Vielleicht die schwarze Totenkopfpiste?

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Mountainbiken in Tschechien : Waldwaden: Protzen auf den Trails von Trutnov
Die Trails von Trutnov sind gut ausgeschildert. Trotzdem lohnt es sich, einen ortskundigen Guide dabei zu haben.
Die Trails von Trutnov sind gut ausgeschildert. Trotzdem lohnt es sich, einen ortskundigen Guide dabei zu haben.Foto: imago/CTK Photo

Zeit fürs Finale, die Trails in Trutnov, wo Dusan Mihalecko so gern zeigt, was er kann. Die Strecken hier, nur wenige Autominuten östlich von Pod Smrkem, sind von Hand angelegt, haben jedoch die natürlichen Hindernisse integriert. Liegt ein Findling im Weg, gibt es entweder die Möglichkeit, drumherum zu fahren – oder drüber. Im Zweifelsfall gilt: Augen auf und durch! Beziehungsweise drauf. Denn es ist oft eine der paradoxen Regeln im Sport, die beim Mountainbiken über Stürzen oder nicht Stürzen entscheidet – je schneller, desto sicherer. Das heißt, wenn es bergab geht und vor einem ein Hindernis auftaucht, der Fahrer panisch wird und bremst, wird er zwar langsamer, kann sich aber darauf verlassen, zu fallen. Je schneller die Abfahrt, desto leichter lässt sich die Balance halten. Über kleinere Unebenheiten schwebt man praktisch hinweg. Das ist die fortgeschrittene Version des Versuchs, an einer roten Ampel mit dem Rad stehen zu bleiben, ohne die Füße auf den Boden zu stellen. Jedoch, nur um das klar zu stellen, die Regel gilt nicht in Kurven!

Dass es in Tschechien kaum Lifte gibt, die einen den Berg hochtragen, bedeutet auch, dass jeder, der runterfahren will, vorher rauffahren muss. Enduro heißt die Disziplin, bei der der Spaß einer steilen Abfahrt im Vordergrund steht, man sich den allerdings zuvor verdienen muss. Das funktioniert in Trutnov nur über einen brutal langen und steilen Anstieg. Kaum Gelegenheit, zwischendurch zu verschnaufen. Selbst erfahrene Biker sagen: Mehr als zwei, maximal drei Mal an einem Tag ist das nicht drin. Hat man den Schwung einmal verloren, kommt man bloß noch zu Fuß weiter.

Die Stimme im Kopf: „Uff“, „Fuck“, „Yeah“

Ziehen, Drücken, Treten und Schieben. Die Oberschenkel brennen, die Muskeln sind sauer, irgendetwas in der Richtung hatte man in Bio jedenfalls mal gelernt. Wahrscheinlich sind sie sauer, weil sie sich so abrackern müssen. Die Knie werden müde vom ständigen Strecken und Beugen. Bergauf geht es klar zu Lasten der Beine.

Ohne das alles wäre das, was anschließend kommt, nichts wert. Die Abfahrt. Steil, mal mehr, mal weniger. Manchmal gerade so, dass man sich möglichst tief hinter den Lenker presst, als könne man sich hinter dem Gartenschlauch-dicken Rohr verstecken. Um dem Wind zu entgehen, dem Luftwiderstand, weil der Abschnitt hier viel größeren Spaß macht, wenn man ihn schnell nimmt. Sich mit Anlauf in die enge Kurve pressen lässt, um am anderen Ende der Wendung wieder rauszuschießen. Plötzlich geht es richtig fies runter. So steil, dass man die Zeigefinger beider Hände vorsorglich etwas fester auf die Bremsen legt – immer nur mit einem Finger! – die übrigen vier pro Hand umklammern den Lenker. Die Muskeln anspannt, den Blick verengt, den Po fast aufs Hinterrad drückt, um nicht vornüber zu stürzen. Meist sehen die kurzen Passagen aus dieser Haltung viel spektakulärer aus, als sie sind. Die Stimme im Kopf sagt „Uff“, dann „Fuck“, dann „Yeah“.

Süchtig nach dem nächsten Kick

Der Rücken verhärtet sich von der dauerhaften Anspannung, das Greifen fällt schwer. Der Unterarm sträubt sich dagegen, zuzupacken. Diesmal zieht’s in den Oberkörper. Es geht um Körperspannung, um Konzentration, Gleichgewicht, Überwindung. Ums Aufbauen von Spannung, um Nervosität. Um die Millisekunde des Zögerns.

Trail um Trail, Abfahrt um Abfahrt wird die Vernunft leiser, der Nervenkitzel treibt einen voran auf schwierigeres Terrain, über spitzere Felsen, größere Sprünge. Wie ein Süchtiger auf der Suche nach dem nächsten Kick. Vielleicht die schwarze Totenkopfpiste? Ein bisschen Restverstand im Hirn ist zum Glück noch übrig.

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