• Interview mit Australiens Ex-Regierungschefin Julia Gillard: „Mein Geschlecht erklärt nicht alles, aber es erklärt auch nicht nichts“

"Ich wollte keinesfalls weinen"

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Interview mit Australiens Ex-Regierungschefin Julia Gillard : „Mein Geschlecht erklärt nicht alles, aber es erklärt auch nicht nichts“
Noch als Regierungschefin habe Gillard gern gestrickt, um nach einem harten Tag herunterzukommen.
Noch als Regierungschefin habe Gillard gern gestrickt, um nach einem harten Tag herunterzukommen.Foto: imago/Xinhua

Einige deutsche Manager haben nach ihrem Rauswurf Schiffsreisen unternommen. Mit der eigenen Jacht wie ein Telekom-Vorstand oder auf einem Kreuzfahrtschiff wie der Chef eines Privatsenders. Als wollten sie in ihrer Scham in der Weite der Weltmeere verschwinden. Was taten Sie?

Ich zog mich in mein Haus in Melbourne zurück. Bei mir waren die Umstände speziell: In unserem politischen System kann die Regierungspartei ihren Premierminister ersetzen und trotzdem an der Macht bleiben. So war das bei mir. Mein Nachfolger musste sich kurz darauf zur Wahl stellen. Ich dachte, das Beste, was ich für meine Partei tun kann, war, außer Sichtweite zu bleiben. Sonst würden die Medien den innerparteilichen Konflikt immer wieder hochspielen. Wochenlang blieb ich zu Hause. Heute mache ich manchmal Witze darüber, dass ich das Leben einer Einsiedlerin führte.

Wie brachten Sie die Zeit rum?

Ich grübelte, wie eine neue Normalität aussehen könnte. Ich grämte mich auch, ich hatte ja wenig Ablenkung.

Es heißt, Sie stricken gern. Als Premierministerin haben Sie zur Geburt des britischen Prinzen George ein rotes Känguru gestrickt.

Als ich im Amt war, empfand ich Stricken als einen guten Weg, um nach einem durchgetakteten Tag herunterzukommen und Schlaf zu finden. In dieser Phase aber war mir nicht nach Handarbeiten. Ich habe mich gefragt, was mir in meinem Leben bisher am meisten bedeutet hatte. Das waren Bildungs- und Entwicklungspolitik. Zu dieser Zeit suchte die Globale Bildungspartnerschaft eine neue Vorsitzende. Ein Glücksfall.

Seitdem sind Sie viel in Afrika unterwegs?

Ich war zum Beispiel in Kenia, Tansania und Malawi. Gerade Malawi ist ein wunderschönes Land, aber viele Schulen dort sind in einem maroden Zustand, die Klassen bestehen oft aus 100 Kindern. Man muss sich klarmachen, dass an diesen Schulen die Zukunft unseres Planeten gestaltet wird. Ich besuche auch afrikanische Regierungen, denn sie müssen selbst Gelder für Bildung beisteuern, um unsere Fördermittel zu bekommen. Am meisten bin ich in Geberländern unterwegs.

Vor zwei Wochen waren Sie in Berlin.

15 Termine in zwei Tagen. Ich habe Vertreter aus dem Kanzleramt, dem Entwicklungsministerium und dem Bundestag getroffen. In Deutschland steht Bildung ohnehin hoch auf der entwicklungspolitischen Agenda. Ich war direkt vor der großen Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft im Senegal dort, um noch einmal dafür zu werben, dass Deutschland dabei ist und auch finanziell ein starkes Signal sendet.

Und dann schickte Deutschland nur einen Botschafter aus der Region. Die Zuwendungen wurden nur von sieben auf neun Millionen Euro im Jahr erhöht.

Dass die deutsche Regierung vertreten war, obwohl sie mitten in Koalitionsverhandlungen steckt, weiß ich zu schätzen. Wir würden es natürlich begrüßen, wenn man hier noch einmal die finanziellen Möglichkeiten eruieren würde, sobald eine neue Regierung steht. Noch nie hat Bildung so viel hochrangige politische Unterstützung erhalten wie zurzeit. Das zeigte sich in Dakar.

Geleitet wurde die Konferenz von Frankreichs Präsident Macron und dem senegalesischen Staatschef Macky Sall. Die Sängerin Rihanna war da, der Papst schickte Grüße. Was kam konkret heraus?

Die Geberländer haben 2,3 Milliarden US-Dollar jährlich zugesagt, die Entwicklungsländer wollen sogar 110 Milliarden Dollar mehr aus ihren eigenen Haushalten für Bildung zur Verfügung stellen. Von dem Geld können die Länder ihre Bildungssysteme stärken. Es ermöglicht Bildung für Millionen Kinder, leider noch nicht für alle. Viele Geber haben angekündigt, in den kommenden Jahren ihre Mittel für unsere Arbeit weiter aufzustocken. Kanada hat seine Beiträge auf 116 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre verdoppelt – mit der Begründung, dass damit Mädchen gestärkt werden.

Frau Gillard, die deutsche Nachrichtenmoderatorin Gabi Bauer sagte einmal, Frauen sollten niemals öffentlich weinen. Was sollte eine Frau in einer Führungsposition Ihrer Ansicht nach niemals tun?

Das kommt auf die Umstände an. Vor meiner letzten Pressekonferenz als Premierministerin habe ich beherzigt, was die Moderatorin sagte. In Australien gab es Männer, die das Premierministeramt verloren und bei ihrem letzten Auftritt ein paar Tränen verdrückt haben. Ich habe mich extra gestählt, habe meinen Atem beobachtet, damit mir das nicht passierte. Ich wollte keinesfalls weinen, um den Diskussionen kein Futter zu geben, dass Frauen dem Druck so eines Amtes nicht gewachsen seien.

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