Kolumne: Der Kinderdok : Osteopathie für Säuglinge

Der Kinderdok berichtet anonym und schonungslos vom täglichen Wahnsinn seiner Arbeit. Diese Woche geht es um frühkindliche Optimierung.

Nicht alles, was die Kasse bezahlt, muss deshalb gleich wirksam sein.
Nicht alles, was die Kasse bezahlt, muss deshalb gleich wirksam sein.Foto: Britta Peders / dpa

Neulich fragte mich die Mutter eines Säuglings, wann sie nun endlich mal zu diesem Osteopathen soll, von dem jetzt alle reden. Schließlich möchte sie nichts verpassen, ihre gesamte Babykrabbelgruppe war da schon. Die Krankenkasse würde das übrigens auch bezahlen, wenn ich ein Rezept schriebe.

In den vergangenen Jahrzehnten durften Kleinkinder verschiedenste Moden mitmachen. Babymassage, -schwimmen, -turnen, -yoga, PEKiP-Gruppen, Eltern-Kind-Gymnastik, frühkindliche Fremdsprachenschulen. Die Kleinen sollen die bestmögliche Förderung erhalten. Weniger, um Defizite oder Krankheiten auszugleichen. Es gilt, nichts zu verpassen, sonst gibt’s eventuell später kein Abitur, weil ausgerechnet dieses eine Förderprogramm nicht stattfand.

Ist das so nötig? Wir hatten ja früher auch nichts. Manches Kind braucht vielleicht Unterstützung. Das erkennt man bei den Vorsorgeuntersuchungen, zu denen man das Bobele vertrauensvoll in die Hände des Kinder- und Jugendarztes geben kann. Er wird die Stärken des Sprösslings erkennen, vielleicht auch die eine oder andere Schwäche. Benötigt ein Kind Hilfe in der Entwicklung, bekommt es diese natürlich: Krankengymnastik für die Motorik, Frühförderung auf pädagogischer Ebene oder Heil- und Hilfsmittel wie Logopädie oder Ergotherapie für die besonders Gehandicapten.

Und wie ist das nun mit der Osteopathie? Bei dieser Behandlung sollen durch sanftes Tasten und Drücken auf definierte Körperstellen die Selbstheilungskräfte gefördert und Strukturstörungen behoben werden. So weit, so vage erklärt es die Vereinigung der Osteopathen. Die Deutsche Akademie für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, auch das ehrenwerte Deutsche Ärzteblatt, ganz der evidenzbasierten Medizin zugetan, kritisieren jedoch methodische Mängel der dünnen Studien und die undefinierten Ausbildungsgänge (von Wochenendkursen bis zu jahrelangen Fortbildungen ist alles drin).

Kostenübernahme heißt nicht gleich Wirksamkeit

Ist der Diagnostiker gleichzeitig der Therapeut und verspricht eine Methode Heilung in beinahe allem, insbesondere, wenn die zu therapierenden Befindlichkeiten „selbstlimitierend“ sind (sich also meist von allein geben: Unruhe, Blähungen, Aufstoßen, Essprobleme), sollten Patienten eine Therapie stets skeptisch sehen (siehe auch „Homöopathie, die“).

Jede Woche erzählen mir Eltern eines Säuglings, sie seien bereits beim Osteopathen gewesen, empfohlen von der Hebamme oder der Nachbarin. Dabei hat das Kind meist nicht mal einen Kinderarzt gesehen. Eine Sitzung kostet übrigens 80 Euro, doppelt so viel, wie wir für eine Vorsorgeuntersuchung bekommen.

Weil viele Patienten danach fragen, übernehmen Krankenkassen oft die Kosten der Behandlung. Damit zeigen sie sich kulant gegenüber den Kunden, positionieren sich besser im Wettbewerb – und adeln Pseudomedizin als vermeintlich wirksam, denn viele Laien setzen Kostenübernahme gleich mit Wirksamkeit.

Der besorgten Mutter habe ich schließlich bei der Vorsorgeuntersuchung gezeigt, wie normal sich ihr Sprössling entwickelt. Auch ohne alle Modetherapien.

Unser Kolumnist betreibt eine Praxis in Süddeutschland, bloggt unter kinderdok.blog und schreibt alle vier Wochen an dieser Stelle.

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