Interview mit Wirtschaftsexpertin Amrita Narlikar : „Jemand wie ich darf wie ein Hippie klingen“

Wenn die Europäer sich moralisch geben, wird sie misstrauisch. Wirtschaftsexpertin Amrita Narlikar über Kinderarbeit, indische Deals und Hölderlin.

Narlikar ist seit 2014 Präsidentin des sozialwissenschaftlichen Instituts „GIGA German Institute of Global and Area Studies“ in Hamburg, das Entwicklungen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost beobachtet.
Narlikar ist seit 2014 Präsidentin des sozialwissenschaftlichen Instituts „GIGA German Institute of Global and Area Studies“ in...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Frau Narlikar, in den USA ist die Arbeitslosenquote auf einem historischen Tief, die Wirtschaft wächst kräftig. Was denken Sie als Expertin für Handel: Hat Donald Trump alles richtig gemacht?

Es stimmt, dass die Situation überraschend gut ist – trotz Trumps Protektionismus. Die Wirtschaft befindet sich noch in einer langfristigen Erholungsphase nach der Rezession, verantwortlich dafür sind eher frühere politische Entscheidungen. Der niedrige Leitzins der amerikanischen Zentralbank Fed ist auch sehr hilfreich. Und globale Wertschöpfungsketten brechen nicht von einem Tag auf den anderen zusammen. Nehmen Sie US-Farmer, die Maschinen benutzen, für die Aluminium importiert werden muss: Bevor Teuerung durch höhere Zölle bei denen ankommt, dauert es.

Rechnen Sie bald mit einem Abschwung?

Es würde mich sehr überraschen, wenn der Boom anhielte. Die chinesische Wirtschaft wächst nicht mehr so stark, Europa kämpft ebenfalls mit Problemen. Das wird sich auf die Exporte der USA auswirken. Auch die Zinsen werden steigen, Trump befindet sich schon im Konflikt mit der Fed.

Ist Trump Zeichen einer Krise der Globalisierung?

Mindestens eins hat er richtig gemacht: Er hat eine tiefe Unzufriedenheit identifiziert. Es gibt in den USA Leute, die durch die Globalisierung zu Verlierern geworden sind. Liberale wie ich haben es versäumt, ihnen zu signalisieren: Wir verstehen, was ihr durchmacht, und werden uns für bessere Umverteilung einsetzen. Man dachte, die Vorteile der Globalisierung seien offensichtlich und vertraute darauf, dass die Gewinne in alle Bereiche der Gesellschaft durchsickern – was nicht der Fall ist.

Sie sind eine entschiedene Verfechterin der Globalisierung und Ihr „Giga“ ist eine der wichtigsten deutschen Denkfabriken …

… nein, da muss ich widersprechen. Wir denken zwar, und manchmal sind wir eine Fabrik. Aber als Leibniz-Institut betreiben wir im Unterschied zu Thinktanks auch Grundlagenforschung und publizieren in angesehenen Fachzeitschriften. Darauf basiert unsere Politikberatung.

Amrita Narlikar

Amrita Narlikar ist Wirtschaftswissenschaftlerin und seit 2014 Präsidentin des „GIGA German Institute of Global and Area Studies“ in Hamburg; das traditionsreiche sozialwissenschaftliche Institut analysiert Entwicklungen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost. Zugleich ist sie Professorin an der Uni Hamburg. Narlikar stammt aus Indien. Sie studierte zunächst in Delhi, ging dann nach Oxford und wurde schließlich Hochschullehrerin in Cambridge. Ihr Spezialgebiet ist Internationale Politische Ökonomie, sie veröffentlichte unter anderem zum Thema Handel und Entwicklungsländer.
Der Vater, ein Physiker, und die Mutter, Journalistin und Künstlerin, folgten ihrer Tochter nach Hamburg. Weil sie Deutschland mögen – und weil sie nahe bei ihrem einzigen Kind sein möchten. Das Interview findet in der Redaktion des Tagesspiegel statt, und am leidenschaftlichsten erzählt Narlikar nicht etwa über GATT und WTO – sondern über ihren Hund Don, der sie für seine Schwester hält. Ihr Alter verrät Narlikar, im Unterschied zu anderen Gesprächspartnern, nicht. Später schickt sie eine Begründung: Die Welt sei altersdiskriminierend und der Datenschutz für sie ein „sehr hohes Gut“.

Im Vorfeld des G-20-Treffens in Hamburg im vergangenen Jahr arbeiteten Sie an einem Vorbereitungspapier für die Kanzlerin mit. Haben Sie sich auch angehört, was die Gipfelgegner zu sagen hatten?

Mit den Autonomen habe ich nicht geredet, abgesehen davon hatten wir viele Gespräche mit der Zivilgesellschaft. Ich bin mir sogar einig mit linken Kritikern, dass die Entwicklungsländer besser in internationalen Organisationen repräsentiert sein müssen. Falsch finde ich es, wenn einige sagen, man bräuchte die G20 gar nicht. Zugegeben, manche Leute folgen dem Motto: Ich reise zu Konferenzen, also bin ich – was vor allem problematisch ist bei Experten für den Klimawandel. Aber die G20 sind ein Forum, bei dem sich Staats- und Regierungschefs wirklich mal in die Augen sehen können. Es war richtig, es in einer Großstadt abzuhalten, damit den Entscheidungsträgern die Wut der Bevölkerung vor Augen geführt wird und damit sich keiner beschwert, der Gipfel finde in aller Heimlichkeit auf irgendeinem Schloss statt.

Sie meinten mal, das internationale Handelssystem sei ein völliges Chaos.

Heute ist es total kaputt, zumindest gilt das für die WTO. Weil es eben nicht mehr nur Schwellenländer wie Indien sind, die keine Zugeständnisse machen wollen, sondern die USA, die sich weigern, den Spielregeln zu folgen. Trump behauptet, Handelskriege seien gut und leicht zu gewinnen, was nicht stimmt. Zugleich präsentieren sich die Chinesen als Hüter der Globalisierung. Ich warte noch auf einen Beweis dafür.

Der chinesische Markt ist abgeschirmt. Und wer dort investiert, muss seine Technologie weitergeben.

Wir brauchen einerseits strengere Regeln, zum Beispiel was geistige Eigentumsrechte angeht, andererseits mehr Offenheit – und zwar möglichst wechselseitig. Also nicht, wie wir es zum Beispiel von der EU sehen, die den Entwicklungsländern sagt: Öffnet all eure Märkte, aber wir werden unsere Agrarindustrie mit Subventionen schützen.

Sie haben zu Zoll- und Handelsabkommen geforscht und zuletzt gemeinsam mit Ihrer Mutter ein Buch über Ihr Heimatland Indien veröffentlicht.

Man könnte erwarten, Indien verhalte sich international dem Westen sehr ähnlich. Weil es die größte Demokratie der Welt ist und so lange britische Kolonie war. Und dann taucht das Land in internationalen Verhandlungen auf und gibt den Spielverderber. Bei der WTO hatte der indische Vertreter den Spitznamen „Dr. No“. Bisher gab es wenige Versuche, dieses Verhalten zu verstehen.

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