Interview mit "Rum Trader"-Chef Gregor Scholl : „Rum, Tequila, Gin, Cola – völliger Unfug!“

Seine Arbeit: irgendwas zwischen Bahnhofsmission und Beichtstuhl. Barkeeper Gregor Scholl über betrunkene Gäste, die Familie Bacardi und seinen Lieblingstoaster.

Der 54-jährige Gregor Scholl, ursprünglich Komponist, übernahm den „Rum Trader“ 2001. Gegründet wurde die Bar bereits 1976.
Der 54-jährige Gregor Scholl, ursprünglich Komponist, übernahm den „Rum Trader“ 2001. Gegründet wurde die Bar bereits 1976.Foto: Mike Wolff

Herr Scholl, es heißt oft, das „Berghain“ habe die härteste Tür Berlins. Wer das behauptet, hat offenbar noch nie versucht, mal bei Ihnen eingelassen zu werden.

Als mir der „Rum Trader“ noch nicht gehörte, habe ich das oft selbst erlebt. Schon damals dachte ich: Reduzierter und konsequenter als diese wunderschöne kleine Bar geht es kaum. Da wohnte ich noch in Köln, war immer nur für ein paar Tage in der Stadt, und dann stand ich manchmal zu spät vor der Tür.

Der „Rum Trader“ ist eine Berliner Institution, doch er misst bloß 32 Quadratmeter, Toiletten inklusive. Da sind die Plätze schnell weg.

So 20, 25 Leute passen schon hinein, und man kann auch reservieren.

Was für Gäste wollen Sie draußen halten?

Eigentlich gilt nur: keine Minderjährigen, keine Hunde – und keine kurzen Hosen; vielleicht noch mit Kniestrümpfen, aber sonst ist das indiskutabel. Natürlich hilft auch niemand weiter, der eine Weinschorle oder einen Campari Orange bestellt.

Sondern?

Unsere Schwerpunkte sind Gin-, Rum- und Champagnercocktails, mit der größtmöglichen Perfektion und Genauigkeit zubereitet. Es geht um ein bestimmtes Erlebnis. Mein Freund Ulrich Tukur vergleicht den „Rum Trader“ mit Sporttheater. Sie kennen vielleicht das Théâtre de la Huchette in Paris, wo seit Jahrzehnten immer wieder dieselben Stücke von Ionesco aufgeführt werden.

Sie zelebrieren Ihre Form des absurden Theaters seit 2001. Die Bar gibt es allerdings schon 40 Jahre. Gegründet wurde sie 1976 von Hans Schröder …

…. der mich später gezwungen hat, die Bar zu übernehmen. Er hat mir sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt und gesagt …

… „Gregor, du machst das!“

Nein, er hat „Herr Scholl“ gesagt. Wir haben uns nur gesiezt. Einmal meinte er: Ich hoffe, Sie erwarten nicht von mir, dass wir uns duzen. Ich antwortete: Das fände ich mehr als befremdlich. Formelle Distanz ist nicht unbedingt ein Mangel an innerlicher Nähe. Man muss einem Menschen zugewandt sein, das ist auch bei den Gästen wichtig. Nicht diese asiatische Freundlichkeit, dieses Grinsen, das ist völliger Unfug. Sie müssen den Menschen meinen in dem Moment.

Gregor Scholl

Gregor Scholl, 54, ist seit 2001 Besitzer des „Rum Trader“ in Wilmersdorf, der ältesten privat geführten Bar Berlins. Für ein paar Jahre betrieb er außerdem „Le Croco Bleu“ in Prenzlauer Berg. Scholl wuchs im Rheinland auf und war zunächst Komponist.
Ende der 90er Jahre kam er nach Berlin und arbeitete in der „Paris Bar“. In seinem „Rum Trader“, der 1976 von Scholls Vorgänger Hans Schröder gegründet wurde, serviert er den Gästen Cocktails aus Champagner, Gin – und natürlich Rum. Er hat rund 200 Sorten der Zuckerrohr-Spirituose auf Lager.
Für das Interview hat Scholl ein Restaurant in der Nähe der Bar gewählt. Dort grüßt man ihn persönlich, genau wie auf der Straße. Der Barkeeper trägt Seitenscheitel, Siegelring und einen braunen Anzug.
Er spricht leise und sehr gewählt. Nur gelegentlich nimmt er eine Prise Schnupftabak. Gleich zu Beginn des Gesprächs formuliert er höflich eine Bedingung: „Fragen Sie mich bitte nicht, was der Sommerdrink wird, dann ist gut.“

Der „Rum Trader“ gilt als die älteste bestehende Bar der Stadt.

Die älteste freie. Einige Hotelbars gibt es schon länger, aber die wurden meist im Laufe der Zeit komplett umgebaut. Die Barkultur entstand in Deutschland in den 20er Jahren, in Berlin insbesondere hier im Dreieck Wilmersdorf-Schöneberg-Charlottenburg. Oft war damals noch ein Tanzcafé dabei, ein Pianist oder Geiger spielte, es gab ja keine Musik aus der Konserve. Der Großteil dieser Bars ist im Krieg zerstört worden. Nicht erst von den Alliierten, sondern bereits von den Nazis. American Bars galten als undeutsch. Zum Beispiel jene im Adlon, wo mein Vorgänger, Herr Schröder, gelernt hat. Da wurde 1943, nach Goebbels Rede vom „totalen Krieg“, die Theke abgesägt, und dann haben sie auf dem Betonstumpf heimisches Bier verkauft.

Erinnern Sie sich an den ersten Barbesuch Ihres Lebens?

Ja, ich habe einen leichten Champagnercocktail getrunken. Aber wo war das nochmal? Ich meine, im Dom-Hotel in Köln. Mit 18. Dort gab es diesen skurrilen Kollegen, der nie schüttelte, sondern immer bloß rührte. Einmal hat er an einem Wettbewerb teilgenommen, wo er schütteln musste und überstand die erste Runde nicht.

Und nach dem Champagnerdrink war klar: Das will ich auch machen?

Nein. Aber ich komme aus einem Künstlerelternhaus, Trinken war bei uns Teil der Lebenskultur. Es gab vernünftigen Wein, und wenn ich ab einem bestimmten Alter mal einen Cognac probieren wollte, bekam ich den auch. Bars waren immer Orte, die mich interessierten. Muss wohl an ihrer Aura liegen. Wissen Sie, unsere Gäste sind dem Grunde nach Kinder, die durch den Alkohol wieder in den Schoß der Unschuld zurückkehren wollen. Das ist letztlich die Sehnsucht.

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