Mekong-Kreuzfahrt : Der Fluss spukt

Sein Name bedeutet „Mutter allen Wassers“. Auf dem laotischen Teil des Mekongs drohen Untiefen, scharfe Felsen – und Geister. Nur wenige Kapitäne können Schiffe unfallfrei durch die Tücken des Stroms steuern.

Abhang. Steile Felsen und grüne Hügel prägen die Ufer des Mekong.
Abhang. Steile Felsen und grüne Hügel prägen die Ufer des Mekong.Foto: Alamy Stock Photo

Manchmal, wenn eine besonders knifflige Passage bevorsteht, wirft Mr. Vansee ein paar Bananen in den Fluss. Bevor die Crew isst, streut jeder eine kleine Portion Reis über Bord. Die Gaben sind für Naga, die Riesenschlange, und für überhaupt alle Kreaturen, deren Anwesenheit Ungemach verspricht. Damit will der Kapitän den Wassergeistern signalisieren: „Wir sind hier, wir wollen nichts Böses.“

Es kann also niemand behaupten, die Mannschaft des Schiffes tue nicht alles für die Sicherheit ihrer Passagiere. Mr. Vansee – wenn er nach seinem Vornamen gefragt wird, winkt er müde ab, den könne sowieso kein Europäer richtig aussprechen – ist Kapitän auf dem Mekong.

Der 49-Jährige fürchtet den Fluss, gleichzeitig lebt er von ihm. Er fährt Touristen über jenen Abschnitt, den nur wenige Schiffe sonst befahren. Vom Goldenen Dreieck im Norden, das für sein Opium berüchtigte Grenzgebiet zwischen Thailand, Laos und Myanmar, 358 Kilometer stromabwärts bis Luang Prabang, der bei Backpackern beliebten Stadt im Westen von Laos.

Kreuzfahrten werden in dieser Gegend kaum angeboten. Weiter südlich, im Mekongdelta in Vietnam, ist das anders. Da wird der Fluss kilometerbreit und bequem schiffbar. Doch hier, im mittleren Teil, wo er streckenweise die Grenze zwischen Thailand und Laos bildet, reichen die beiden Uferseiten mitunter bis auf 50 Meter aneinander. Kein Platz für Massentourismus. Aber was heißt schon Kreuzfahrt. Mit der Vorstellung von riesigen Kreuzern, Menschenfrachtern, die durch die Adria dampfen und deren Passagierzahlen sich in Busladungen messen lassen, hat das alles nichts zu tun. Kaum zwei Dutzend Passagiere sind an Bord. Ober- und Unterdeck, 45 Meter lang, acht breit. Einen Meter Tiefgang. In jedes Rettungsboot der Aida passen mehr Menschen.

Die Tage ziehen so gleichförmig vorbei wie die Landschaft

Der Mekong gilt den Menschen hier als heilig. Sein Name bedeutet „Mutter allen Wassers“. Er ist einer der längsten Flüsse der Erde, entspringt im westchinesischen Hochland, durchfließt China, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha, ehe er in Vietnam ins Südchinesische Meer mündet. Wo genau seine Quelle liegt, ist umstritten, da das Gebiet in den chinesischen Bergen schwer zugänglich ist und sich hier mehrere kleine Flüsse vereinen. Die Längenangaben variieren deshalb zwischen 4300 und 4900 Kilometern.

Der Fluss windet sich, die Ufer kommen näher und entfernen sich wieder, wie auf einer Schaukel. Schiffsschaukel. Scharfkantige Felsen spalten den Flusslauf in zwei Teile, an seinen Ufern fläzen sich im Schatten der dicht bewachsenen Steilhänge Rinder und Ziegen im Sand.

Flussfahrt über den Mekong
Warmes Buffet. Wer sich kulinarisch durchprobieren will, sollte einen der Nachtmärkte in Thailand oder Laos besuchen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Christian Vooren
01.05.2018 18:46Warmes Buffet. Wer sich kulinarisch durchprobieren will, sollte einen der Nachtmärkte in Thailand oder Laos besuchen.

Man möchte es ihnen möglichst gleichtun, dreht also die Liege auf der Sonnenterrasse mit Blick Richtung Steuerbord, lässt sich treiben, wie es die Reisekataloge anpreisen, mit knapp 20 Stundenkilometern gerade langsam genug, um keinen Wechsel von schroffem Vulkangestein zu grünen Hügeln zu verpassen und zu Hütten aus Bambus, die sich zu einem Dorf zusammentun. Wenn die gut 1000 PS starken Motoren besonders hart schuften, vibriert das Sonnendeck leicht. Macht rammdösig.

Die Tage ziehen so gleichförmig vorbei wie die Landschaft. Es wird früh dunkel, gegen 17 Uhr legt das Schiff an einer Sandbank an. Genug Licht und Zeit für eine Abkühlung in der Brühe, die auf der Haut erfrischender wirkt, als sie aussieht. Der Mekong ist im Blau der laotischen Flagge verewigt, dass er stattdessen in allerlei Brauntönen schimmert – sei’s drum.

Der Fluss zerrt an den Waden. Der Kapitän mahnt, nicht zu weit reinzugehen. Schiebt es auf die Strömung, meint auch die Geister. Die Schiffscrew richtet derweil das Barbecue auf der Sandbank an, entzündet ein Feuer, hängt Lampions an Palmenblättern auf. Nach dem Essen wird Lao Lao serviert. Landestypischer Reisschnaps, den die Frauen in den umliegenden Dörfern brennen. Brennt auch in der Kehle wie selten ein Schnaps zuvor.

Der Fluss bestimmt den Tagesrhythmus, auch den der Reisenden. Gefahren wird nur, wenn es die Sicht zulässt. Am nächsten Morgen verzögert sich das Ablegen, weil vom Bug aus vor lauter Nebel kaum das Heck zu sehen ist. Früher oder später jedoch teilt die Sonne den Dunst, bis er bloß noch als dünner weißer Streifen über den Ufern hängt.

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