Kurztrip nach Italien : 48 Stunden koffeinhaltiges Triest

In dieser Stadt fließen zwei große Kaffeetraditionen zu einer Melange zusammen: die von K. u. k. und die italienische. Eine hellwache Recherche.

Die 1892 gegründete Firma Hausbrandt ist bis heute im Stadtbild allgegenwärtig.
Die 1892 gegründete Firma Hausbrandt ist bis heute im Stadtbild allgegenwärtig.Foto: Moritz Honert

9 Uhr

Der Triester ist entweder am Meer oder im Caffè degli Specchi. So heißt es. Was unterstreicht, wie kaffeeverrückt die 200 000-Einwohner-Stadt an der Adria ist. Zehn Kilo, rund 1300 Espressi, beträgt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch. Mehr als doppelt so viel wie im übrigen Italien. 50 Kaffeefirmen sind hier ansässig, ein knappes Dutzend Röstereien, vom kleinen Familienunternehmen San Giusto bis hin zum Weltkonzern Illy. Das Caffè degli Specchi (Piazza Unità d’Italia, 7) wurde 1839 eröffnet und gilt vielen als das bedeutendste Kaffeehaus der an bedeutenden Kaffeehäusern wahrlich nicht armen Stadt. Zwar sind die namensgebenden Spiegel nach zwischenzeitlicher Schließung heute kaum noch vorhanden, dafür führt ein Poster am Eingang fürsorglich ins lokale Kaffee-Vokabular ein: Ein Espresso heißt in Triest „Nero“, ein Espresso macchiato „Capo“. Bestellt man Café Latte bekommt man einen Cappuccino.

Das Caffè degli Specchi gilt vielen Triestern als das bedeutendste Kaffeehaus der Stadt.
Das Caffè degli Specchi gilt vielen Triestern als das bedeutendste Kaffeehaus der Stadt.Foto: mauritius images

10 Uhr

Direkt vor dem Café erstreckt sich die Piazza dell’ Unità d’Italia. Den schönsten Blick auf die dortigen Palazzi und das Rathaus hat man von der Molo Audace. Bürgermeister war 1993 bis 2001 übrigens Riccardo Illy, Enkel von Firmengründer Francesco. Sein Wahlkampfslogan: „Il sindaco espresso dei cittadini“, was sich ungefähr mit „Der ausdrückliche Bürgermeister des Volkes“ übersetzen lässt.

11 Uhr

Triests Aufstieg zur Kaffeemetropole begann im Jahre 1719, als Kaiser Karl VI. die Stadt zum Freihafen erklärte. In der Folge wurde er zum wichtigsten Umschlagplatz für die Bohnen, die von hier aus in die Kaffeehäuser des österreichisch-ungarischen Imperiums verschickt wurden. Lange löschten die Schiffe ihre Ladung im heutigen Canal Grande. Wie die Boote aussahen, auf denen die Säcke damals in die Stadt kamen, lässt sich im Museo del Mare (Via di Campo Marzio, 5) nachvollziehen. Die Ausstellung informiert auch über den Bau des damals „Neuen“, heute „Alten Hafens“ zwischen 1883 und 1893.

Eine alte Postkarte zeigt den Canal Grande. Die Abbildung stammt aus dem Buch "Triest - Der Hafen Mitteleuropas" von Peter Weinhäupl.
Eine alte Postkarte zeigt den Canal Grande. Die Abbildung stammt aus dem Buch "Triest - Der Hafen Mitteleuropas" von Peter...Foto: Archiv Klimt Foundation Wien

12 Uhr

Dorthin gelangt man, wenn man die Riva del Mandracchio nach Norden läuft. Immer zu auf den rostigen Riesenkran Ursus, dem inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt. Der steht direkt an der Mole 4, heute ein Parkplatz, von dem man einen guten Blick auf die abgesperrten, aber auch von außen beeindruckenden Industrieruinen hat. Die Speicher Nummer 2, 2A und 4 wurden speziell für Kaffee gebaut und dienten als Vorbilder für viele weitere Lagerplätze in der ganzen Welt.

Pläne, was mit dem Alten Hafen geschehen soll, gibt es viele. Umgesetzt wurden bis dato wenige.
Pläne, was mit dem Alten Hafen geschehen soll, gibt es viele. Umgesetzt wurden bis dato wenige.Foto: Moritz Honert

13 Uhr

„Unsere Spezialität ist Schwein“, sagt Andrea, Sohn des Betreibers von Da Pepi (Via della Cassa di Risparmio, 3). Hätte er aber gar nicht sagen müssen. Denn aus dem 1897 eröffneten Buffet, wie die Triester ihre Mittagslokale nennen, duftet es schon bis auf die Straße nach frischem Kassler. Am Tresen zersäbelt ein Mann in Weiß mit geübter Hand Schinken, den telefonierende Geschäftsleute im Brötchen mitnehmen. Draußen sitzen Touristen und bestellen die gemischte Platte mit Kraut für zwölf Euro. Drinnen hocken die Einheimischen auf kleinen Hockern und futtern Zunge oder Cotechino, eine dicke Presswurst, die an Corned Beef erinnert.

Schwein satt. Mittagessen bei Da Pepi.
Schwein satt. Mittagessen bei Da Pepi.Foto: Moritz Honert

14 Uhr

Geschichten helfen dabei, das, was man konsumiert, besser zu verstehen und zu schätzen, schrieb Illys Vorstandsvorsitzender Andrea Illy in seinem Manifest "Der Traum vom Kaffee". 1999 gründete er deshalb in Neapel die Università del Caffè, 2002 zog sie an den Firmensitz im Industriegebiet von Triest (Via Flavia, 110). Der Bus dorthin braucht vom Hafen aus etwa 20 Minuten. An der Kaffeeuni können sich Profis, aber auch ambitionierte Laien in mehr als einem Dutzend Kursen schulen oder in vier Tagen zum Barista ausbilden lassen. Führungen durch die Fabrik, in der die Bohnen in vier gewaltigen Maschinen vollautomatisch geröstet werden, sind nach Anmeldung ebenfalls möglich. Dann darf man auch an die mit Dutzenden fliegenden Espressotassen geschmückte Bar im Foyer.

Die Bar in der Firmenzentrale von Illy.
Die Bar in der Firmenzentrale von Illy.Foto: Moritz Honert

17 Uhr

Wer Souvenirs sucht, kann natürlich einfach den Illy-Shop (Via Luigi Einaudi 2A) aufsuchen und sich die aktuelle, von Marina Abramovic entworfene Sammeltasse kaufen. 25 Euro kostet die. Spannender ist eine Tour durch die Second-Hand-Läden der Altstadt. Bei Delikatessen (Via Felice Venezian, 10C) finden sich zwischen antiken Koffern, Helmen, „Playboy“-Heften und Brillen auch Kaffee-Devotionalien. Für Abenteuerlustige hat Besitzer Andrea Brandi eine Dose der einst in Triest tätigen Rösterei Eisner aus dem Jahre 1930 im Angebot. „Die ist voll mit Bohnen“, sagt er. 100 Euro kostet es, herauszufinden, ob man sie noch aufbrühen kann.

18 Uhr

Kaffee inspirierte nicht nur Literaten, sondern auch Komponisten. Man denke nur an Bachs „Kaffeekantate“. Weil in den meisten Kaffeehäusern die Musik heutzutage allerdings vom Band kommt, hört man Klassik lieber im 1801 eröffneten Teatro Giuseppe Verdi (Riva Tre Novembre, 1). Eine Stunde vor Beginn öffnet die Abendkasse, bei der man günstige Restkarten erstehen kann.

20 Uhr

Allein zwischen 1918 und 1954 wechselte Triest fünf Mal die Staatszugehörigkeit. Jahrhundertelang Teil des K.-u.-k.-Reiches wurde die Stadt nach dem Ersten Weltkrieg italienisch, 1943 von deutschen Truppen besetzt, 1945 jugoslawisch. 1947 erhielt Triest den Status als Freies Territorium, um dann 1954 wieder italienisch zu werden. Die Küche der Hostaria Malcanton (Via Malcanton, 10A) spiegelt das wider. In den auf gemütliche Art schummrigen Räumen sitzen Großfamilien und werden bewirtet mit Triester Spezialitäten wie sauer eingelegten Sardinen oder Oktopussalat, slowenischem Olivenöl und kroatischem Weißwein. „Ist doch alles Istrien“, sagt der Kellner und schenkt noch mal nach.

Sardinen, Pulpo, Zwiebeln. Die Hostaria Malcanton serviert lokale Spezialitäten.
Sardinen, Pulpo, Zwiebeln. Die Hostaria Malcanton serviert lokale Spezialitäten.Foto: Moritz Honert

22 UHR

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Für noch mehr Koffein ist es jetzt definitiv zu spät, wenn an Schlaf noch zu denken sein soll. Ins Kaffeehaus kann man trotzdem. Seit ein junges Team vor ein paar Jahren übernommen hat, verwandelt sich das Antico Caffè Torinese (Corso Italia, 2) am Abend in eine veritable Cocktailbar. Das komplett aus Holz und Glas gefertigte Interieur des winzigen, im Jahre 1919 eröffneten Eckcafés stammt von einem Tischler, der auch Luxusliner ausstattete, und in einer der Sitznischen unter dem schweren Kronleuchter fühlt man sich tatsächlich wie auf einem solchen. Die Signature-Drinks sind was für Gin-Liebhaber mit Sinn fürs Experimentelle. Freunde klassischer Cocktails bekommen aber auch einen tadellosen Old Pal.

Der Old Pal im Antico Caffè Torinese.
Der Old Pal im Antico Caffè Torinese.Foto: Moritz Honert

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