• Interview mit Australiens Ex-Regierungschefin Julia Gillard: „Mein Geschlecht erklärt nicht alles, aber es erklärt auch nicht nichts“

"Die Menschen glaubten, Hillary Clinton sei nicht sympathisch"

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Interview mit Australiens Ex-Regierungschefin Julia Gillard : „Mein Geschlecht erklärt nicht alles, aber es erklärt auch nicht nichts“
Befreundet. Julia Gillard und Hillary Clinton (hier 2011 bei einem Meeting in Washington) tauschen bis heute Briefe aus.
Befreundet. Julia Gillard und Hillary Clinton (hier 2011 bei einem Meeting in Washington) tauschen bis heute Briefe aus.Foto: imago/UPI Photo

Die internationale Politik wird von machistischen Männern dominiert. Auch zu Ihrer Zeit waren einige von ihnen im Amt: Putin, Erdogan, Berlusconi.

… neben dem saß ich beim G-20-Gipfel in Cannes.

Und: Wie ist er?

Kann ich schwer beurteilen. Ich gab mein Bestes, um eine Unterhaltung anzuzetteln. Weit kam ich nicht. Ich kann kein Italienisch, er kaum Englisch.

Bei diesen Gipfeln tauschten Sie sich mit den anderen Staatschefinnen auf dem Frauenklo aus.

Es gibt ja so wenige Frauen in diesen Kreisen. Die Sitzungen sind lang, die Pausen kurz, also rannten wir oft zur selben Zeit dorthin. Wenn ich eine Kollegin beim Händewaschen traf, plauderten wir natürlich ein bisschen. Ich erinnere mich, dass es auch mal um den besonderen Druck gegangen ist, unter dem man als Frau in so einem Amt steht.

Den anderen erging es ähnlich wie Ihnen?

Ich glaube, dass das Genderthema bei Politikerinnen auf der ganzen Welt eine Rolle spielt, wenn es auch kulturspezifisch andere Ausprägungen hat. Es gibt sehr gute psychologische Studien über unbewusste Einflüsse, die dazu führen, dass es wahrscheinlicher ist, dass ein Mann in einer Führungsposition als sympathisch bewertet wird, während weibliche Führungskräfte als nicht besonders nett gelten. Die Facebook-Chefin Sheryl Sandberg hat sie in ihrem lesenswerten Buch „Lean In“ zitiert.

Sandberg setzt sich vor allem für mehr Frauen im Management ein. Wird hier nicht Frauensolidarität gegen Klassenbewusstsein ausgespielt, das verlangen würde, Manager, egal ob Mann oder Frau, in ihren Gehältern und ihrer Machtfülle zu beschneiden?

Dass in Unternehmen in Deutschland und Australien auf Vorstandsebene die Männer nicht fast unter sich oder dass Frauen ihre Karriere ohne sexuelle Übergriffe verfolgen können – das sind doch berechtigte Anliegen. Ich setze mit meiner Arbeit bei der Globalen Bildungspartnerschaft allerdings am anderen Ende an: Mädchen ins Bildungssystem hineinzubekommen. Wenn wir das nicht hinkriegen, sind die Debatten, die wir gerade führen, für viele Frauen auf der Welt hinfällig.

Die Organisation, der Sie vorstehen, fördert Schulprojekte für Jungs und für Mädchen.

Wir arbeiten mit 65 Entwicklungsländern zusammen. 264 Millionen Kinder weltweit können nicht zur Schule gehen, darunter überdurchschnittlich viele Mädchen. Bildung ist zwar kein schnelles, aber ein umso wirksameres Werkzeug in der Entwicklungspolitik. Wenn Mädchen eine Schule besuchen, setzt das eine Aufwärtsspirale für ihr ganzes Umfeld in Gang. Ein gut ausgebildetes Mädchen heiratet in der Regel später, bekommt weniger Kinder, impft sie und schickt sie zur Schule. Letztlich werden so auch Fluchtursachen bekämpft. Wer ein gutes Leben und eine Perspektive in seiner Heimat hat, verlässt sie nicht.

Alice Albright ist Geschäftsführerin der Globalen Bildungspartnerschaft – und die Tochter der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt. Haben Sie mal mit ihr darüber gesprochen?

Klar, jeder, der Madeleine trifft, bespricht diese Themen mit ihr. Sie hätte es so gern gesehen, wenn Hillary die gläserne Decke durchbrochen hätte.

Albright sagte sogar in dieser Zeitung, dass Clinton die Wahl verlor, weil sie eine Frau war.

Es ist komplizierter. In meiner letzten Rede als Premierministerin, als ich wusste, dass es zu Ende geht, sagte ich: Mein Geschlecht erklärt nicht alles über meine Amtszeit, aber es erklärt auch nicht nichts. Das trifft genauso auf Clintons Präsidentschaftskandidatur zu. Natürlich spielte es eine Rolle, dass sich viele Menschen in der sich so schnell wandelnden Welt unwohl fühlen. Europas progressive Parteien bekommen diesen Trend auch zu spüren. Erschwerend kamen für Hillary die geschlechtsspezifischen Vorurteile hinzu; dass die Menschen glaubten, sie sei nicht sympathisch.

Vielleicht trifft das Vorurteil in dem Fall zu. Sie kennen Hillary Clinton persönlich. Ist sie nett?

Oh ja, sie ist toll. Warm, großzügig, lustig.

Tat sie Ihnen im US-Wahlkampf leid?

Sehr. In der Wahlnacht flog ich von Adelaide, wo ich wieder wohne, nach Sydney. Als ich die Maschine bestieg, deutete sich an, dass die Wahl für Hillary nicht so glatt laufen würde. Ich erinnere mich, wie mir die Leute nach der Landung ihre Handys hinhielten: „Julia, was hat das zu bedeuten?“ Alle verfolgten die US-Wahl. Nach den anderthalb Stunden, die wir in der Luft waren, lag Hillary hinten. Ich war schockiert.

Haben Sie Clinton tröstende Worte geschickt?

Ja, aber nicht sofort. Ich weiß, wie es sich anfühlt, einen großen politischen Verlust zu erleiden. Da ist eine bleierne Müdigkeit, die man vorher nicht gespürt hat, weil der Körper noch mit Adrenalin geflutet war. Man erholt sich nur, wenn man sich Ruhe gönnt und Zeit mit Freunden und Familie verbringt. Deshalb habe ich ein paar Monate gewartet, bis ich Hillary schrieb.

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