Interview mit Hong Chau : „Als Asiatin spielt man höchstens die Putzfrau“

Früher war sie zu schüchtern, Leute anzusprechen. Heute ist Hong Chau erfolgreich in Hollywood – mit echten Tränen und falschem Hinkefuß.

Marco Schmidt
In "Downsizing" spielt Hong Chau (li.) an der Seite von Matt Damon (re.) die weibliche Hauptrolle.
In "Downsizing" spielt Hong Chau (li.) an der Seite von Matt Damon (re.) die weibliche Hauptrolle.Foto: imago/Cinema Publishers Collection

Frau Chau, im Internet heißt es, Sie seien 1979 in einem thailändischen Flüchtlingslager zur Welt gekommen. Das genaue Geburtsdatum findet man nirgends. Ist es unbekannt?

Nein. Ich bin am 25. Juni geboren. Ein Krebs!

Und Ihre Eltern waren Vietnamesen auf der Flucht vor dem kommunistischen Regime?

Genau. Meine Mutter war im sechsten Monat schwanger mit mir, als sie mit meinem Vater und meinem fünfjährigen Bruder in Vietnam ein klappriges Flüchtlingsboot bestieg. Mein Vater wurde sogar von Regierungstruppen angeschossen und wäre auf der dreitägigen Odyssee übers Meer fast verblutet. Kurz vor der thailändischen Küste wurde das Boot von Piraten überfallen, die meinen Vater allerdings nicht ausraubten, weil er völlig blutüberströmt war. Nur deshalb hatten meine Eltern bei der Ankunft in Thailand noch ein bisschen Geld übrig, mit dem sie nach meiner Geburt Babynahrung kaufen konnten.

Meine Güte! Wie kamen Sie dann in die USA?

Dank einer großherzigen Gastfamilie in New Orleans – Leute, die selbst vor Jahren nach Amerika ausgewandert waren und sich bereit erklärten, uns bei sich aufzunehmen. Ja, so etwas gab es damals noch! Meine Eltern kannten dort niemanden und sprachen kein Wort Englisch. Bis heute rede ich nur Vietnamesisch mit ihnen; Englisch habe ich erst in der Schule gelernt. Und sie haben sich viele Jahre lang in üblen Hilfsarbeiterjobs abgerackert, haben Teller gewaschen und Klos geputzt, damit ihre drei Kinder zur Schule gehen und studieren konnten.

Hong Chau

Hong Chau, 38, gilt als eine der größten schauspielerischen Entdeckungen der vergangenen Jahre: In Alexander Paynes Science-Fiction-Satire „Downsizing“, die in dieser Woche im Kino angelaufen ist, spielt sie Matt Damon und Christoph Waltz an die Wand – in der Rolle einer furchtlosen Aktivistin mit künstlichem Bein und goldenem Herzen. Dafür wurde Chau bereits für diverse wichtige Preise nominiert, darunter der Golden Globe; Experten glauben an eine Oscar-Nominierung, obwohl „Downsizing“ erst ihr zweiter Kinofilm ist.
Geboren wurde Chau 1979 in Thailand als Tochter vietnamesischer Boatpeople, aufgewachsen ist sie in einem asiatischen Viertel in New Orleans. Zur Schauspielerei gelangte sie auf Umwegen über ein abgeschlossenes Studium der Filmwissenschaft in Boston. Jahrelang schlug sie sich als Nebendarstellerin in verschiedenen Fernsehserien durch, ehe sie eine Rolle in Paul Thomas Andersons skurrilem Kinokrimi „Inherent Vice“ bekam.
Wer Chau in „Downsizing“ erlebt hat, als ruppige, hitzköpfige, missmutige, humpelnde Rebellin mit heftigem vietnamesischen Akzent, der ist bei der Begegnung mit ihr in Los Angeles, wo sie seit neun Jahren wohnt, einigermaßen verblüfft: Sie entpuppt sich als ausgesprochen höfliche Dame, die ruhig und wohlüberlegt antwortet, gern lacht, kein bisschen hinkt und völlig akzentfrei Englisch spricht.

Wann wurde Ihr Berufswunsch geweckt?

Sehr spät. Als Jugendliche interessierte ich mich eher für Naturwissenschaften, so etwas wie Schauspielerei lag mir völlig fern. Ich war extrem schüchtern und traute mich nicht einmal, andere Leute anzusprechen, geschweige denn, ihnen in die Augen zu sehen. Doch ich begann, mich fürs Schreiben zu begeistern: Ich wollte Geschichten wie die meiner Familie erzählen. Also studierte ich Filmwissenschaften in Boston, weil ich glaubte, dort das nötige Handwerk lernen zu können und absolvierte diverse Praktika bei Dokumentarfilmern und TV-Sendern. Bis heute höre ich gern anderen Leuten zu, beobachte lieber, mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen.

Das merkt man Ihnen überhaupt nicht an.

Um meine Scheu zu überwinden, besuchte ich während meines Studiums Abendkurse zu den Themen „Sprechen in der Öffentlichkeit“ oder „Improvisation“ und spielte aus Gefälligkeit in vielen Kurzfilmen meiner Studienkollegen mit. Ein Professor meinte eines Tages zu mir: „Du hast Talent. Mach’ was draus!“ Daraufhin ließ ich mich überreden, zu Castings zu gehen. Es war eher eine Mutprobe, weil ich furchtbar Schiss davor hatte, aber offenbar hat mir diese Angst eine Art perversen Nervenkitzel bereitet. Ich absolvierte ein Vorsprechen nach dem anderen, nahm schließlich Schauspielunterricht in New York, agierte dort wiederum in Studentenfilmen und miesen Off-Broadway-Produktionen und zog 2008 auf Anraten eines Regisseurs nach Los Angeles.

Hat Hollywood Sie mit offenen Armen empfangen?

Oh nein. Als Newcomerin wird man bei Castings meist schon nach wenigen Sätzen wieder heimgeschickt. Und als Asiatin darf man in der Regel vor der Kamera höchstens mal als Stichwortgeberin in Form einer Putzfrau, Masseurin oder Taxifahrerin fungieren. Weil jedoch Verbitterung zu nichts führt, habe ich versucht, mich voller Optimismus langsam nach oben zu arbeiten: von der Kleindarstellerin mit zwei Dialogzeilen über den Gastauftritt in einer Sitcom bis zur wiederkehrenden Rolle in einer Fernsehserie. Eines meiner schönsten Erfolgserlebnisse hatte ich bei der TV-Serie „Shit! My Dad Says“, wo ich mit meinem Kurzauftritt bei William Shatner einen Lachanfall ausgelöst habe. Ich dachte: Wow, du hast gerade Captain Kirk zum Lachen gebracht!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben