Was Kritiker der Gender-Medizin sagen

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Medizin für Männer und Frauen : Der große Unterschied
Beatrice Schlag

Bei manchen Krankheiten laufen nach Erkenntnissen der Gender-Medizin beide Geschlechter Gefahr, eine falsche ärztliche Diagnose zu bekommen. Denn Ärzte erteilen Krankheitsbefunde nicht nur aufgrund medizinischer Abklärungen.

Ebenso wichtig sind alte Rollenklischees, die sie – oft unbewusst – mit sich herumtragen. Das trifft insbesondere auf Patienten zu, die unter chronischen Schmerzen leiden. Nach amerikanischen Studien sind Ärzte geneigt, bei Frauen relativ unbegründet psychische Ursachen zu vermuten, weil sie mit Psyche instinktiv das weibliche Geschlecht verbinden.

Während Männer, die über chronische Schmerzen klagen, viel schneller mit effektiven Schmerzmitteln behandelt werden, verlassen Frauen die Praxis häufig mit einem Rezept für Antidepressiva, obwohl sie nicht unter Depressionen leiden. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass Frauen auf manche Antidepressiva mit sehr viel heftigerem Schwindel reagieren als Männer, also dadurch noch kränker werden. Männer wiederum riskieren, dass ihre reale Depression vom Arzt nicht erkannt wird. Denn bei Männern tritt sie häufig in Verbindung mit übermäßigem Alkoholkonsum oder mit Aggressionen auf. Deswegen wird bei ihnen oft eher ein Burn-out-Syndrom vermutet. In den Augen mancher Ärzte scheint das bei Männern naheliegender zu sein als Schwermut.

Zehn Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an Osteoporose, brüchigen Knochen. Die Ursache für den Abbau der Knochendichte sind neben einer genetischen Veranlagung vor allem ungesundes Verhalten: zu wenig Bewegung, unausgewogenes Essen, zu viel Nikotin und Alkohol. Zwei Drittel der Osteoporose-Patienten sind Frauen über 50. Obwohl auch unter Männern die Zahl von Patienten mit schwindender Knochendichte zunimmt, wurde über die Ursachen bisher wenig geforscht. Zwei der vermuteten Gründe sind Alkoholmissbrauch und eine Unterfunktion der Keimdrüsen. Möglicherweise spielt auch der Rückgang der Sexualhormone eine Rolle.

Dank Gender-Medizin, sagt Alexandra Kautzky-Willer, sei heute bekannt, dass der bis 1990 verbreitete Glaube, Frauen seien gegen Erkrankungen der Herzkranzgefäße immun, leider ein frommer Wunsch war. Ebenso ist inzwischen erkannt, dass Störungen der Schilddrüsenfunktion bei Frauen vier- bis zehnmal so häufig vorkommen wie bei Männer, dass Frauen mindestens doppelt so oft an Rheuma und anderen Autoimmunkrankheiten leiden und ihr Risiko, an Alzheimer zu erkranken, deutlich über dem der Männer liegt.

An Kritikern der Gender-Medizin fehlt es nicht. Allein die Tatsache, dass sie nach Unterschieden zwischen Männern und Frauen forsche, zeige ihre sexistische Haltung, wurde bemängelt. Skeptiker verweisen auf die von feministischen Forscherinnen geprägten Anfänge der Gender-Medizin und sehen in ihr vor allem ein Instrument, um die weibliche Gesundheitsförderung voranzutreiben.

In Deutschland ist das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Berliner Charité führend. Geleitet wird es von der Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek. Unter anderem will das GiM einen runden Tisch organisieren, um das Thema Gender-Medizin in der EU-Forschung voranzubringen. Ein Erfolg: Am 7. April trifft sich der „Round Table“ zum ersten Mal in Brüssel.

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