Die beste Uhrzeit für Portishead

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Melt!-Festival : Ein Provisorium für 20.000 Feierwütige
So sieht die Industrie-Idylle vor dem Ansturm der Besucher aus.
So sieht die Industrie-Idylle vor dem Ansturm der Besucher aus.Foto: Ferropolis

Lehmkuhl fällt ein bisschen auf hier. Er wirkt wie auf Urlaub, oder als sei er gerade auf dem Weg zum Bäcker, die Sonntagsbrötchen holen. Er ist 37 Jahre alt, trägt eine kurze Hose, ein gestreiftes T-Shirt und Flip-Flops. Am Kragen baumelt die Sonnenbrille.

Er sagt: Er habe das Melt! immer so behandelt, „als sei es das Festival, auf das ich selber gern gehen würde“. Das heiße eben auch, seine eigenen Gefühle dort wahrzunehmen, so wie damals im vergangenen Jahr, bei Sonnenaufgang. Seine Gefühle damals stimmten, nur eben das Bild dazu stimmte nicht.

Dunkel und verkopft

Seeufer, der Tag brach an – und dann lief dort auf der Bühne „kontemporäre elektronische Bassmusik. Dark, dunkel, verkopft. Ich dachte, die Bühne sollte man lieber mit einer weicheren Musik bespielen. Die zum Wasser passt, zum Sonnenaufgang, zu den tanzenden Füßen im Wasser.“

So wird es sein in diesem Jahr. Das Verkopfte findet 200 Meter weiter statt, an einem Umspannwerk, das auf der Halbinsel steht. Insgesamt werden am kommenden Wochenende elf Orte dort bespielt. Musiker wie die deutsche Hip-Hop-Band Deichkind, die viel gelobte Rockband Tame Impala und das englische Elektronikduo Disclosure spielen auf den Bühnen.

Überhaupt die Morgenstunden. Lehmkuhl sagt: „Vier Uhr morgens guckt man sich keine künstlerisch anspruchsvolle Musik mehr an. Da will man loslassen, da will man sich keinen Kopf mehr darum machen, was man gerade anderswo verpassen könnte.“

Blaue Stunde oder Sonnenuntergang?

Muss er alles mitbedenken, während er Musiker-Agenturen anschreibt und Terminpläne macht. Wer tritt wann auf und wo? „Zu welcher Uhrzeit ist welche Stimmung auf dem Gelände?“, sagt Lehmkuhl. „Zur blauen Stunde, zum Sonnenuntergang, zum Sonnenaufgang?“ Und dann muss er seine Kollegen fragen, ob seine Ideen überhaupt funktionieren können.

„Wann sich wie viele Menschen wo genau befinden, das spielt in andere Gewerke mit rein. Das interessiert die Barbetreiber, die Security.“ Manchmal müsse er „zwei starke Künstler gegeneinandersetzen, damit die Leute sich nicht vor einer Bühne drängen und es dann zu voll wird.“

Manchmal wird er zum Volkserzieher. „Wenn ich Portishead beim Melt! habe“ – vor zwei Jahren trat die legendäre Trip-Hop-Band auf –, „dann will ich, dass das alle sehen. Ist auch manchmal bisschen pädagogisch.“ Auf den Bühnen ringsum war Ruhe.

Tonmasten in Rost-Design

Grenzen setzt Lehmkuhl regelmäßig die Physik. Er wollte einmal Tonmasten im Rost-Design. „Da komm’ ich dann und sage, so und so stelle ich mir das vor. Und dann kommt der Tonmann und sagt, wenn du da viel Stahl haben willst, dann scheppert das. Da beschweren sich die DJs bei den Bässen.“ Der Tonmann sage dann auch: „An einen Roststahlturm kannst du keine Eineinhalb-Tonnen-Tonanlage dranhängen. Das ginge nur dahinter, an einem Extra- Aufbau – aber der macht dann wieder das Ambiente kaputt.“

Das Ambiente spielt eine große Rolle. Auf dem Festivalgelände stehen fünf riesige Tagebaumaschinen, ein Eimerkettenbagger, ein Raupensäulenschwenkbagger, ein Schaufelradbagger und zwei sogenannte Absetzer. Zwischen 800 und 2000 Tonnen schwere Ungetüme, die vor sich hinverwittern. Sie haben keine Funktion mehr außer der, daran zu erinnern, dass die Gegend einmal eine Tagebaulandschaft war. In den Festivalnächten werden sie von bunten Scheinwerfern angestrahlt.

Steigende Nachfrage

Übers Jahr kostet der Eintritt aufs Gelände sechs Euro, die Jahreskarte sieben. Wer die drei Melt!-Tage erleben will, muss 136 Euro bezahlen.

Lehmkuhl seufzt nun ein bisschen, ja, das Geld. Die Konkurrenz unter den Festivals ist groß in Deutschland, man darf es mit den Preisen nicht übertreiben. Andererseits: Vieles werde teurer, in den vergangenen Monaten war das besonders so. Mieten für Zelte, Toiletten, Container. Die Nachfrage danach ist immens gestiegen, das Angebot kam nicht mit. Lehmkuhl sagt: „Die Flüchtlingssituation hat da etwas Kreativität erfordert.“

Ein merkwürdiger Moment ist das, als Lehmkuhl davon spricht. Selbst hier also, in einem Großraumbüro, in dem an nichts anderem gearbeitet wird, als Fantasielandschaften für junge, mitteleuropäische Großstädter zu schaffen, bricht die Wirklichkeit ein.

Um die Ecke eine AfD-Hochburg

Lehmkuhl setzt noch einen drauf: „Wir sind in Sachsen-Anhalt, wir sind bei Bitterfeld, der AfD-Hochburg, wo Leute offenbar Ansichten haben, die nicht unsere sind.“ Vielleicht sogar komplett gegenteilige. Im Wahlprogramm der sachsen-anhaltinischen AfD stand der Satz: „Identitätsstiftende Kulturpflege statt nichtssagender Unterhaltung!“

Kultureinrichtungen seien „in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern“. AfD-Kulturpolitik würde „in der Pflege einer deutschen Leitkultur eine sehr wichtige Aufgabe“ sehen.

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