Martensteins Weihnachtsgeschichte : Der Glücksbote: Wenn der Paketbote Christkind spielt

Was soll Florian mit der Hüpfburg, Svenja auf Mykonos – und warum freut sich Wilhelm über Humpen? Eine ziemlich berlinische Weihnachtsgeschichte.

Es bedarf etwas Fingerspitzengefühl, um ein richtig tolles Weihnachtsgeschenk zu finden.
Es bedarf etwas Fingerspitzengefühl, um ein richtig tolles Weihnachtsgeschenk zu finden.Foto: imago/Westend61

Svenja wollte nie eine alleinerziehende Mutter sein. Aber das Leben, oder wer auch immer, hatte es anders bestimmt, sie saß jetzt in dieser Zweizimmerwohnung in Wedding, dritter Hinterhof, und Ben war, wie immer, mit den Alimenten drei Monate im Rückstand. Zum ersten Mal fragte sie sich, wo das Geld für ein richtig tolles Weihnachtsgeschenk herkommen sollte. Der Bankautomat gab ihr nichts mehr, für einen Baum und ein paar kleine Spielsachen hatte es gerade noch gereicht. Cindy war vier. Sie sollte was richtig Tolles bekommen, und da hatte Svenja im Internet eine gigantische aufblasbare Hüpfburg für nur 49,90 Euro entdeckt, inklusive Luftpumpe. Die Rechnung konnte sie im Januar bezahlen.

Das Paket kam in Geschenkverpackung, es war kleiner als erwartet. Svenja half Cindy beim Auspacken, sie hatte plötzlich kein gutes Gefühl mehr. Aus dem Seidenpapier fiel eine Schachtel mit Keksen heraus, die mit seltsamen Buchstaben beschriftet waren, dann kam eine Puppe in ausländischer Tracht, die Cindy schon mal gefiel, aber was sollte das? Auf dem Boden des Pakets lag ein Prospekt.

Es war ein Gutschein über 4000 Euro, einlösbar in einem Ferienresort auf Mykonos, all inclusive. Das Hotel lag direkt am Strand und war sehr luxuriös, das sah man sofort. „Cindy“, sagte Svenja mit einem Kloß im Hals, „hast du Lust, mal mit mir ans Meer zu fahren, dahin, wo es richtig warm ist?“ Ben oder gar ihre Eltern konnten unmöglich hinter dieser Sache stecken. Das war einfach ein Wunder.

Robert schenkte irrsinnig teuer

Florian hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Wenn es etwas gab, das nicht zu Robert passte, dann dies. Er fand Robert wunderbar, vier Jahre dauerte das jetzt schon, aber Fantasie gehörte nicht zu seinen prägenden Eigenschaften. Vor einem Jahr waren sie zusammen in dieses spektakuläre Dachgeschoss gezogen, Wedding, na ja, aber die Freunde hatten gesagt, der Wedding sei schwer im Kommen. Robert schenkte irrsinnig teuer, um zu vertuschen, dass ihm nichts einfiel. Ein Dinner im Vau, eine queere Kreuzfahrt auf dem Mekong, alles lieb, aber niemals originell. Und nun dies: eine Hüpfburg von der Größe eines Pools, in Gestalt eines Märchenwaldes, gerahmt von aufblasbaren Märchenfiguren, Schneewittchen, dem gestiefelten Kater.

Roberts scheinbar nüchterner Charakter hatte doch ein paar schillernde Facetten zu bieten. „Wir werden hüpfen“, sagte Florian, „ich verspreche es. Sobald es warm wird, gehen wir in den Park, laden ein paar Freunde ein und veranstalten eine Hüpfburgparty im Märchenwald. Du bist wirklich unglaublich. Und dass dir der gestiefelte Kater so ähnlich sieht, ist natürlich der Oberhammer.“ Robert wirkte verlegen, er wusste gar nicht, was er sagen sollte.

Hermine wollte vor Scham in den Boden versinken

Hermine hatte für Wilhelm, wie immer, etwas Nützliches gekauft, und zwar ein Set Kochtöpfe, gute Markenware, aber günstig. Ihre alten Töpfe waren schon fast 30 Jahre alt. Eigentlich kochte meistens sie, aber hin und wieder auch Wilhelm, selbst wenn er nicht mehr ganz sicher auf seinen Beinen stand. Sie konnte die Töpfe nicht tragen und war spät dran mit dem Einkauf, doch im Laden hatten sie versprochen, alles mit einem Paketdienst zu schicken, das würde garantiert klappen. Der Bote kam am Morgen des 24., gerade noch rechtzeitig. Dann passierte etwas Furchtbares.

Die Kinder und die Enkel waren alle gekommen, es war gemütlich, und um 17 Uhr ging es ans Auspacken, genau wie früher, als ihre Kinder noch klein waren. Jetzt gab es neue Kinder. Ihr Sohn hatte für sie, Hermine, ein Set Kochtöpfe besorgt. „Eure Töpfe sind uralt“, sagte er, „und du stehst doch meistens in der Küche, Wilhelm kann ja nur Spiegelei und Spaghetti.“ Hermine wollte vor Scham in den Boden versinken. Aber dann packte Wilhelm aus, und zwölf üppig verzierte Bierhumpen aus Steingut und Porzellan kamen zum Vorschein. Die Humpen hatten zum Teil Deckel aus Zinn, bei anderen saßen kleine Porzellanfiguren auf dem Rand des Kruges. Das Ganze hieß „Eine Weltreise des Bieres“. Jeder Krug stammte aus einem anderen Land und war von namhaften Kunsthandwerkern gestaltet. In dem Paket war auch eine Holzkiste von zwölf kleinen Flaschen mit dem zu jedem Humpen passenden Bier.

Wilhelm umarmte sie, er weinte fast

Hermine wollte protestieren, diese Blödmänner aus dem Geschäft hatten das falsche Paket geschickt, und dann auch noch Kitsch. Gerade rechtzeitig sah sie die Augen von Wilhelm, sie leuchteten. Sein Vater, sagte Wilhelm, habe ja eine stattliche Sammlung von Bierseideln besessen, als Kind hatte er die immer bestaunt, aber nie durfte er daraus trinken. Im Krieg seien die alle kaputtgegangen. Wilhelm wackelte zu Hermine und umarmte sie, er weinte fast. Hermine beschloss, nicht zu reklamieren.

Die Töpfe landeten in einer Wohngemeinschaft, der Gutschein für 20 Kinobesuche dagegen, den die Eltern einer WG-Bewohnerin aus Duisburg geschickt hatten, wurde an den ehemaligen Filmvorführer Waldemar Möglich ausgeliefert, der sich von seiner Rente nur sehr selten einen Kinobesuch leisten konnte, und der seine aus Peru stammende Nachbarin, die ehemalige Kleindarstellerin Lupita Perez, als Begleiterin einlud, woraus sich eine romantische Beziehung entwickeln sollte.

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