„Das ganze Lederding hat etwas sehr Homoerotisches“

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Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson : „Himmelherrgott, natürlich ist das ironisch“
Der Rocker. Dickinson 2017 im Konzert mit Iron Maiden beim Rock in Idro Festival in Bologna.
Der Rocker. Dickinson 2017 im Konzert mit Iron Maiden beim Rock in Idro Festival in Bologna.Foto: imago/Zuma Press

Einige Musikkritiker bezeichnen Metal gerne als die neue Klassik.

Schwachsinn. Ich stand ein paarmal mit Opernsängern auf der Bühne. Meine Stimme ist laut, aber nicht mal nah dran an dem, was die machen. Der Preis, den man für diese Kraft bezahlt, ist allerdings der Verlust von Flexibilität. Die Fehler und die Macken sind für einen Rock- oder Popsänger Teil der Identität. Leonard Cohen war so ein Beispiel, ein bewundernswerter Sänger, doch eine Stimme hatte er nicht. Bei Opernsängern oder anderen klassischen Künsten ist das etwas komplett anderes. So, wie auch ein Balletttänzer nicht dafür geschätzt wird, wenn er Tschaikowskys „Schwanensee“ jetzt einfach mal so tanzt, wie ihm das in den Kram passt. So läuft das nicht, Kumpel.

Leute, die den Vergleich ziehen, verweisen auf die Ouvertüren, die groß angelegten Kompositionen, mehrstimmige Melodiebögen, die musikalische Virtuosität …

Ja, Metal kann technisch sehr virtuos sein. Gitarristen lieben es, sich diesen Bach- oder Mozart-Fantasien hinzugeben. Das klingt ja auch beeindruckend, bis du auf YouTube einen Zehnjährigen aus Südkorea siehst, der das auch kann. Letztendlich schafft das jeder, der viel übt. Wie Malen nach Zahlen. Von Kunst, die dich wirklich bewegt, ist so etwas eine Million Meilen entfernt.

Und Ihre großen Bühnenbilder von Monstern und Mythen? Die historischen Kostüme? Die Heldenposen? Das hat schon etwas Opern- oder Operettenhaftes.

Irgendjemand beschrieb Iron Maiden mal als Oper mit Rasierklingen. Das gefiel mir. Einige Sachen, die wir machen, sind so groß und massiv, dass der Vergleich naheliegt. Wir zitieren auch Operette, Vaudeville. Eine Show muss einfach mit einem großen Knall anfangen. Das ist wie ein Ritual. Auf der vergangenen Tour stellte ich mich am Anfang allein ins Scheinwerferlicht und sang – ohne Musik. Nur ich und meine Stimme. Nachdem ich eine Zungenkrebserkrankung überstanden hatte, wollten ja alle wissen, ob ich es noch bringe. Es war die Inszenierung einer Wiederauferstehung. So etwas reinigt einen Ort und baut Spannung auf. Alles danach ist Erlösung.

Verstehen Sie, wenn Leute auf diesen Bombast und dieses Pathos mit Humor reagieren?

Machen Sie Witze? Ich selbst sehe das mit einem großen Sinn für Ironie! Ich meine, ich bin ein fast 60-jähriger Mann, der auf der Bühne unserem Maskottchen Eddie das Herz rausreißt und Blut ins Publikum spritzt. Himmelherrgott, natürlich ist das ironisch gemeint!

Ob die Fans das auch so sehen? Metaler sind bekannt dafür, ihre Musik todernst zu nehmen.

Das kann ich nicht beurteilen. Es macht auf jeden Fall mehr Spaß, wenn man die Ironie erkennt. Das eröffnet eine neue Dimension. Es gibt bei einem Rockkonzert ja durchaus Momente der Erhabenheit und Pracht, aber dieses ganze Lederding zum Beispiel hat gleichzeitig auch etwas sehr Homoerotisches. Gucken Sie sich mal Manowar an, die ihre Oberkörper mit Öl einreiben. Gerade in den 1970ern war Metal eine ziemliche Macho-Nummer. Ich habe mich amüsiert, dass in Amerika niemand Rob Halford von Judas Priest in seiner nietenbesetzten Bikermontur als Homosexuellen erkannt hat. Aber das Tolle an der Metal-Gemeinschaft ist, dass das eigentlich auch egal ist. Als er sich schließlich geoutet hat, hat das keinen gestört. Okay, ist er halt schwul.

Eine Domina in San Francisco bat mal um Rat, als sie ihren Folterkeller ausbauen wollte. Die hielt Sie wegen Ihres Lederoutfits für einen Experten.

Ja, ein sehr nettes, zierliches Mädchen. Helfen konnte ich ihr nicht wirklich.

Sie können über das Thema lachen. In Ihrer Autobiografie erzählen Sie auch von beklemmenden Episoden aus der Internatszeit, in der Sie von Lehrern ausgepeitscht wurden.

Mein Hausleiter hatte sogar eine ganze Auswahl von Gerätschaften in unterschiedlicher Länge und Flexibilität. Wahrscheinlich hat er damit einen gewissen Fetisch ausgelebt, denn oft trug er dabei seine Ruderkleidung. Es mag Menschen geben, die glauben, so eine Strafe forme den Charakter. Ich gehöre nicht dazu.

Sie flogen schließlich von der Schule, weil Sie einem Lehrer ins Essen gepinkelt hatten.

Ein klares Statement, oder?

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