Stalin sollte vermitteln

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Japan 1945 : Führte die Atombombe auf Nagasaki zur Kapitulation?
Klaus Scherer
Die Stadt nach dem Angriff.
Die Stadt nach dem Angriff.Foto: Mauritius

Die zweite Option sei die militärische gewesen. Diese hätten bekanntermaßen vor allem die Hardliner um Anami vorgezogen – mit dem Ziel, den Blutzoll bei Amerikas Invasionstruppen derart hochzutreiben, dass Washington am Ende einvernehmlichen Kapitulationsbedingungen zustimmen würde. „Wenngleich US-Präsident Truman auf bedingungsloser Kapitulation beharrte“, glaubt Wilson, „waren ihm die voraussichtlichen Opferzahlen einer Invasion hinreichend bewusst. Auch diese Option der Japaner war also durchaus schlüssig.“ Damit wäre aber umgekehrt auch Trumans Argument nachvollziehbar, statt einer verlustreichen Invasion die Atombomben einzusetzen, wende ich ein.

„Nur wenn tatsächlich die Atombombe das war, was Japans Strategien durchkreuzte“, antwortet Wilson. „Lassen Sie uns also vergleichen, was sich eher auf Japans Optionen auswirkte. Die Atombomben oder Moskaus Kriegserklärung.“

Nach Hiroshima seien Japan noch beide Optionen möglich erschienen. Man habe nach wie vor auf Stalin als Vermittler gehofft, hätte aber auch den Krieg gegen die Alliierten bis zu einer letzten blutigen Schlacht um das Kernland weiterführen können. „Hiroshimas Zerstörung hatte daran nichts geändert, es hatte die Truppen nicht entscheidend geschwächt, noch ihre Bereitschaft, das Kernland um jeden Preis zu verteidigen“, so der Wissenschaftler.

Keine diplomatische Option mehr

Ganz anders habe sich hingegen Stalins Kriegseintritt am 8. August ausgewirkt. „Auch die Sowjetunion war nun Kriegsgegner und schied als Vermittler aus. Die diplomatische Option war damit nicht mehr verfügbar“, erklärt uns Wilson. „Zugleich veränderte die neue Lage aber auch die Voraussetzungen des erwogenen Endkampfs.“

Japans Truppen konzentrierten sich dafür auf die Südinsel Kyushu, wo die Amerikaner angelandet wären. Nun brachen russische Einheiten in der Mandschurei und auf Sachalin durch, von wo aus die Rote Armee Japans nördliche Hauptinsel Hokkaido besetzen sollte. Man habe kein militärisches Genie sein müssen, sagt Wilson, um zu erkennen, dass es vielleicht noch möglich war, an einer Front gegen eine Großmacht zu kämpfen, aber nicht gegen zwei Großmächte, die aus verschiedenen Richtungen vordrangen. „Ein einziger Umstand hatte beide verbliebenen Optionen Japans zunichtegemacht“, so sein Fazit. „Moskaus Kriegseintritt war strategisch entscheidend. Die Atombombe war es nicht.“

Wilsons Befund deckt sich mit Hasegawas Recherchen, wonach Japans Militärs schon zuvor mehrfach gedrängt hatten, die Sowjetunion unbedingt aus dem Krieg herauszuhalten. Auch der Oberste Kriegsrat hatte bereits im Juni 1945 festgehalten, dass ein Seitenwechsel Moskaus das Schicksal Japans besiegeln würde. Ein Armeevertreter nannte friedliche Beziehungen zu den Sowjets „unabdingbar“, um den Krieg gegen die Alliierten fortzusetzen.

Stalin hatte sich da längst anders entschieden. Tokios Botschafter wies in seinen Telegrammen aus Moskau früh darauf hin, wie wenig die Hoffnung seines Außenministers, des Obersten Kriegsrats und der Armee auf das Wohlwollen der Sowjets von der Wirklichkeit gedeckt war. Doch es war nicht allein das Wunschdenken in Tokio, das den Krieg unnötig verlängerte. Auch Amerikas wohlkalkuliertes Schweigen, obwohl von seinen Abhördiensten voll über Japans Bemühungen informiert, trug dazu bei. Vor allem jedoch war es Stalin selbst, der die Japaner so lange wie möglich in ihrem falschen Glauben wiegte, er stünde als Helfer bereit.

Der Text ist ein Vorabdruck aus Klaus Scherers neuem Buch „Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe“ (Hanser Berlin, 256 Seiten, 19,90 Euro), das am 27. Juli erscheint. Am Montag, 3. August, zeigt die ARD Scherers TV-Dokumentation „Nagasaki: Warum fiel die zweite Bombe?“.

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