„Wenn Gesetze eindeutig wären, bräuchten wir keine Gerichte“

Seite 2 von 3
Interview mit Thomas Bauer : „Die Mitte wird immer leerer“
Der IS sei ein Musterbeispiel für Ambiguitätsintoleranz, sagt Thomas Bauer.
Der IS sei ein Musterbeispiel für Ambiguitätsintoleranz, sagt Thomas Bauer.Foto: REUTERS

Eindeutigkeit hat doch viele Vorteile. Wissenschaft wäre ohne klare, überprüfbare Ergebnisse gar nicht denkbar.

Natürlich gibt es Dinge, die man eindeutig wissen muss. Dass ein Medikament wirkt und keine unberechenbaren Nebenwirkungen hat, darauf muss man sich verlassen können. Und wenn ich in ein autonom fahrendes Auto steige, möchte ich auch, dass es klar reagiert. Andererseits hat selbst der Physik-Nobelpreisträger Niels Bohr gesagt, wir wären auf dem völlig falschen Weg, wenn wir überall Eindeutigkeit suchten. Wir leben nun mal in komplexen Gesellschaften, in denen es zwangsläufig zu mehrdeutigen Situationen kommt.

Welche denn?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wussten die USA noch ganz genau, dass man ein großes Land wie Deutschland nicht aufbauen kann, indem man sämtliche Diener des alten Regimes entlässt. Da war man sogar zu großzügig, in der Justiz hätte man ruhig noch ein paar Nazis mehr rausschmeißen sollen. Später im Irak alle Mitglieder der Baath-Partei zu entfernen, war unklug. Das war zwar eindeutig – alle raus! Doch sämtliche Angehörige der Streitkräfte loszuwerden, hat dazu geführt, dass die sich dann extremistischen Organisationen angeschlossen haben. Der IS übrigens erfüllt die drei Merkmale für Ambiguitätsintoleranz geradezu beispielhaft: Wahrheitsobsession, Ablehnung von Konvention und Geschichte, Streben nach Reinheit.

45 Prozent der islamistischen Attentäter sind Ingenieure, schreiben Sie.

Ein Ingenieur muss, das ist sein Beruf, eindeutige Lösungen herstellen. Die Religion in ihrer extremistischen Ausformung erwartet genau diese ingenieurhafte Eindeutigkeit.

Die Politik doch auch. Braucht nicht jeder Staat eindeutige Regeln, um zu funktionieren?

Die Regeln müssen gar nicht eindeutig, nur allgemein und eingrenzbar sein. Wenn Gesetze eindeutig wären, bräuchten wir keine Gerichte. Mein Lieblingsbeispiel ist der Paragraf 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Satz gilt immer noch, obwohl wir unter Menschenwürde heute nicht mehr das Gleiche verstehen wie 1948. Eine der größten Ambiguitätsleistungen, die die europäische Gesellschaft hervorgebracht hat, ist doch die Demokratie. Die verlangt das Aushalten von Widersprüchen. Die meisten Parteien behaupten ja nicht, die Wahrheit zu verkünden, sondern nur das, was ihrer Meinung nach am besten für die Gesellschaft ist. Wenn sich die Mehrheit anders entscheidet, akzeptieren sie das.

Heißt das, eine demokratische Gesellschaft muss auch Zwangsehen und Faschisten aushalten?

Zunächst einmal bitte nicht Toleranz und Akzeptanz mit Mehrdeutigkeit verwechseln. Dass ich etwas toleriere, heißt ja noch lange nicht, dass ich es akzeptiere. Bei der Ambiguitätstoleranz geht es um das Aushalten von Vieldeutigkeit, Vagheit. Die katholische Kirche zum Beispiel ist in ihrer Geschichte nicht immer tolerant gewesen, sehr wohl aber ambiguitätstolerant. In allen deutschen Bistümern ist es alltägliche Praxis, dass man auch dem nicht katholischen Ehepartner die Kommunion gibt. Aber darf man es offiziell erlauben? Wenn ein Pfarrer jetzt überhaupt keine Anleitung bekommt, bürdet man ihm eine Last auf. Schließlich einigten sich die Bischöfe darauf, eine Handreichung zu veröffentlichen – allerdings nicht als offiziellen Beschluss, sondern als formlosen Bericht. Da sieht man, was man mit einer gewissen Ambiguitätstoleranz erreichen kann: Ein Problem lässt sich lösen, ohne es endgültig zu lösen.

Pädagogen sagen, Kinder brauchen verlässliche Regeln. Jeder Pubertierende gleicht einem kleinen Radikalen. Wann ist der Mensch reif für Ambiguität?

Natürlich braucht es eine gewisse geistige Reife, und man kann das tatsächlich nur lernen, wenn man auch Werte hat, an denen man sich ausrichtet. Das Problem ist, heute tendieren die Leute verstärkt zu den Extremen: Gleichgültigkeit und Fundamentalismus. Die Mitte wird immer leerer. Denken Sie ans Essen. Es gibt zunehmend Leute, die – auch mit guten Gründen – Vegetarier sind. Aber viele lassen es nicht dabei, die müssen dann noch Veganer sein. Auf der anderen Seite gibt es bekennende Paleo-Menschen, die das Fleisch am liebsten noch roh essen. Ich glaube, es ist gut, Kinder mit einer Bandbreite vertraut zu machen. Deswegen ist es auch Unfug, wenn bei Pippi Langstrumpf aus dem „Negerkönig“ ein „Südseekönig“ wird. Warum erklärt man Kindern nicht einfach, weswegen man diesen Begriff heute nicht mehr benutzen würde?

Seite 2 von 3 Artikel auf einer Seite lesen

22 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben