„Zu früh zu sterben, würde mich wirklich anpissen“

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Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson : „Himmelherrgott, natürlich ist das ironisch“
Der Pilot. Dickinson vor drei Jahren beim " The Royal International Air Tattoo", der größten militärischen Airshow der Welt.
Der Pilot. Dickinson vor drei Jahren beim " The Royal International Air Tattoo", der größten militärischen Airshow der Welt.Foto: imago/Matrix

Einen „Nahschuss auf das System“ nennen Sie das in Ihrem Buch. Doch statt fortan aller Autorität den Kampf anzusagen, meldeten Sie sich erst mal freiwillig zur Armee ...

Klingt absurd, ich weiß. Das Tolle am Militär ist jedoch, dass alle ein Team sind. Jeder passt auf den anderen auf. In dem Sinne ist die Armee das, was die Schule sein sollte. Klar kann das missbraucht werden, und am Ende geht es darum, Leute auszubilden, die bereit sind, andere umzubringen. Das ist nicht cool. Leider brauchen wir solche Menschen, weil es in anderen Ländern Menschen gibt, die uns das antun würden. Ich weiß auch nicht, ob ich lange im Militär überlebt hätte, denn ich hinterfrage Dinge. Aber mitunter gibt es ja gute Gründe, sich ans Protokoll zu halten.

Welche?

In der Fliegerei musst du zum Beispiel eine gewisse Struktur haben, damit die Dinge sicher laufen. Doch auch da heißt es: Entscheidungen sicher zu machen, bedeutet, sie zu hinterfragen. Nur halt auf eine strukturierte Art und Weise, nicht zerstörerisch, anarchisch. Ein Freund von mir kommandiert ein Atom-U-Boot, und er lud mich mal ein, für fünf Tage mitzufahren …

Das ist erlaubt?

Natürlich. Er ist der Kapitän, es ist sein Schiff. Jedenfalls gab es auf der Fahrt ein technisches Problem. Und plötzlich saßen alle zusammen und diskutierten. Der Rang spielte keine Rolle, Respekt basierte ausschließlich darauf, ob man Ahnung von seinem Job hat. Fantastisch. So sollte ein Land regiert werden.

Funktioniert das in Ihrer Band auch so?

Scheiße, nein, Bands sind keine Demokratien. Wer das sagt, lügt. Das muss man einfach akzeptieren.

Ein anderer Mythos, den Sie in Ihrem Buch zerstören, ist der, das Rockgeschäft sei eine einzige lange Party. Sie schildern das Musikbusiness auch als durchreguliertes Geschäft. Als Sie 1981 bei Iron Maiden engagiert wurden, schickte das Management Sie erst mal zum Hör- und Drogentest.

Ja, das war für die Versicherung, wie bei einem Fußballer. Natürlich kann man finden, dass Rock ’n’ Roll etwas mit Anarchie zu tun hat und du mit 45 sterben sollst. Am besten arm, weil dein Manager dein Geld gestohlen hat. Aber mir gefällt die Vorstellung nicht. Es stimmt allerdings schon, dass das Musikgeschäft immer professioneller geworden ist. In den 70ern wurde es ja noch von Kriminellen organisiert. Buchstäblich. Wenn jemandem ein Promoter nicht gefiel, wurde der verprügelt und ausgeraubt. In Italien kam mal ein Veranstalter mit einer Handgranate und einer Pistole und drohte, jemanden zu erschießen, wenn die Band nicht bald auf die Bühne geht. Aber das ist Vergangenheit. Niemand soll auf einem Rockkonzert sein Leben riskieren müssen.

Sie selbst gehen mitunter schon Risiken ein. 1994 spielten Sie ein Konzert in Bosnien. Mitten im Jugoslawienkrieg.

Ein britischer Major, der als DJ in Sarajewo arbeitete, lud mich ein. Wir dachten, das sei cool. Wie Schuljungs. Als wir da ankamen, merkten wir, au weia, das ist wirklich Krieg hier. Am Tag zuvor hatten die Serben einen britischen Hubschrauber abgeschossen, um die Friedensverhandlungen zu torpedieren. Die UN wollte uns nach Hause schicken, aber dann setzte mein Sinn für Abenteuer ein, und ich dachte: Nee, wir machen das jetzt.

Sie wollten für die Soldaten spielen?

Nein, das war eine ganz reguläre Show. Und ich bin froh, es gemacht zu haben. Es gibt einen Dokumentarfilm über das Konzert von einem Filmemacher dort. Darin erzählen Besucher, wie sehr ihnen das Konzert damals geholfen und ihr Leben verändert hat.

Ihres ja auch. Danach schnitten Sie sich die langen Haare ab. Meist ein Zeichen für einen einschneidenden Bruch in der Biografie.

Mir gab das alles eine sehr andere Perspektive aufs Leben. Ich konnte allerdings nie groß darüber reden. Die Leute fragten, wie war es, und ich wusste nicht mal, wo ich anfangen sollte.

Vor drei Jahren waren Sie wegen Ihrer Krebserkrankung dem Tod wieder sehr nahe. Viele Menschen realisieren in so einer Situation, dass sie etwas im Leben verpasst haben und nachholen sollten. Nun sind Sie schon Rockmusiker, Pilot, Unternehmer, haben drei Romane geschrieben, sind Bierbrauer, Radiomoderator und Motivationsredner. Was könnten Sie noch erreichen wollen?

Ich würde alles wegwerfen, um meine Kinder aufwachsen zu sehen. Sie sind schon erwachsen, aber zu früh zu sterben, würde mich wirklich anpissen. Ich will wissen, wie die Geschichte ausgeht.

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