Medizin für Männer und Frauen : Der große Unterschied

Frauen haben bei einem Herzinfarkt andere Symptome als Männer. Geschlechter reagieren verschieden auf Krankheiten und Medizin. Doch wurden beide gleich behandelt. Das ändert sich nun.

Beatrice Schlag
Männer brauchen eine andere medizinische Behandlung als Frauen.
Männer brauchen eine andere medizinische Behandlung als Frauen.Foto: Paulista Fotolia

In den meisten Köpfen ist krank noch immer gleich krank, egal, ob männlich oder weiblich. Welcher Patient hat eine Ahnung, dass das zur Vorbeugung von Herzinfarkten empfohlene tägliche Aspirin zwar bei Männern sinnvoll, bei Frauen aber unter Umständen weniger nützlich ist?

Forscher wissen seit Jahren, dass Krankheitssymptome und Reaktionen auf Medikamente bei Männern und Frauen teilweise höchst unterschiedlich sind. Aber Gender-Medizin, die geschlechtsspezifische Behandlung von Patienten, ist eine Art höchst unfreiwillige Geheimwissenschaft. Denn ihre Erkenntnisse sind zwar bahnbrechend, aber immer auch komplex. Was für das eine Medikament an unterschiedlichen Reaktionen zwischen Frau und Mann gilt, äußert sich beim nächsten wieder ganz anders. Die meisten Laien wissen wenig davon. Was beunruhigender ist: Die meisten Ärzte auch.

Frauen und Männer ticken nicht nur emotional anders. Ihre Körper geben mitunter völlig andere Signale. Ein Herzinfarkt, haben die meisten gelernt, kündigt sich durch Engegefühl und Schmerzen in der Brust an, die sich bis in die linke Schulter und den linken Arm ausdehnen. Das ist richtig für Männer, aber nicht immer für Frauen, die inzwischen fast genauso oft Infarkte erleiden wie Männer. Zu den häufigsten Anzeichen eines Herzinfarktes bei Frauen gehören Schmerzen im Oberbauch und an Hals und Nacken, Kurzatmigkeit und ungewöhnliche Müdigkeit. Da diese Symptome Patientinnen und mitunter auch Ärzten wenig bekannt sind, können weibliche Infarkte oft erst viel später diagnostiziert werden als männliche und sind entsprechend schwerer, wenn nicht tödlich.

„Es schockierte mich, als ich erfahren musste, wie viele Frauen vom Arzt mit der Diagnose Angstattacke oder hysterischer Anfall wieder weggeschickt wurden, obwohl sie mit ernsten Anzeichen eines Herzinfarktes zur Untersuchung gekommen waren“, schrieb die New Yorker Kardiologin Marianne Legato in ihrem 2002 erschienenen Buch „Evas Rippe“. Bereits 1991 hatte die Ärztin in einem Buch über das weibliche Herz und die Arteriosklerose bei Frauen ihre Forschungsergebnisse beschrieben, die der gängigen Lehrmeinung diametral widersprachen: „Sie zeigen unzweifelhaft, dass Männern und Frauen dieselbe Krankheit ganz unterschiedlich erfahren, und dass die gleichen Ursachen durchaus nicht immer die gleichen Symptome hervorrufen.“

Nach dem Erfolg des Buches konzentrierte sich Legato hauptberuflich auf geschlechtsspezifische Medizin. Seit 1997 leitet die heute 78-Jährige, die weltweit als Pionierin ihres Fachs verehrt wird, das von ihr gegründete Institute for Gender-Specific Medicine an der New Yorker Columbia University.

Frauen, glaubten Wissenschaftler jahrhundertelang, seien biologisch lediglich eine kleinere Ausgabe des Mannes mit einem Reproduktionsapparat. Das menschliche Modell war das männliche. Das lag nicht nur daran, dass die Gesellschaft insgesamt von Männern dominiert war. Für die medizinische Forschung hatte das Ausklammern von Frauen – die Gynäkologie und Geburtshilfe ausgenommen – den Vorteil, dass die Ärzte sich nicht mit Ergebnissen herumschlagen mussten, die durch Menstruationszyklen und Hormonschwankungen kompliziert wurden.

Tests an Männern ergaben eindeutige Daten. Das vereinfachte die Auswertung und sparte überdies viel Geld. Denn je mehr Merkmale bei Frauen und Männern zu untersuchen sind, desto teurer die Forschung. Vor allem die US-Frauenbewegung erzwang eine Wende. Es waren weniger die Slogans der Protestierenden als die Tatsache, dass in den 80er Jahren bedeutend mehr Frauen in der Forschung arbeiteten. Sie forderten, dass die Aufmerksamkeit der medizinischen Forschung denen zu gelten habe, für deren Gesundheit geforscht werde.

Damit waren nicht nur Frauen gemeint, sondern auch verschiedene Ethnien und Altersgruppen. Die feministischen Forscherinnen akzeptierten nicht länger, dass die Resultate männlicher Testpersonen unter 40 – zu dieser Gruppe zählt bis heute die Mehrheit der Probanden – unbesehen auf die gesamte erwachsene Bevölkerung übertragen wurden. Gegen ihre Kritik gab es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Argumente. Neue Richtlinien für die Vergabe von Forschungsgeldern wurden erlassen.

Dass Medikamente dennoch weiterhin vorwiegend von Männern getestet wurden, ist eine Folge der Contergan-Katastrophe. Das in Deutschland mehrere Jahre rezeptfrei erhältliche Beruhigungs- und Schlafmittel, das vor allem Schwangeren empfohlen wurde, hatte Ende der 50er Jahre zu Tausenden von Totgeburten und Geburten schwerst missgebildeter Kinder geführt. Danach erging die Schutzbestimmung, dass potenziell schwangere Frauen nicht als Testpersonen in die Forschung einbezogen werden dürfen.

Inzwischen wurden die Vorgaben in manchen Ländern geändert. In Deutschland fordert das Bundesinstitut für Arzneimittel, dass „im Prinzip“ an beiden Geschlechtern getestet wird. Die Europäische Zulassungsbehörde EMA stellt die Richtlinie auf, dass beide Geschlechter in dem Maße an Studien beteiligt werden müssen, wie sie von Erkrankungen betroffen sind.

Obwohl sich die Gender-Medizin anfänglich mehrheitlich auf Frauen konzentrierte, weil dort dringender Nachholbedarf bestand, ist sie inzwischen genauso auf die Gesundheit von Männern fokussiert. In ihrem 2012 erschienen Buch „Gesundheit: Eine Frage des Geschlechts“ schreibt die österreichische Ärztin Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender Medicine an der Med-Uni Wien: „Männer, das zeigen viele Statistiken und Studien, sind an einer gesunden Lebensführung und an ihrer eigenen Gesundheit weit weniger interessiert als Frauen. Sie nehmen seltener an Vorsorgeuntersuchungen teil, und ihre im Vergleich zu Frauen um fast sechs Jahre kürzere Lebenserwartung ist nur zu einem geringen Teil in der biologischen und genetischen Ausstattung begründet.“

Als Hauptgründe für die geringere Lebenserwartung nennt Kautzky-Willer mehr Verkehrsunfälle durch Schnellfahren, mehr Alkohol und Nikotin, mehr Arbeitsunfälle: 90 Prozent aller Opfer tödlicher Arbeitsunfälle sind Männer.

Nicht nur die Sorglosigkeit der Männer im Umgang mit sich und ihren schädlichen Süchten setzt ihrer Gesundheit zu. Daneben gibt es zahlreiche biologische Veranlagungen, die Männer mehr gefährden als Frauen. Männer erkranken deutlich öfter an Leukämie als Frauen. Sie entwickeln Darmpolypen – mögliche Vorläufer von Darmkrebs – in sehr viel jüngerem Alter und sollten deswegen rechtzeitig mit Vorsorgeuntersuchungen beginnen. Und sie sterben häufiger an Infektionserkrankungen als Frauen.

Bei manchen Krankheiten laufen nach Erkenntnissen der Gender-Medizin beide Geschlechter Gefahr, eine falsche ärztliche Diagnose zu bekommen. Denn Ärzte erteilen Krankheitsbefunde nicht nur aufgrund medizinischer Abklärungen.

Ebenso wichtig sind alte Rollenklischees, die sie – oft unbewusst – mit sich herumtragen. Das trifft insbesondere auf Patienten zu, die unter chronischen Schmerzen leiden. Nach amerikanischen Studien sind Ärzte geneigt, bei Frauen relativ unbegründet psychische Ursachen zu vermuten, weil sie mit Psyche instinktiv das weibliche Geschlecht verbinden.

Während Männer, die über chronische Schmerzen klagen, viel schneller mit effektiven Schmerzmitteln behandelt werden, verlassen Frauen die Praxis häufig mit einem Rezept für Antidepressiva, obwohl sie nicht unter Depressionen leiden. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass Frauen auf manche Antidepressiva mit sehr viel heftigerem Schwindel reagieren als Männer, also dadurch noch kränker werden. Männer wiederum riskieren, dass ihre reale Depression vom Arzt nicht erkannt wird. Denn bei Männern tritt sie häufig in Verbindung mit übermäßigem Alkoholkonsum oder mit Aggressionen auf. Deswegen wird bei ihnen oft eher ein Burn-out-Syndrom vermutet. In den Augen mancher Ärzte scheint das bei Männern naheliegender zu sein als Schwermut.

Zehn Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an Osteoporose, brüchigen Knochen. Die Ursache für den Abbau der Knochendichte sind neben einer genetischen Veranlagung vor allem ungesundes Verhalten: zu wenig Bewegung, unausgewogenes Essen, zu viel Nikotin und Alkohol. Zwei Drittel der Osteoporose-Patienten sind Frauen über 50. Obwohl auch unter Männern die Zahl von Patienten mit schwindender Knochendichte zunimmt, wurde über die Ursachen bisher wenig geforscht. Zwei der vermuteten Gründe sind Alkoholmissbrauch und eine Unterfunktion der Keimdrüsen. Möglicherweise spielt auch der Rückgang der Sexualhormone eine Rolle.

Dank Gender-Medizin, sagt Alexandra Kautzky-Willer, sei heute bekannt, dass der bis 1990 verbreitete Glaube, Frauen seien gegen Erkrankungen der Herzkranzgefäße immun, leider ein frommer Wunsch war. Ebenso ist inzwischen erkannt, dass Störungen der Schilddrüsenfunktion bei Frauen vier- bis zehnmal so häufig vorkommen wie bei Männer, dass Frauen mindestens doppelt so oft an Rheuma und anderen Autoimmunkrankheiten leiden und ihr Risiko, an Alzheimer zu erkranken, deutlich über dem der Männer liegt.

An Kritikern der Gender-Medizin fehlt es nicht. Allein die Tatsache, dass sie nach Unterschieden zwischen Männern und Frauen forsche, zeige ihre sexistische Haltung, wurde bemängelt. Skeptiker verweisen auf die von feministischen Forscherinnen geprägten Anfänge der Gender-Medizin und sehen in ihr vor allem ein Instrument, um die weibliche Gesundheitsförderung voranzutreiben.

In Deutschland ist das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Berliner Charité führend. Geleitet wird es von der Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek. Unter anderem will das GiM einen runden Tisch organisieren, um das Thema Gender-Medizin in der EU-Forschung voranzubringen. Ein Erfolg: Am 7. April trifft sich der „Round Table“ zum ersten Mal in Brüssel.

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