. Bis 2030 will der Senat rund 200.000 Wohnungen bauen. Ist das zu machen?

Nein. Wir haben uns in eine Situation manövriert, in der das gesteckte Ziel nicht zu erreichen ist.

Welche meinen Sie?

Vor allem die überbordenden 60 000 Bauvorschriften in Deutschland: Energieeinsparverordnung, vorbeugender Brandschutz, Lärmschutz, Vogelschutz, Nachbarschutz, Abstandsflächenrecht … Wir müssen zurück zum gesunden Menschenverstand. Warum, in Gottes Namen, muss ein dringend benötigtes Flüchtlingswohnheim in Tübingen, das ein temporärer Bau ist, erdbebensicher gebaut werden? Als man in den 1950er Jahren Wohnungen für Flüchtlinge und zum Ausgleich der Kriegsschäden brauchte, ging das auch schnell und mit Augenmaß. Die sogenannten Schlichthäuser stehen teilweise noch heute und funktionieren bestens als einfache Wohnbauten.

Viele Regeln wie der Dämmschutz sind doch angesichts der Klimaveränderung sinnvoll.

Im Einzelnen betrachtet sind all die Gesetze und Verordnungen wichtig und richtig. Aber immer mehr und dickere Dämmung sorgt nicht für die gewünschte CO2-Reduzierung. Im Gegenteil, wenn man Herstellung, Transport und die Entsorgung des Sondermülls einbezieht, wird die Klimabilanz sogar negativ. Auch in anderen Bereichen ist vieles nicht nachvollziehbar. Ein öffentlicher Parkplatz, an dem nachts die Autotüren schlagen, ist bei bestimmten Grenzwerten zulässig, ein privater Parkplatz nicht. Das gleiche Auto, der gleiche Lärm. Wie soll man das erklären? Der Flughafen BER könnte längst in Betrieb sein, wenn wir nicht diese ausufernden Sicherheitsvorschriften hätten.

Man kann die Leute ja schlecht verbrennen lassen.

Klar, kein Mensch stellt sich hin und sagt: Jetzt lass uns diesen verkorksten Flughafen einfach aufmachen, im Brandfall müssen wir mit soundsoviel Toten rechnen. Doch mit der Frage, was ein Menschenleben kostet, ersticken Sie jede Diskussion um angemessene Sicherheitsvorschriften im Keim.

Andreas Becher

Andreas Becher, 58, ist seit 2015 Vorsitzender des Berliner Landesverbandes beim Bund Deutscher Architekten. Sein Büro BRH Generalplaner baute mehr als 10 000 Wohnungen und den kompletten Campus der Fachhochschule Potsdam. In Berlin arbeitet die Firma vor allem für städtische Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften. Becher – Brille, blaues Hemd, Fünf-Tage-Bart – empfängt in seinem Büro in der Lietzenburger Straße. Auf dem quadratischen Tisch liegen jede Menge Stifte, Papier, Notizen und eine Rolle Pergamentzeichenpapier. Zur Architektur kam der im Bergischen Land Geborene über seinen Patenonkel. Ein Bauingenieur, der Brücken und Staudämme verantwortete. Als der Patensohn ihm sagte, er wolle auch Bauingenieur werden, riet der ihm: „Nee, komm, mach Architekt.“ Bereut hat er es nicht: „Es gibt Leute, die das Schaffen eines Architekten einer gottgleichen Fähigkeit gleichsetzen“, sagt Becher. „So weit würde ich nicht gehen, aber natürlich bin ich immer stolz, wenn wir trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten mit hohem Kosten- und Zeitdruck etwas Nützliches, Dauerhaftes und Schönes geschaffen haben.“

Becher hat drei Töchter und lebt mit seiner Frau in Zehlendorf.

Der BER ist nicht das einzige Großprojekt, das später fertig wird. Elbphilharmonie, Stuttgart 21 … Haben wir verlernt zu planen?

Ach was, am Kölner Dom wird seit 1000 Jahren gebaut. Es wird immer so getan: Früher konnten die alles besser. Stimmt nicht, die Bevölkerung hat es nur nicht mitgekriegt. Die Leute gehen mit offenem Mund zum Kölner Dom und sagen: „Toll, was für ein beeindruckendes Gebäude!“ So ist das auch jetzt mit der Elbphilharmonie. Klar, blöd, hat halt zehnmal so viel gekostet wie geplant und die Bauzeit hat sich verdoppelt. Dennoch sind fast alle Hamburger stolz. Ich prophezeie etwas Ähnliches für den BER, wenn er endlich eröffnet wird.

Und warum laufen die Kosten stets aus dem Ruder?

Erst die Pläne, dann die Kräne. Das haben wir schon im ersten Semester gelernt. Wir können heute mit Rechnern das gesamte Gebäude bis ins kleinste Detail durchplanen. Das Problem ist, dass bei einem öffentlichen Projekt kaum jemand die Planung bis in diese Tiefe vorantreiben will, weil das kostet. Oft genug wurden Planer genötigt, Kosten vor dem Start nach unten zu frisieren, um ein ambitioniertes Bauvorhaben politisch zu verkaufen. Das ist grotesk. Die Staatsoper Unter den Linden etwa hätte man, ginge es nur um die Kosten, abreißen und neu bauen müssen. Das alte Gebäude war ein einziges Flickwerk und bis in die Grundmauern feucht und verrottet. Hier steht der Denkmalschutz aber ganz oben auf der Prioritätenliste. Die Kosten explodieren auch, weil die Anforderungen während des Baus immer weiter verschärft werden. Heute hat allein der Umweltbericht 300 Seiten. Und natürlich findet jeder irgendetwas, um diese oder jene Vorschrift zu berücksichtigen.

Was denn zum Beispiel?

Mein Büro plante einen kleinen Neubau für eine gemeinnützige Stiftung in Kreuzberg, die sich der Betreuung von benachteiligten Kindern verschrieben hat. Wir rechneten schon mit der Baugenehmigung, da gab es bei der zuständigen Umweltbehörde eine „Anhörung vor Versagung“. Es ging um einen Straßenbaum, dessen Krone auf unser Grundstück ragte. Mit dem Bau könnten dessen Wurzeln beeinträchtigt werden. Wir mögen doch bitte woanders, kleiner, oder am besten gar nicht bauen … Da möchte man auf den Tisch steigen und laut brüllen! Nur mit Geduld, Auflagen, Mehrkosten und Bürgschaften hat es dann doch noch geklappt. Die Ironie an diesem Beispiel: Der Bezirk hätte besagten Baum rechtzeitig zurückschneiden müssen. Ist aber nicht passiert. Geldmangel. Sie bekommen in Berlin auch keine Baugenehmigung, um ein Dachgeschoss mit Wohnungen auszubauen, wenn ein heiliger Straßenbaum der Feuerwehr im Wege steht. Vorbeugender Brandschutz!

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