Nächster Halt: Stuttgart : Wo eine Baustelle zur Sehenswürdigkeit wird

Hier gibt es eine Passantenseelsorge und riesige Baumaschinen, Bilder von Otto Dix und hausgemachte Maultaschen. Ein Rundgang durch Stuttgarts Bahnhofsviertel.

Baustelle Stuttgart 21.
Baustelle Stuttgart 21.Foto: picture alliance / Marijan Murat

ZUM STAUNEN

Links, direkt am Rand des Wegs, blickt die Frau mit ihren großen blauen Augen von einer Reklametafel aus auf die Passanten. Eine attraktive Dame mit schmalem Gesicht, die roten Lippen zum Kussmund geformt. Unzählige Menschen laufen an ihr vorbei und beachten sie nicht. Rechts ist es viel spannender. Da steht ein Bauzaun, es lärmt, staubt, da ist die Zukunft. Stuttgart ist wohl der einzige Ort Deutschlands, an dem eine Baustelle direkt neben dem Bahnhof etwas Faszinierendes hat. Der Bauzaun verläuft entlang eines Asphaltwegs, der sich zum Schlossgarten schlängelt, und dahinter entsteht einer der Abschnitte von „Stuttgart 21“.

Unter der Erde liegen dann die Gleise, darüber wachsen Wohnhäuser, Gewerbeimmobilien, Grünflächen. Der Umbau des Kopfbahnhofs zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof ist selbst zu einer Sehenswürdigkeit geworden. Bagger rammen meterlange Rohre in den Boden. Blaue Schläuche liegen wie riesige Anakondas auf der Erde, rostrote Metallstifte ragen aus der Erde. Alles ist hier überdimensioniert. Auch die Kosten. Stuttgart 21 wird rund eine Milliarde teurer als geplant, gerechnet wird nun mit 8,2 Milliarden Euro. Außerdem wird der Bahnhof wohl erst 2025 fertig, sechs Jahre später als geplant. In der Bevölkerung ist der Riesenbau seit Jahren umstritten, auch wegen der Kosten.

ZUM INNEHALTEN

Von der unterirdischen Einkaufspassage im Bahnhof gelangt man zur Königsstraße, der wichtigsten Flaniermeile Stuttgarts. Flanieren? Na ja. Die ersten 200 Meter sind so unterhaltsam wie Schnürsenkelbinden. Bekannte Modeketten, Telefongeschäfte, Backshops. Doch nach 200 Metern stößt man auf die monumentale St.-Eberhard- Kirche. Auf einer Infotafel steht „Passantenseelsorge“, ein Pfeil deutet Richtung Kirche. Hinter dem Haupteingang liegt eine Tür mit Sichtschutz. Dahinter wartet Seelsorger Wolfgang Klee, begrüßt den Besucher herzlich und führt ihn in einen kleinen Raum. Kerzenlicht flackert, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Kreuz auf dem Tisch. Andächtige Atmosphäre beherrscht dieses Zimmer.

Und Klee, der Seelsorger mit der Hornbrille und dem akkurat gestutzten Bart, holt einen ebenso sanft wie schlagartig aus dem hektischen Alltag. Er hört einfach nur zu. Oder fragt vorsichtig nach. Hier werden Menschen ihre Sorgen los, ihre Ängste. Jeder kann kommen, spontan, egal mit welchen Problemen. Soldaten auf Heimaturlaub, die Angst vor der Rückkehr nach Afghanistan haben. Leute mit Suizidgedanken. Angehörige, die einen Todesfall verarbeiten müssen. Mit Klee können sie über ihre Probleme reden. Dann gehen sie wieder raus in ihren Alltag. Aber befreiter. Mehrere tausend Passanten haben sich 2017 in diesem Raum niedergelassen.

Der Kleine Schlossplatz in Stuttgart.
Der Kleine Schlossplatz in Stuttgart.Foto: imageBROKER/Arnulf Hettrich

ZUM ENTSPANNEN

Gleich hinter der St.-Eberhard-Kirche geht es historisch weiter. Hier liegt der Kleine Schlossplatz, man spürt die Atmosphäre der langen Geschichte Stuttgarts, der früheren Residenzstadt. Altes Schloss, im zehnten Jahrhundert ursprünglich als Wasserburg erdacht, Neues Schloss, gebaut ab 1746, der Königsbau mit seinem Säulengang, zwischen 1856 und 1860 errichtet. Der Platz in der Mitte ist sehr geschäftig. Wer das alles in Ruhe genießen möchte, der kann im Sommer entspannt auf der Terrasse des Cafés Terrazza sitzen. Im Winter bietet das Café im ersten Stock durch die Panoramascheiben einen herrlichen Blick über den Kleinen Schlossplatz.

Zum lässigen Bummeln muss man nur ein paar Meter schlendern. Die Königsbau-Passagen werben als „Stuttgarts Shopping-Adresse Nummer 1“. Die Auswahl reicht vom Edeljuwelier bis zum Laden für Designermöbel. 100 Meter weiter bekommt man zum Kaffee auch Kultur: im Gebäude des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart. In der ersten Etage liegt das Café Künstlerbund. Ein lang gezogener Raum mit roten Sesseln und roten Bänken. An der Wand Bilder, derzeit stellen die Künstler Peter Geisselmeier und Marco Stiefel ihre Werke aus. Serviert wird mediterrane Küche.

ZUM GUCKEN

Was für ein Kontrast! Direkt neben dem Königsbau ragt ein glasverspiegelter Würfel empor. Das Kunstmuseum Stuttgart wurde 2005 eröffnet, mit beeindruckend großer Eingangshalle. Derzeit werden unter anderem Arbeiten von Otto Dix und Willi Baumeister ausgestellt. Ein weiterer Themenblock widmet sich der ungegenständlichen Malerei seit den 1950er Jahren. Von der Eingangshalle aus blickt man plötzlich in die Tiefen zweier ehemaliger Tunnelröhren. Dort liegt der größere Teil der 5000 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsfläche. Raus aus dem Museum, rein ins nächste. Über den Kleinen Schlossplatz, zum Alten Schloss, ins Landesmuseum. Eintauchen in die Landesgeschichte von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Farbige Glasfenster beherrschen im Foyer die Front zum Schlosshof.

ZUM SCHLEMMEN

Es sind nur ein paar Meter vom Alten Schloss zur Stuttgarter Markthalle. Sie erinnert in ihrer Vielfalt an die am Marheinekeplatz in Kreuzberg. In Stuttgart wurde sie 1864 eingeweiht, 1971 sollte sie abgerissen werden, weil sie unrentabel war. Mit gerade mal einer Stimme Mehrheit lehnte der Gemeinderat den Abriss ab.1972 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Neben dem Stand mit dem Schwäbisch-Halleschen Schweinefleisch werden hausgemachte Maultaschen verkauft. Das Angebot ist meist bodenständig, das Ambiente passt dazu, zum Beispiel im „Marktstübel“. Aus einem grasgrünen Brunnen plätschert es. Bald läuft man durch die verwinkelten Gänge, steht plötzlich im „Pakistan-Indien-Shop“ und hat die Auswahl zwischen 37 Sorten Reis und 23 Sorten Pfeffer. Man muss sich nur entscheiden.

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