Interview mit dem Popsänger Clueso : „Wirklich, wirklich? Ja, Mann, ja, Mann!“

Schon als Kind konnte Clueso nicht still sitzen. Der Popsänger über Meditieren mit Fremden und warum Udo Lindenberg für ihn ein Astronaut ist.

Der Erfurter Künstler veröffentlicht am 24.08.2018 bei Universal Music sein neues Album "Handgepäck I".
Der Erfurter Künstler veröffentlicht am 24.08.2018 bei Universal Music sein neues Album "Handgepäck I".Foto: Martin Schutt/dpa

Clueso, es heißt, Sie leeren Ihre Hosentaschen, bevor Sie auf die Bühne gehen. Angst, was zu verlieren?

Nee, das ist mein Aberglaube: Wenn ich mit ’nem Fünfer in der Tasche loslege, denke ich, es kann nur kacke werden. Natürlich will ich mit meiner Musik Geld verdienen, aber das soll in dem Moment nicht mein Antrieb sein.

In Ihren Liedern geht es häufig darum, dass Ihnen Besitz wenig bedeutet. Welchen Verlust würden Sie trotzdem betrauern?

Meine Gitarre aus einem Vorort von Bangkok, unbehandeltes Holz, kein Lack, ich musste sie unbedingt haben. Der Besitzer wollte sie nicht verkaufen, er hatte sie 20 Jahre zuvor aus Japan mitgebracht. Ich habe ihm eine ganze Weile Songs vorgespielt und ihn schließlich überzeugt, dass sie es bei mir gut haben würde. Die hat keinen musikalischen Wert, aber ich würde durchdrehen, wenn die kaputtgeht.

Was spielen Sie darauf?

Das Unfertige, Rohe animiert mich, das Ding in die Hand zu nehmen und zum Ursprung eines Songs zu gehen, so eine Desperado-Idee. Wenn eine Gitarre schnarzig klingt, komme ich auf bluesige, schmutzige Lieder

Sie haben bis vor Kurzem in einer Künstler-WG gewohnt, besitzen keinen Führerschein, trampen gern, lieben das Provisorische. Jetzt haben Sie sich eine Wohnung in Erfurt gekauft. Was ist los?

Die Wohnung ist eine Art Mohrrübe. Dass ich ein bisschen weiß, wofür ich arbeite. Wenn du Kinder hast, ändert sich das schlagartig, merke ich bei Kumpels. Dann rechnest du hoch und überlegst, was hinterlasse ich? Das habe ich noch nicht.

Ertragen Sie es, bürgerlich geworden zu sein?

Die Wände waren mir zu glatt am Anfang. Alles ist sehr sauber, sehr neu, schöner Holzboden. Ich habe sie zum Ausgleich wie eine Ferienwohnung eingerichtet. Bin zum Tischler gegangen, hab’ mir eine Eichenplatte ausgesucht, lass die Enden holzig, bürste das aus, mach es so hell, wie es geht. Dazu habe ich Kneipenstühle besorgt. Dann eine Couch rein, und das Bob-Dylan-Bild stellte ich wie immer auf den Boden. Das konnte mein Vater nicht ertragen und hat es aufgehängt. Dabei finde ich das voll geil, wenn Bilder da nur so lehnen. Und keine großen Schränke! Bei denen denke ich: kurz vorm Einrichtungsmagazin. Mir gefielen schon immer Räume, die ich überblicken kann.

Clueso

Clueso, 38, heißt eigentlich Thomas Hübner und hat seinen Künstlernamen an Inspektor Clouseau angelehnt – beide sind für ihre Tollpatschigkeit bekannt.
Diese Woche erschien das achte Album des Popsängers, Rappers und Songwriters: „Handgepäck“. Für seine Musik wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet und ist hoch in den Charts eingestiegen.
Clueso lebt, von wenigen Jahren in Köln abgesehen, immer noch in seiner Heimatstadt Erfurt, wo er 1998 eine Friseurlehre abgebrochen hatte. Nach wilden Jahren in Künstler-WGs auf alten Industriegrundstücken wohnt er neuerdings allein, in einer Eigentumswohnung.
Beim Interview in den Räumen seines Labels „Universal“ antwortet Clueso ruhig und nachdenklich – nichts zu spüren von seiner Unruhe und Hyperaktivität, von der er berichtet.

Um das Gefühl zu haben, man könnte alles schnell einpacken und weg?

Ja. Es gibt eine Unruhe in mir, die meisten Künstler, die ich kenne, haben die auch. Bei mir ist sie noch ausgeprägter.

Wissen Sie, woher die kommt?

Ich weiß nur, dass ich früher damit angeeckt bin. Im Schulsystem, bei den Eltern. Ein Kind, das rumrennt und nicht still sitzen kann. Das nervt ja.

Heute würden man Ritalin verschreiben.

Ich war damals, als Zwölfjähriger, vier Wochen in der Nervenkinderklinik. Jeden Tag EKG, EEG, Blutabnahme und komische Tests: vier Geschenke, die alle unterschiedlich groß sind, und ich sollte entscheiden, wer was bekommt und warum. Wie ungerecht!

Haben Sie die Zeit als schlimm in Erinnerung?

Ich hatte vorher nie einen epileptischen Anfall gesehen, plötzlich liegt ein Mensch vor mir und zuckt. Ich dachte, der stirbt. Dann kommt ewig keiner, du rufst: Hallo? Haaaallo? Oder ich bin im Zimmer, da springt ein Patient aus dem Schrank auf mich drauf. Er wollte die Scheibe einschmeißen und flüchten. Ich sagte: Geh doch durch den Ausgang, ist offen. Tat er, und ich habe Schimpfe kassiert. Auf der anderen Seite war es schulbefreite Zeit. Ich habe Gitarre gespielt, Freunde gefunden, die Krankenschwestern waren cool. Nicht so wie die verknatschten DDR-Ärzte.

Was meinen Sie?

Da arbeiteten 1992 noch einige dieser empathielosen Typen. Guten Tag, aufstehen, waschi-waschi. Gar kein Mitleid mit den kleinen Seelen, die da liegen. Zum Glück gab es die Musik.

Sie haben sich damit selbst medikamentiert?

Kann man so sagen. Später zog ich mit meinen Kumpels ausgerechnet in dieses Gebäude. Ich sagte: Guckt mal, jetzt sind wir die ersten freiwilligen Verrückten hier. Wenn Kinder zu Besuch kamen, habe ich sie ermuntert, die Wände anzumalen. Hier hast du eine Tasse, zerschmetter sie auf dem Hof. Wirklich, wirklich? Ja, Mann, ja, Mann. Wir haben die kackbraunen Heizkörper und die pissgelben Wände weiß gestrichen und den Ort zu unserem gemacht.

Wer hat Ihnen als Kind geholfen, wenn es Ihnen schlecht ging?

Mein Opa. Der hat mit mir Gitarre gespielt, mir das Schrammeln auf den Saiten beigebracht. Er kennt ein Sammelsurium lustiger Songs, Arbeiterlieder mit Twist. „Keine Träne für den alten Joe“ zum Beispiel, da geht’s um einen Vampir, dem die Zähne ins Klo gefallen sind und der nur noch Knutschflecke hinterlässt. Die Vampir-Innung schließt ihn aus, er ist sauer, und am Schluss wird er als Jugendtrainer eingesetzt.

Hat Sie das getröstet?

Ja, aber auch Opas Sprüche, er hatte immer kleine Weisheiten für mich. Meine erste Freundin rennt weg, er setzt sich zu mir, du bist ja ganz traurig, kommt die noch mal? Nein? Schade, sie war ein dufter Typ. Mit Frauen ist’s wie mit Straßenbahnen, Thomas, einfach warten, dann kommt die nächste.

In dem Moment nicht lustig.

Aber im Nachhinein schon. Wenn wir irgendwo reinkommen, zeigt Opa auf mich: Er ist berühmt, ich bin berüchtigt. Diese Lockerheit habe ich mir abgeguckt. Er erinnert mich an den Schauspieler Roberto Benigni. Gerade wenn es nicht der richtige Augenblick für einen Witz ist, kommt Opa Horsti und macht einen. Und niemand nimmt es ihm übel. Wie im Krankenhaus an der Rezeption: Ich würde gern meine Frau abholen, egal welche, Hauptsache sie ist gesund.

Ihre letzten beiden Alben landeten auf Platz eins der Charts, Sie wurden einige Male ausgezeichnet. Versteht Ihr Opa, wenn Sie trotzdem mal klagen?

Das ist die Nachkriegsgeneration, da gerätst du nicht in den Jammermodus. Opa greift das Thema auf, lässt es durch seinen Gag-Filter laufen, komm jetzt hier rüber, iss ein Stück Kuchen. Wichtig, dass man so jemanden hat.

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