Das US-Militär bombadierte seit Wochen

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Japan 1945 : Führte die Atombombe auf Nagasaki zur Kapitulation?
Klaus Scherer
Ein Nachbau der Bombe, genannt "Fat Man".
Ein Nachbau der Bombe, genannt "Fat Man".Foto: getty

Auch einer zweiten verbreiteten Auffassung widerspricht Wilson. Der Abwurf der Atombombe, hält er fest, gelte zu Unrecht als das wichtigste Einzelereignis des Pazifikkrieges. Auch hier nimmt er zunächst die Perspektive der Japaner ein und findet, auf sie müsse der Bombenabwurf eher wie „ein Regentropfen inmitten eines Hurrikans“ gewirkt haben. Denn schon in den Wochen zuvor habe das US-Militär Japans Städte mit den heftigsten Bombardements der Kriegsgeschichte überzogen. Ganze 68 Städte seien attackiert worden. Eine jede davon sei dadurch teilweise oder völlig zerstört worden. Japan habe 300 000 Tote und 750 000 Verwundete beklagt. 1,7 Millionen Menschen hätten ihre Häuser verloren. „Nacht für Nacht gingen so den ganzen Sommer über Städte in Flammen auf“, betont Wilson. „66 der Angriffe wurden mit konventionellen Bomben geflogen, zwei mit Atombomben.

Auch der Schaden, den die Atombomben anrichteten, sei bereits nahezu üblich gewesen. Einen typischen Luftangriff hätten 500 Bomber geflogen, ein jeder beladen mit bis zu 10 Tonnen Last. Das seien 5 Kilotonnen pro Angriffsziel. Die Hiroshimabombe habe eine Sprengkraft von 16, die über Nagasaki von 20 Kilotonnen erreicht. „Da die Bombenteppiche die Städte noch gleichmäßiger zerstörten als eine einzelne Bombe, die am stärksten in ihrem Explosionszentrum wirkt“, rechnet uns Wilson vor, „könnten manche der konventionellen Angriffe sogar weit größere Ausmaße als die Atombomben erreicht haben.“ Insbesondere die nächtliche Attacke auf Tokio im März 1945, mit der das Städtebombardement begann und die 120 000 Menschenleben forderte, sei bis heute der verheerendste Luftangriff der Geschichte geblieben. All dies vorausgesetzt, sei der Bombenabwurf auf Hiroshima erst an 17. Stelle zu nennen, wenn man den Anteil der zerstörten Stadtfläche als Maß nehme. Das Ereignis habe also durchaus innerhalb des üblichen Rahmens jener Kriegswochen gelegen.

Klaus Scherer.
Klaus Scherer.Marie Mayumi

„Uns erscheint Hiroshima einzigartig“, folgert Wilson. „Wer sich aber in die Lage von Japans politischen Führern versetzt, nimmt die damaligen Nachrichten anders wahr.“ Sie hätten schon am 17. Juli als Lagebericht erhalten, dass die vier Städte Oita, Hiratsuka, Numazu und Kuwana zu jeweils zwischen 50 und 90 Prozent zerstört seien. Drei Tage später hätten sie von vernichtenden Angriffen auf drei weitere Städte erfahren, darunter die Großstadt Fukui. Danach seien es sechs Städte gewesen, am 2. August noch einmal vier Städte, darunter das völlig verwüstete Toyama. Am 6. August schließlich kam als Opfer Hiroshima hinzu, mit der Nachricht von schweren Zerstörungen durch einen neuen Bombentyp. „Wenn diese Führer tatsächlich wegen zerstörter Städte kapitulierten“, fragt Wilson auch hier, „warum taten sie es nicht bereits, als die 66 Städte zuvor fielen?“

Würden sich die Bewohner an die Bomben gewöhnen?

Tatsächlich scheinen unter Japans Militärs viele von den zivilen Opfern nicht wirklich erschüttert gewesen zu sein. Selbst nach dem beispiellosen Feuersturm auf die Hauptstadt gaben ihre Wortführer zu Protokoll, die Bewohner würden sich an Bombardements gewöhnen, ja mit der Zeit machten die Angriffe sie sogar stärker. Und während sowohl der Oberste Kriegsrat als auch die Militärführung wiederholt darauf verwiesen, wie wichtig es für Japan sei, dass die Sowjetunion neutral bleibe, schenkten sie dem Ausmaß der Bombardements nie eine ähnliche Aufmerksamkeit. Stattdessen bekräftigte Armeeminister Anami Wilson zufolge noch am 13. August ausdrücklich, die Atombomben seien nicht bedrohlicher als die Brandbomben, denen Japan über Monate hin standgehalten habe.

Auch wenn sich der Hardliner Anami ohnehin bis zuletzt gegen die Kapitulation sträubte, bleibt Wilsons Detailanalyse erstaunlich schlüssig. Das Ereignis, das Japans Führungszirkel wirklich habe umdenken lassen, folgert er, sei Stalins Kriegserklärung gewesen. Zwar habe sich die Armee mit vier Millionen Soldaten noch immer kampfbereit gezeigt. Nur gut ein Viertel davon sei jedoch zur Verteidigung der Kerninseln verfügbar gewesen. Japan näherte sich dem Ende eines Krieges, so Wilson, der verloren war. Jedem sei klar gewesen, dass er nicht mehr lange geführt werden konnte. Die Frage, ob er wirklich noch zu gewinnen war, habe sich nicht mehr gestellt. Das Ziel sei nur noch gewesen, ihn unter bestmöglichen Bedingungen zu beenden.

„Dafür hatte Japan zwei strategische Optionen. Die erste war der diplomatische Weg“, beschreibt der Forscher und verweist auf die Bestrebungen vor allem Außenminister Togos, Moskau als Vermittler eines Waffenstillstands zu gewinnen. „Auch wenn der Plan weit hergeholt scheint, machte er strategisch Sinn. Denn es lag durchaus in Moskaus Interesse, dass die Kapitulationsbedingungen nicht allzu sehr zu Amerikas Vorteil ausfielen. Schließlich bedeutete ein wachsender US-Einfluss in Asien, dass die Sowjetunion dort eher das Nachsehen haben würde.“

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