Interview mit David Sedaris : Beobachtungen eines Handlungsreisenden

Er hasst es, wenn Leute fragen, wie sein Flug war, und Britinnen im Zug ihre Fingernägel lackieren. Der Schriftsteller David Sedaris über das Unterwegssein.

David Sedaris nimmt seine Umgebung extrem intensiv wahr.
David Sedaris nimmt seine Umgebung extrem intensiv wahr.Foto: Ingrid Christie

Herr Sedaris, Erich Kästner sagte: „Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen.“ Wie halten Sie das, wenn Sie als Autor mehrere Monate im Jahr auf Lesereise sind?

Ich besuche die Museumsshops! Sich in Versuchung führen lassen von Dingen, die ich nicht kaufen kann … Was soll das denn? Wenn ich etwas nicht kaufen kann, will ich es auch nicht sehen! Und in Bars gehe ich eh nicht mehr, seit ich aufgehört habe zu trinken.

Gerade sind Sie in Deutschland, anschließend geht es nach Singapur, dann nach Tokio. Ihr Terminkalender ist durchgetaktet bis Mitte 2020. Ist das ständige Unterwegssein nicht irre anstrengend?

Ach was, ich liebe es! Ich schaue immer nur, wo ich morgen bin. Dann passt das. Aber tatsächlich wollte ich diesen Herbst mal ganz Pause machen. Normalerweise gehe ich um diese Zeit und im Frühling immer auf Lesereise in 40 Städten, doch die Tour mit meinem vorherigen Buch hörte gefühlt gar nicht mehr auf. Nun habe ich ein Bild von dem 1980 gestorbenen Künstler Philip Guston gekauft. Und das muss ich bezahlen.

Reisen hat aber auch für Sie nicht nur angenehme Seiten. In einer Geschichte in Ihrem neuen Buch „Calypso“ schreiben Sie, wie sehr Sie den Smalltalk hassen, durch den Sie auf Reisen müssen.

In Amerika erreiche ich immer irgendwann den Punkt, an dem ich denke, ich ertrage es nicht mehr. Wenn ich in eine neue Stadt komme, und jemand fragt mich: Wie war Ihr Flug?, dann ist der für mich gestorben. Warum fragen die Leute nicht was, was sie wirklich interessiert? Zum Beispiel: Was haben Sie für Ihren Koffer bezahlt?

Die Leute wollen einfach nett sein.

Ja, ja, ich weiß. Doch wenn ich Bücher signiere, höre ich mindestens eine Million Mal den Satz: Oh, ihre Hand muss langsam richtig müde sein. Inzwischen habe ich mir jedoch angewöhnt, mich mit jemandem, der mich ärgert, so lange zu beschäftigen, bis ich ihn mag. Ich denke mir: In der Nervensäge steckt irgendwo eine interessante Person drin. Lass sie uns finden.

Macht Reisen tatsächlich selbst Menschen Ihres Schlags, die einen Platinum-Status bei American Airlines haben, demütig, wie Flaubert einst meinte?

Auslandsreisen, ja. Deshalb mache ich so viele Audiosprachkurse. Wenn ich in Polen essen gehe, können die Angestellten da vielleicht kein so tolles Englisch und riskieren, ausgelacht zu werden. Das will ich nicht. Also stümper ich auf Polnisch rum, und man kann mich auslachen.

Sedaris auf der Frankfurter Buchmesse 2018.
Sedaris auf der Frankfurter Buchmesse 2018.Foto: imago/Manfred Segerer

Sprechen Sie auch ein wenig Deutsch?

Klar. Aber leider bringen die einem in den Kursen nur Smalltalk bei: Wie geht es Ihnen? Frau Meier, möchten Sie mit mir etwas trinken? Was möchten Sie trinken? Wenn ich in Japan bin, erzähle ich, dass mein ältester Sohn in Washington lebt. Ich habe zwar keine Kinder, aber den Satz kann ich halt sagen.

Sie schwindeln den Menschen etwas vor?

Wenn du Konversation mit einem Taxifahrer machst, den du nie wiedersiehst, ist das doch kein Problem. Ich habe auch schon erzählt, ich sei Arzt. Das ist wie beim Schreiben, ein Balanceakt. Ich erwecke den Eindruck, dass ich mich und meine Familie offenbare. Aber das ist eine Illusion. Was wissen meine Leser denn zum Beispiel über meine Schwester? Dass einer ihrer Hunde an hohem Blutdruck starb. Sie wissen nicht, wen sie wählt, was sie nachts wachhält, welche Tabletten sie nimmt …

In der Geschichte „Ganz zu schweigen“ vergleichen Sie Ihr Tun mit dem Wühlen in einem Klo, dem metaphorischen „Arschloch Ihrer Familie“. Wo ziehen Sie die Grenze?

Es ist tatsächlich manchmal schwer zu entscheiden, was man nicht schreibt. Oft würde es die Sachen klarer machen. Gelegentlich sagen die Leute, es ergebe keinen Sinn, dass jemand dies oder jenes tue. Wisse man aber, dass die Person ein Drogenproblem habe, sei alles total logisch. Auch von meiner Schwester Tiffany, die sich umgebracht hat, gibt es Dinge, die ich nie geschrieben hätte. Nicht mal jetzt, wo sie tot ist. Jeder hat seine Geheimnisse, von denen er nicht will, dass die Welt sie kennt.

Zeigen Sie Ihrer Familie die Geschichten vorab?

Ja. Mein Bruder fand es toll, wenn er in meinen Texten auftauchte. Die Öffentlichkeit, die er dadurch bekam, nutzte ihm als Geschäftsmann. Aber inzwischen bittet auch er mich, Dinge zu streichen. Als ich die erste Geschichte über ihn schrieb, hatte er keine Kinder. Jetzt ist seine Tochter 16 und bekommt in der Schule die Hausaufgabe, zu lesen, was für ein Idiot ihr Vater ist. Niemand hätte sich vorstellen können, dass meine Bücher mal Schulstoff werden.

Schmeichelt Ihnen das nicht?

Ich hasse die Vorstellung, dass jemand eine Arbeit über mich schreiben muss. Sich zu überlegen, warum ein Autor diese oder jene Metapher gewählt hat ... So arbeitet keiner. Das passiert doch unterbewusst. Und jetzt soll ich den Leuten auch noch erklären, wie das geht. Kennen Sie „Masterclass“?

Die Onlinekurse, bei denen erfolgreiche Schriftsteller oder Köche ihr Wissen teilen?

Ja, ich soll Essayschreiben lehren. Dabei weiß ich überhaupt nichts darüber! Schon gar nicht, wie ich das irgendwem beibringen soll. Aber sie zahlen irrsinnig viel Geld.

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