Krimireise nach Meiringen : Als Sherlock Holmes in Ungnade fiel

Arthur Conan Doyle ließ seine erfolgreichste Kreation vor 125 Jahren in den Reichenbachfällen sterben. Bis heute fließen Fakt und Fiktion hier ineinander.

In der 1891 erbauten englische Kirche ist heute das Sherlock-Holmes-Museum untergebracht.
In der 1891 erbauten englische Kirche ist heute das Sherlock-Holmes-Museum untergebracht.Foto: Moritz Honert

Wahrhaftig, es ist ein furchteinflößender Ort. „Der von geschmolzenem Schnee angeschwollene Bergstrom stürzt in einen enormen Abgrund, aus dem die Gischt aufwallt wie Rauch aus einem brennenden Haus.“ Arthur Conan Doyle hat nicht übertrieben, als er in pompösen Worten festhielt, welchen Eindruck die Schweizer Reichenbachfälle 1893 auf ihn machten. Auch heute noch lässt einen auf der Besucherplattform das hypnotische Brüllen des 120 Meter tiefen Katarakts nahe dem Örtchen Meiringen erschaudern, und nun, da man selbst hinunter späht in „das Schimmern des sich auf den schwarzen Felsen brechenden Wassers“, man selbst den „halb menschlichen Ruf“, vernimmt, „der mit der Gischt aus dem Abgrund hinaufdröhnt“, da versteht man. Versteht, warum der Autor Conan Doyle diesen Ort als „würdiges Grab“ für seinen Sherlock Holmes erachtete, den er hier in der vor genau 125 Jahren erschienenen Geschichte „The Final Problem“ ermordete.

„Der von geschmolzenem Schnee angeschwollene Bergstrom stürzt in einen enormen Abgrund, aus dem die Gischt aufwallt wie Rauch aus einem brennenden Haus“, beschrieb Conan Doyle die Reichenbachfälle.
„Der von geschmolzenem Schnee angeschwollene Bergstrom stürzt in einen enormen Abgrund, aus dem die Gischt aufwallt wie Rauch aus...

Ja, ermordete. Heimtückisch. Arthur Conan Doyle wollte endlich Ruhe vor seiner erfolgreichsten Kreation. „Ich hatte so eine Überdosis von ihm wie von Foie gras, an der ich mich einst überfuttert hatte, und deren Name allein mir Übelkeit erregt“, schrieb er einem Freund. Die Arbeit an den Detektivgeschichten, die den erfolglosen Augenarzt zu einem erfolgreichen Schriftsteller gemacht hatten, fräßen zu viel seiner Zeit. Zeit, die er lieber in historische Romane stecken wollte. Hätte er nicht den Detektiv umgebracht, rechtfertigte sich Doyle später in seinen Memoiren, so hätte der ihn umgebracht.

Mord aus Notwehr? Natürlich, man kann das als übertrieben dramatische Interpretation erachten. Schließlich ist Holmes nur eine literarische Figur. Oder?

Wo Fakt und Fiktion verschwimmen

Doyles Biograf Hesketh Pearson schrieb 1943 über Holmes: „Es ist unmöglich, nicht an seine Existenz zu glauben“, was 2011 in einer Erhebung immer noch volle 21 Prozent der Befragten taten. Alles Spinner, mag man denken. Ein Besuch in Meiringen, wo Fakt und Fiktion im Falle Holmes verschwimmen wie an kaum einem anderen Ort der Welt, bringt diese Gewissheit jedoch gehörig ins Wanken.

Dafür muss man aber erstmal wieder runter vom Berg. Braune Schilder weisen den „Sherlock-Holmes-Weg“ zu dem eine Zugstunde südlich von Luzern gelegenen Meiringen. Steil hinab geht es. Erst durch verwunschenen Buchenwald, vorbei an moosbesetzen Steinen und pilzbewachsenen Baumstümpfen, später an grasenden Kühen, deren Glockengeläut nur gelegentlich vom Fauchen der auf dem nahen Militärflugplatz stationierten F18-Kampfjets übertönt wird. Ein Geräusch, das nach dem eben erlebten Donnern der Naturgewalten putzig anmutet.

Ein frischer Kranz markiert die Absturzstelle.
Ein frischer Kranz markiert die Absturzstelle.Foto: Moritz Honert

Nach einer knappen Stunde passiert man das Ortsschild, dann die „Sherlock Lounge“, das derzeit geschlossene „Hotel Sherlock Holmes“ und erreicht schließlich den „Conan Doyle Place“, wie der quadratische Platz im Zentrum der 5000-Einwohner-Gemeinde auf einer den englischen Straßenschildern nachempfundenen Plakette getauft wurde. Daneben sitzt, in Bronze gegossen, der Detektiv auf einem Stein, raucht und lässt sich von Touristen fotografieren. Vor ihm liegt eine Einkaufszeile mit Mode- und Zeitschriftenlädchen, hinter ihm die 1891 erbaute englische Kirche. Ein zierliches Gebäude mit spitzem Schindeldach, in dem heute das Sherlock-Holmes-Museum untergebracht ist. Zwei Rucksackträger mit einer Tüte Meringue stapfen kauend vorbei. Um 1600 sollen die Baisers hier erfunden worden sein. Wahrlich, es ist das Gegenteil eines furchteinflößenden Ortes.

Der Fall, der keiner war

Im Museum sitzt Stefan Meier, der das 1991 eröffnete Haus seit zwei Jahren leitet, und seufzt. Ja, Fakt und Fiktion. Wenn das mal so einfach wäre. „Holmes hat nie gelebt, aber ist auch nie gestorben“, zitiert der höfliche 60-Jährige, der im wirklichen Leben Kaufmännischer Leiter beim lokalen Energieversorger ist, aus einer der Texttafeln der aktuellen Sonderausstellung. Titel: „Der Fall, der keiner war“. Darin werden Doyles Besuche in der Schweiz und ihre Auswirkungen auf seine Arbeit thematisiert. Nur sind die ausgestellte Urkunde, die den Meisterdetektiv zum Ehrenbürger der Stadt erklärt, und die gesammelten Briefe, die Menschen aus aller Welt in die Baker Street 221B sandten, sicher keine Beweise, sondern maximal Indizien für die reale Existenz Holmes’. Doch was bedeutet das überhaupt? Reale Existenz? Versteht man darunter die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu beeinflussen, ist Sherlock Holmes sicher nicht weniger lebendig als viele unserer atmenden Zeitgenossen.

Nicht nur damals, als die Zeitschrift „The Strand“ nach dem Abdruck von „The Final Problem“ auf einen Schlag 20 000 Abonnenten verlor und Doyle wütende Briefe erhielt, in denen er als „Unhold“ beschimpft wurde. „Bis heute inspiriert Holmes die Leute“, sagt Meier. Für das Herzstück des Museums, das Arbeitszimmer des Detektivs, haben Fans historische Baupläne, die Geschichten und die Bilder von „Strand“-Illustrator Sidney Paget studiert, um es so werkgetreu wie möglich nachzubauen. In der kleinen Bibliothek des Hauses findet sich ein „Sherlock Holmes Cookbook“, für das sich die Autoren die Mühe gemacht haben, zu recherchieren, dass ein typisches Frühstück der spätviktorianischen Zeit mitunter aus Nieren mit Austern bestand. Und noch immer legen Mitglieder der Deutschen und der Schweizer Sherlock-Holmes-Gesellschaft regelmäßig und in historischen Kostümen einen Kranz an exakt jener Stelle nieder, an der ihr Held im Kampf mit seinem Widersacher Moriarty in die Tiefe stürzte. Auch diesen Ort haben Enthusiasten ermittelt, sagt Meier.

"Conan Doyle Place“ wurde der Platz im Zentrum der 5000-Einwohner-Gemeinde getauft.
"Conan Doyle Place“ wurde der Platz im Zentrum der 5000-Einwohner-Gemeinde getauft.Foto: Moritz Honert

Um dort hinzugelangen, muss man von der gischtumwobenen Aussichtsplattform, zu der einen die 1899 eröffnete Zahnradbahn in fünf Minuten hinaufgeruckelt hat, nochmal eine halbe Stunde wandern. Den Sprühnebel hinter sich lassend geht es entlang einer grauen Schieferwand den Berg hinauf. Nach 15 Minuten führt der Weg über eine schmale Brücke, keinen Meter unter einem krachen die Wassermassen in die Tiefe. Goethe kapitulierte bei seinem Besuch anno 1779 im Berner Oberland vor so viel ehrfurchtgebietender Pracht. „Kein Gedanke, keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Größe der Gegenstände“, notierte der deutsche Nationaldichter. Ein Problem, das Doyle ganz offensichtlich nicht hatte. „Der Schacht, in den der Fluss sich wirft“, schrieb er, „ist eine ungeheure, von glänzendem kohlenschwarzen Fels gesäumte Kluft, die in einem schäumenden, brodelnden Kessel von unermesslicher Tiefe mündet, der überläuft und den Strom über seinen gezackten Rand weiterschleudert“. Heute tut er das in ein Kraftwerk, das die Urgewalt in Energie verwandelt.

Bis heute pilgern Holmes-Fans in historischen Kostümen an die vermeintliche Absturzstelle ihres Idols.
Bis heute pilgern Holmes-Fans in historischen Kostümen an die vermeintliche Absturzstelle ihres Idols.Foto: dpa/Alessandro Della Bella

Noch eine Viertelstunde und man findet die vermeintliche Absturzstelle. Ein schmaler Grat. Links senkrechter Fels, rechts, hinter Haselnusssträuchern, der Abgrund. Unten im Dorf schimmert die gelbe Fassade des Parkhotel du Sauvage, das die Vorlage für den Englischen Hof gewesen sein soll, in dem Holmes und Watson in jener Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1891 von Conan Doyle einquartiert wurden. Hier oben, rund 250 Meter über dem Haslital, prangt eine Gedenktafel, neben der frische Blumen baumeln. Ein Verehrer hat eine grünkarierte Schleife an das Geländer gebunden. Trauerflor für einen Mann, der vor mehr als 100 Jahren gar nicht gestorben ist.

Von den Toten auferstanden

„Die Figur fasziniert bis heute, weil sie ein Symbol für das ist, was der menschliche Geist zu leisten vermag“, sagt Michael Meer, Vorsitzender der Schweizer Sherlock-Holmes-Gesellschaft. „Holmes ist die Inkarnation der Ratio, Ausdruck der Überzeugung, dass Intellekt und wissenschaftliche Methoden den Weg zur Wahrheit weisen.“ Eine Botschaft, die in Zeiten, in denen Debatten mehr von Gefühlen als Tatsachen getragen werden, von geradezu besorgniserregender Aktualität ist.

Doyles Befürchtungen, Holmes würde ihn auf Dauer umbringen, bestätigten sich übrigens nicht, erfährt man im Museum. 1903 gab er dem Drängen der Fans nach und ließ den Detektiv in der Geschichte „The Adventure of the Empty House“, deren Erstausgabe in einer Vitrine ausgestellt ist, wieder von den Toten auferstehen. Die Erklärung: Nur Moriarty sei damals abgestürzt, Holmes habe sich lediglich eine Weile versteckt. Dass Doyle Geld brauchte, weil sich seine anderen Bücher und zunehmend esoterischen Schriften deutlich schlechter verkauften, könnte allerdings auch eine Rolle gespielt haben. Bis 1927 widmete er dem Detektiv noch einen Roman und 19 Kurzgeschichten. Ein paar davon wurden seine besten.

Und Holmes? Der lebt immer noch, sagt Stefan Meier in seinem Museum und verweist auf einen unumstößlichen Fakt: In der Londoner „Times“ fand sich bis heute kein Nachruf.

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