Interview mit Katrin Bauerfeind : "Ein Ring im Sektglas ist Körperverletzung"

Ihre Oma kann „Ich liebe dich“ nicht sagen – nur backen. Katrin Bauerfeind über das größte aller Gefühle, übergriffige Komplimente und wann sie Schluss macht.

Katrin Bauerfeind hat ein neues Buch über die Liebe geschrieben.
Katrin Bauerfeind hat ein neues Buch über die Liebe geschrieben.Foto: Mike Wolff

Frau Bauerfeind, Sie haben mit „Alles kann, Liebe muss“ ein Buch über Ihre Erfahrungen mit dem Thema geschrieben. Eine Episode fehlt: Wann haben Sie das erste Mal „Ich liebe dich“ gesagt?

Krass …

Da müssen Sie nachdenken?

Ich weiß das wirklich nicht. Lustigerweise weiß ich genau, wann ich es zum ersten Mal gehört habe.

Nämlich?

Das war in Italien. Mario war 16, Stracciatellalächeln, Vespa, kein Helm. Nach vier Tagen und acht Ramazzotti sagte Mario mir beim Knutschen auf dem Campingplatz: „Ich muss eine Wasserwaage haben.“ Es stellte sich raus, er meinte: „Ich mussa di wassa sage.“ Und ich: Nee, das ist nicht gut. Wahrscheinlich gesteht er mir jetzt, dass er verheiratet ist oder es mag, wenn man ihm die Füße leckt. Doch er sagte: Ich liebe dich.

Und Sie?

Ich wusste, ich kann dem nichts antworten. Das hatte ja nichts mit Liebe zu tun. Man ist 16 und rafft nix, vor allem nicht, wie viel man verträgt, aber selbst in dem Alter weiß man ja, es gibt einen Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe. Und bei der Liebe darf man nicht lügen.

In der Liebe und im Krieg ist doch alles erlaubt ...

Es gibt noch so ein paar Sachen im Leben, da darf man nicht bescheißen. Du kannst wirklich alles machen, wenn du verknallt bist, aber Liebe, da darf man nicht lügen.

Katrin Bauerfeind

Katrin Bauerfeind, 35, stammt aus dem schwäbischen Aalen und ist Fernsehjournalistin, Moderatorin und Autorin. Bekannt wurde sie mit der Internetsendung „Ehrensenf“, die 2006 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Seit 2014 moderiert sie die Sendung „Bauerfeind assistiert“, die auf 3Sat ausgestrahlt wird. Jetzt erschien ihr drittes Buch „Alles kann, Liebe muss – Geschichten aus der Herzregion“, mit dem sie ab sofort auch auf Lesereise ist. Am 30. November tritt sie im Waschhaus in Potsdam auf.
Zum Interview im Tagesspiegel-Gebäude kommt Katrin Bauerfeind nach einigem Hin und Her einen Tag zu früh und eine halbe Stunde zu spät. Es gibt keine Parkplätze. Aus ihrem weißen Strickpullover schaut ein Hemd mit Leopardenprint. Den Kaffee trinkt Katrin Bauerfeind schwarz, sie ist laktoseintolerant. Sie setzt sich und warnt: Ich rede viel.

Dabei wird der Begriff heute inflationär benutzt.

Das war ja auch einer der Anlässe, das Buch zu schreiben: Edeka liebt Lebensmittel, VW baut „aus Liebe zum Automobil“, Instagram ist überhaupt nichts anderes mehr, jeder liebt alles, es wird mit Herzen um sich geworfen. Das zeigt aber nur, dass es da ein unfassbar großes Bedürfnis gibt. Doch man kann die Liebe nicht der Werbung überlassen oder dem Schlager.

Ihr Job ist also neben der Arbeit im Fernsehen und auf der Bühne die Ehrenrettung der Liebe?

Hass und Wut gelten als ernst, die Liebe immer sofort als kitschig. Keiner hat ein Problem damit, zu sagen: Du bist ein Arschloch. Liebe rüberzubringen ist oft sehr viel schwerer, weil sie wirklich schmerzhaft sein kann. Da draußen setzen viele Leute nur noch auf Eskalation. Ich fühle mich auch oft wie eine Dreijährige im Körper einer 35-Jährigen und will mit dem Fuß aufstampfen, wenn was nicht läuft. Aber man weiß ja, wohin Eskalation führt: zu noch mehr Eskalation. Man muss nur mal auf die Straße gucken.

Wie meinen Sie das?

Ich habe neulich bei einer Freundin halb legal auf dem Bürgersteig geparkt. Schnell rein, hallo, was abholen, Tschüß. Bis ich zurück bin, habe ich einen Zettel dran: „Sie parken faktisch vor einer Einfahrt. Beim nächsten Mal: Spiegel ab, Arschloch.“ Von „macht mir nichts“ bis „ich raste gleich aus“ sind nur knapp zehn Minuten vergangen. Kurze Zeit später werde ich selbst eingeparkt und schreibe auch so eine Hassnachricht. Es stellt sich raus, ich bin von ’ner Mutter zugestellt worden, die ihr fiebriges Kind aus der Kita holen musste. Dann stehst du da und hättest gern eine Rückspultaste für dein Leben.

Was haben Sie auf den Zettel geschrieben?

Ich weiß nicht, ob man das in der Zeitung schreiben kann …

Versuchen wir es mal!

„Parkpimmel“. Ich war wirklich sehr wütend. Und dann habe ich gedacht, vielleicht ist es dem Mann, der mir geschrieben hat, genauso ergangen. Vielleicht sollten wir Zettel dabei haben mit der Aufschrift: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und Liebe und alles Gute.“ Mir ist klar, dass das total naiv klingt, weil wir so die Welt nicht retten, aber vielleicht die Stimmung für ein paar Stunden, und es kann doch sein, dass das am Ende den Unterschied macht.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Verliebtsein?

Klar. Mit zwölf. Ich dachte, den heirate ich. Wir waren im Kino. Er hat meine Hand an sich gerissen und während des ganzen Films nicht mehr losgelassen. Wir saßen da und keiner traute sich, sich zu bewegen, aus Angst, alles mit dieser Bewegung kaputt zu machen.

Geheiratet haben Sie ihn offensichtlich nicht.

Natürlich nicht. Zwei Wochen später war es schon wieder vorbei. Aber die Geschichte ist ja eigentlich, dass die Erwachsenen immer sagen, wenn du klein bist, hast du keine Ahnung von Liebe.

Stimmt nicht?

Ich bin überzeugt, dass diese zarten Anfänge auch Liebe sind. Gerade am Anfang rennt man rum ohne diese Abwehrmechanismen und ohne die ganzen Sachen, die man glaubt zu brauchen, um nicht nochmal verletzt zu werden.

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