Interview mit Andy García : „Ich sichere mich gegen Sexszenen ab“

Seine Mutter glaubte, aus ihm könne kein Humphrey Bogart werden. Schauspieler Andy García über seine Heimat Kuba, Familie und Mickey Rourke als Baseballlehrer.

Marco Schmidt
Der Schauspieler Andy García wurde wegen seiner Herkunft jahrelang nicht zu Castings zugelassen.
Der Schauspieler Andy García wurde wegen seiner Herkunft jahrelang nicht zu Castings zugelassen.Foto: AFP/Anthony HARVEY

Mr. García, ein Filmkritiker nannte Sie mal „König der Nebendarsteller“. Tatsächlich fällt auf, dass Sie nur selten Hauptrollen gespielt haben. Gab es keine entsprechenden Angebote?

Doch, aber viele Hauptrollen habe ich wegen meiner Familie abgelehnt: Ich habe vier Kinder großgezogen, und solange sie noch zu Hause wohnten, wollte ich nie länger als zehn Tage von ihnen getrennt sein. Nach einer Woche am Set ohne sie wurde ich schon nervös. Für Hauptrollen hätte ich oft drei Monate lang Tausende Kilometer entfernt drehen müssen – das kam für mich nicht in Frage. Ich wollte nicht, dass eines meiner Kinder nach meiner Heimkehr sagt: „Jetzt, nachdem du so lange weg warst, willst du mir ernsthaft Ratschläge erteilen? Du weißt doch gar nichts von meinen Problemen!“ Aus der Ferne kannst du dich nicht um deine Familie kümmern.

Setzen Sie daheim manchmal Ihre schauspielerischen Fähigkeiten ein?

Nein, ich wache morgens nicht als Schauspieler auf, sondern als Vater. Meine Familie ist mir heilig, sie ist wie eine Religion für mich. Zugegeben, manchmal vermassele ich etwas, werde zornig, verliere die Geduld. Ich bin nicht perfekt. Aber ich versuche, immer für meine Kinder da zu sein. Egoismus ist eine Todsünde für jeden Vater.

In Ihrer gesamten Karriere haben Sie sich stets geweigert, Sexszenen zu drehen. Wieso?

Ich finde die meisten Sexszenen völlig überflüssig und das Vorspiel fast immer interessanter als das Gerammel. Vor allem aber wollte ich unbedingt vermeiden, dass meine Kinder jemals mit ansehen müssen, wie ich auf der Leinwand jemanden hart von hinten nehme. Denn genau so etwas verlangen Regisseure von dir, wenn du ihnen freie Hand lässt. Darum sage ich ihnen klipp und klar: „Wenn es dir um Sex geht, bin ich nicht der richtige Mann!“ Ich sichere mich sogar vertraglich ab, damit ich nicht doch noch in die Verlegenheit komme, vor der Kamera herumturnen zu müssen. Ich habe deshalb schon einige tolle Projekte verschmäht – Rollen, für die meine Kollegen dann Oscars bekamen.

Andy García

Andy García, 62, wurde 1956 im kubanischen Havanna geboren. Als er fünf Jahre alt war, floh seine Familie vor der Castro-Revolution nach Florida, wo sein Vater als Parfüm-Großhändler ein Vermögen machte. Mit 22 zog Andy García nach Los Angeles, um Schauspieler zu werden. Jahrelang hielt er sich dort mit Gelegenheitsjobs über Wasser, ehe ihm 1987 mit Brian De Palmas Krimi-Klassiker „Die Unbestechlichen“ der Durchbruch gelang. Seitdem spielte er unter anderem in Ridley Scotts Thriller „Black Rain“, Steven Soderberghs „Ocean’s“-Trilogie und Francis Ford Coppolas Mafia-Epos „Der Pate III“, das ihm 1991 eine Oscar-Nominierung einbrachte.
Zuletzt konnte man ihn in „Mamma Mia! Here We Go Again“ als Duett-Partner von Cher auf der Leinwand erleben; in der Komödie „Book Club“ (Kinostart: 13.9.) verkörpert er einen Piloten, der eine von Diane Keaton gespielte Witwe umgarnt.
Seit 1982 ist García mit der Exilkubanerin Maria-Victoria Lorido-García verheiratet, mit der er vier Kinder im Alter zwischen 16 und 35 Jahren hat. Zum Gespräch in einem Hotel in den Tessiner Bergen erscheint der 62-jährige
Hollywoodstar trotz Hitze in einem eleganten dunkelblauen Anzug und perfekt polierten Lackschuhen. Seine Stimme klingt heiser; immer wieder versichert er sich der Aufmerksamkeit seines Gegenübers: „Verstehen Sie? Können Sie mir folgen?“

Sie sind in Miami aufgewachsen und seit Ihrer Jugend mit Ihrem Schauspielkollegen Mickey Rourke befreundet.

Er ist rund vier Jahre älter als ich und hat mir das Baseballspielen beigebracht. Als ich 13 war, haben wir mit unserem Team die Stadtmeisterschaft gewonnen. Seitdem sind wir enge Freunde. Viele Jahre später, als ich bereits in Los Angeles wohnte, sah ich zu meiner Verblüffung seinen Namen auf der Kinoleinwand, nämlich im Abspann von „Heaven’s Gate“. Damals wusste ich noch gar nicht, dass er auch Schauspieler geworden war. Daraufhin machte ich ihn ausfindig, und wir trafen uns wieder regelmäßig, quatschten viel, spielten Baseball zusammen. So eine Freundschaft aus der Kindheit hält ewig. Und Mickey ist ein sehr warmherziger, sensibler, großzügiger Mensch.

Ein Mensch mit einer tragischen Biografie: In den 90er Jahren richtete sich Rourke beinahe systematisch zugrunde. Haben Sie in dieser finsteren Phase versucht, guten Einfluss auf ihn auszuüben?

Ich glaube, wir hatten uns damals ein bisschen aus den Augen verloren. So oft sehen wir uns auch nicht. Es ist eher ein unsichtbares Band, das uns verbindet. Und er hatte eine extrem schwierige Kindheit, so etwas prägt einen natürlich.

Und Sie?

Meine Kindheit war wundervoll. Mit 13 Jahren habe ich noch von einer Baseballkarriere geträumt. Welcher Junge will nicht Profisportler werden?

War der Traum in Ihrem Fall denn realistisch?

Nein, eher eine Wahnvorstellung. Ich war kein schlechter Spieler, aber viel zu klein und zu schmächtig. Und mit 17 erkrankte ich schwer am Pfeiffer-Drüsenfieber, lag monatelang flach und durfte danach keinen Sport mehr treiben. Deshalb besuchte ich in meinem letzten Highschool-Jahr einen Theaterkurs. Und dort habe ich mir quasi einen neuen Virus eingefangen: die Sucht nach der Schauspielerei. Mein Lehrer bestärkte mich in dem Wunsch, diesen Berufsweg einzuschlagen.

Was haben ihre Eltern dazu gesagt?

Sie haben mich zwar offiziell unterstützt, aber ich glaube, insgeheim hielten sie mich für verrückt. Sie hätten vermutlich mehr Verständnis gehabt, wenn ich den Wunsch geäußert hätte, ins All zu fliegen. Niemand aus meiner Familie war je im Filmbusiness gewesen. Meine Mutter machte sich große Sorgen, als ich ganz allein nach L.A. zog. Sie meinte: „Ich liebe meinen Sohn, aber er ist kein Humphrey Bogart.“ Sie kam nicht auf die Idee, dass ich vielleicht einer der 50 Nebendarsteller sein könnte, die im selben Film an der Seite von Bogart spielen.

Die Unbestechlichen. Andy García, Sean Connery, Kevin Costner und Martin Smith (v.l.) machten 1987 Jagd auf Al Capone.
Die Unbestechlichen. Andy García, Sean Connery, Kevin Costner und Martin Smith (v.l.) machten 1987 Jagd auf Al Capone.Foto: imago/United Archives

Ihre Eltern sind beide Kubaner. Inwieweit hat Ihre Herkunft Ihre Laufbahn geprägt?

Enorm. Damals, Ende der 70er Jahre, gab es in Hollywood so gut wie keine Rollen für Latinos. Deshalb bekam ich anfangs keinen Fuß in die Tür. Bis zu meinem ersten Filmauftritt vergingen sieben Jahre! Ich spielte Improtheater und musste als Kellner oder Möbelpacker arbeiten; in einer Nachtschicht habe ich mal zusammen mit Brian Cranston Lkws beladen. Jahrelang wurde ich nicht einmal zu Castings zugelassen. Wegen meines Nachnamens zog man mich für die meisten Rollen von vornherein gar nicht in Betracht. Und wenn ich doch einmal vorsprechen durfte, etwa für den Part eines mexikanischen Bandenmitglieds, schickte man mich nach fünf Sekunden wieder heim: „Was wollen Sie denn hier? Sie sehen ja gar nicht aus wie ein Hispano!“

Wie kam dann der Erfolg?

Durch Hal Ashbys Thriller „8 Millionen Wege zu sterben“. Ich bewarb mich für die Rolle des gewalttätigen Killers und Kokaindealers Angel Maldonado. Der Casting Director wollte mich zunächst nicht zum Vorsprechen einladen, weil er mich schon kannte und für einen eleganten Gentleman hielt. Ich wusste, wenn ich eine Chance haben wollte, durfte ich nicht als der nette Andy beim Casting erscheinen, sondern als Kotzbrocken. Also zündete ich mir gleich mal eine Zigarette an, und als man mir sagte, das Rauchen sei verboten, schnauzte ich: „Das interessiert mich ’nen Scheiß!“ Ich hatte zuvor eine Assistentin gebeten, im richtigen Moment eine bestimmte Dialogzeile zu sagen, doch als sie das tat, fing ich an, sie wüst zu beschimpfen: „Wer hat dich denn gefragt, du Schlampe? Halt die Fresse! Was glotzt du so blöd?“ Ich steigerte mich in einen minutenlangen improvisierten Wutanfall hinein, und das arme Mädchen, das mir nur einen Gefallen tun wollte, wurde kreidebleich. Aber ich bekam den Job!

Von da an ging es aufwärts?

Dann steckte ich erst einmal in der Killer-Schublade. Aber in Hollywood ist es per se nicht schlecht, in einer Schublade zu stecken. Es bedeutet, dass du zumindest als Schauspieler arbeiten kannst. Man bot mir also einen Haufen weiterer Mörder-Rollen an, so auch die des Auftragskillers Frank Nitti in „Die Unbestechlichen“. Ich wollte mich aber nicht wiederholen und viel lieber den Part des Polizisten Giuseppe Petri übernehmen. Nun musste ich Regisseur Brian De Palma nur noch überzeugen, dass ich auch einen Guten spielen konnte. Doch das fiel mir leicht, weil ich in Wirklichkeit auch einer von den Guten bin!

Deshalb durften Sie auch an der Seite von Al Pacino in „Der Pate III“ spielen?

Das habe ich dem Paramount-Studioboss Frank Mancuso zu verdanken, beziehungsweise seiner Frau Fay, die einen Narren an mir gefressen hatte, seitdem sie mich bei den Dreharbeiten zu „Die Unbestechlichen“ am Set kennengelernt hatte. Bis heute bin ich sehr eng mit den beiden befreundet und sogar Taufpate ihres Sohnes; Frank war es auch, der mir die Rolle des heißblütigen Nachwuchs-Mafioso in „Der Pate III“ anbot.

Hatte da nicht auch der Autor und Regisseur Francis Ford Coppola noch ein Wort mitzureden?

Natürlich, und er war anfangs überhaupt nicht von mir überzeugt. Erst einmal ließ er Dutzende meiner Kollegen für die Rolle vorsprechen, ehe er mich schließlich zu Probeaufnahmen in seine Residenz im Napa Valley einlud. Ich kam dort abends an und traf ihn; er erklärte mir die Szene, die ich am nächsten Morgen spielen sollte, und bat mich, den Text über Nacht einzustudieren. Doch ich war kaum zurück in meinem Motel, das etwas abseits lag, als es in unserem Tal einen kompletten Stromausfall gab. Es war überall stockdunkel. Ich stolperte von meinem Bungalow zur Rezeption, wobei ich auf dem Weg dorthin mehrmals stürzte, besorgte mir eine Kerze und versuchte, bei dieser Funzelbeleuchtung meinen Text zu lernen, bis meine Augen schmerzten. Irgendwie habe ich es anscheinend hingekriegt.

Sie wohnen zwar seit Ihrem fünften Lebensjahr in den USA, sind aber auf Kuba geboren. Was bedeutet Ihnen heute das Erbe Ihrer Heimat?

Extrem viel. Die kubanische Musik ist beispielsweise noch immer eine Quelle des Trostes und der Inspiration für mich. Ich bin stolz auf meine Herkunft. Wenn meine Eltern nicht den Mut gehabt hätten, ins Exil zu gehen, säße ich heute nicht hier. Nachdem meine Familie bereits zwei Jahre unter Castros Terrorregime gelitten hatte, wurde ein Gesetz erlassen, das alle Kinder zum Besuch einer staatlichen Schule verpflichtet. Wir sollten also der kommunistischen Indoktrination unterworfen werden. Doch mein Vater wollte sich seine Kinder nicht vom Staat rauben lassen und floh mit uns nach Miami. Das Verhältnis jedes Exilanten zu seiner Heimat ist vergleichbar mit einer verbotenen Liebesbeziehung: Du kannst sie lieben, aber nicht mit ihr zusammen sein. So geht es mir auch.

Familie ist ihm heilig. Andy García 2006 mit seinen Töchtern und Ehefrau Maria Victoria (2.v.r.).
Familie ist ihm heilig. Andy García 2006 mit seinen Töchtern und Ehefrau Maria Victoria (2.v.r.).Foto: imago/Picture Perfect

Könnten Sie nicht jederzeit in Ihre Heimat reisen? Die Beziehungen zwischen Kuba und den USA haben sich doch in den vergangenen Jahren deutlich verbessert ...

Ich habe immer gesagt: Solange das kubanische Volk nicht in jeder Hinsicht frei ist, betrete ich diese Insel nicht. Und für die Kubaner hat sich die Situation im Prinzip überhaupt nicht verändert. Das Land ist nach wie vor eine Diktatur; es gab nie echte demokratische Wahlen; Menschenrechte werden mit Füßen getreten. Leider fallen die meisten Leute in den USA auf die Propaganda des kubanischen Regimes herein und wissen deshalb nicht, was auf der Insel wirklich vorgeht.

Wissen Sie es denn? Immerhin waren Sie fast 57 Jahre nicht mehr dort!

Ich muss nicht vor Ort sein, um zu wissen, was los ist. Das Problem ist das korrupte System. Wenn Sie als Ausländer in Kuba investieren und zum Beispiel ein Hotel eröffnen wollen, ist Ihr Geschäftspartner stets das Regime. Auch die Löhne zahlen Sie nicht direkt an Ihre Angestellten, sondern an die Regierung, die jedoch nur einen Bruchteil davon an die Angestellten weitergibt. Für mich ist das Sklaverei. Ich bete täglich dafür, dass eines Tages die alte kubanische Verfassung wieder in Kraft tritt, und ich danke Gott dafür, dass ich in einem freien Land groß werden durfte.

In einer Welt voller Eintagsfliegen sind Sie nach Jahrzehnten immer noch gut im Geschäft. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Ich glaube, dass ich mein Metier heute wesentlich besser beherrsche als vor 35 Jahren. Ich bin ein gutes Werkzeug in der Hand eines Regisseurs, weil ich alles umsetzen kann, was er möchte – es sei denn, er will, dass ich jemanden hart von hinten nehme!

Wie hat sich die Filmindustrie in all den Jahren verändert?

Früher wurden die Hollywoodstudios von Bossen geleitet, die eigenständig entscheiden durften und auch außergewöhnliche Projekte gefördert haben. Heute fabrizieren die Studios fast nur noch Franchise-Großproduktionen: Zeugs wie „Spider-Man“, „Jurassic Park“ oder „Transformers“. Solche Filme richten sich an ein jugendliches Zielpublikum, werden mit gigantischem Werbeaufwand ins Kino gebracht und stehen dann unter dem Druck, sämtliche Kosten möglichst schon am Startwochenende wieder einspielen zu müssen. Ich bin sicher, kein Hollywoodstudio würde heutzutage mehr grünes Licht für „Die Unbestechlichen“ geben – man müsste mühsam versuchen, den Film als Independent-Produktion zu finanzieren.

Was treibt Sie trotzdem an, immer weiter Filme zu drehen?

Im Grunde meines Herzens bin ich ein hoffnungsloser Romantiker. Ich habe noch immer eine ähnlich naive Vorstellung vom Filmemachen wie zu Beginn meiner Laufbahn, als das alles noch ein weit entfernter Wunsch war. Egal, wie ich nach außen hin scheinen mag: Tief in mir drin bin ich bis heute der 13-jährige Junge geblieben – ich habe dieselben Interessen wie damals, dieselben Freunde, dieselben Träume. Manche von ihnen sind glücklicherweise schon in Erfüllung gegangen. Aber ich träume nach wie vor.

Wovon?

Von Geschichten, die ich noch erzählen möchte, von Rollen, die ich gern spielen würde. Mein Appetit auf die Schauspielerei ist noch lange nicht gestillt. Doch mein größter Traum ist es, dass ich eines Tages ein freies Kuba sehen werde!

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