Post-Sowjet-Mode : Warum wollen alle Gopniki sein?

Kyrillische Schriftzeichen auf übergroßen Pullovern und sowjetische Embleme auf trashigen Trainingsanzügen: Der Look aus den Plattenbauvierteln des Ostens erobert den Westen.

Florentin Schumacher
Gopnik. Der Unterschichtenprolet der zerfallenden Sowjetunion als Schönheitsideal.
Gopnik. Der Unterschichtenprolet der zerfallenden Sowjetunion als Schönheitsideal.Foto: Lasaye Hommes on Unsplash

Vor sechs, sieben Jahren begann das. Hatten viele Teenager Anfang des Jahrtausends noch aussehen wollen wie Surfer aus Kalifornien, hypergesunde Körper in Hollister-Shorts, verblich nun ihre Bräune, die Fitness-Oberarme verkümmerten. Locken fielen, einen Bart trug nur, wer musste, alle anderen rasierten sich den bleichen Schädel kahl. Um die mageren Brustkörbe schlackerten Pullover in Übergröße. Großstadtjugendliche stopften ihre Adidas-Jogginghosen in Sportsocken. Auf den Trainingsjacken prangten gigantische Logos – Nike, Champion, Reebok –, und man konnte das als reines 90er-Jahre-Revival missverstehen, die amerikanischen Sportmarken des goldenen Hip-Hop-Zeitalters, die Skaterlässigkeit, die endlich die Röhrenjeans sprengte, wären da nicht oft seltsame Zeichen auf den T-Shirts und Trainingsanzügen gewesen: Kyrillisch. Daneben wehten kleine russische Flaggen.

Nein, hier sehnten sich nicht nur alternde Designer in New York, Paris und Berlin nach ihrer Jugend – hier erinnerten auch Designer aus Moskau und Tiflis an ihre 90er Jahre, ihr Aufwachsen in der zerfallenden Sowjetunion. Und zu ihren Helden erkoren die Modemacher aus der Ex-UdSSR die Gopniki. Jene Frauen und Männer der Unterschicht, vor allem Männer, die am Straßenrand in der Russenhocke lungerten. Ihre Beine gespreizt und angewinkelt, ihre Arme ruhen auf den Knien, der Hintern berührt nur knapp nicht den Boden. So saßen sie da mit gefälschten Adidas-Trainingsanzügen, kauten Sonnenblumenkerne und tranken Billigwodka, während sie warteten, dass der Tag vorbeiging, und dann machten sie am nächsten Tag weiter, kauend, trinkend, wartend.

Gop bezeichnet das Schlafen auf der Straße

Wie wurde der Unterschichtenprolet der zerfallenen Sowjetunion zum Modeideal der globalisierten Jugend von heute? Verrät das irgendwas über das gar nicht so gute Verhältnis zwischen Russland und dem Westen? Also: Warum wollen alle Gopniki sein?

Das Wort Gopnik kommt aus dem Russischen und leitet sich wahrscheinlich von Gop-Stop ab, einem Slang-Ausdruck für Straßenraub. Es könnte allerdings auch von GOP stammen, so kürzte die bolschewistische Regierung nach der Oktoberrevolution 1917 ihre Armenhäuser ab. Das alte Verb gop wiederum, ein Begriff der Umgangssprache, bezeichnet das Schlafen auf der Straße.

Welches kalte Nichts den Gopnik nun gebar – letztlich eh egal. Es zählt ja, was einer aus seiner Herkunft macht. Der Gopnik hat, das ist nicht übertrieben, das Maximum herausgeholt. Aus dem sowjetischen Plattenbau hat er es auf die Pariser Laufstege geschafft, vom Verhöhnten wurde er zum Besungenen und er, der saufende, kleinkriminelle Nichtsnutz hinterm Eisernen Vorhang, wurde zum weltweiten Schönheitsideal.

Die Nostalgie von Hammer-und-Sichel-Aufdrucken

Vielleicht liegt sein Aufstieg schon am Wort: Sowjetunion. Ein Wahnsinnswort. Dunkel und roh, das Feuer im Autoreifen vor einem monolithischen Plattenbau. Zumindest können sich das all die Unter-30-Jährigen so vorstellen, die den Einparteienstaat bloß aus der Schule kennen oder aus Geschichten ihrer Eltern, aber nie den Alltag in der UdSSR erleben mussten.

Von den Gopniki inspiriert und sie zugleich glorifizierend ist die Post-Sowjet-Mode. Das Rotzige der Jogginghose verbindet sie mit der Wärme von Fußballschals, das Rohe schlechtsitzender, zusammengewürfelter Kleidungsstücke mit der Nostalgie von Hammer-und-Sichel-Aufdrucken.

Keinem ist das so gut gelungen wie Gosha Rubchinskiy, einem 33 Jahre alten ehemaligen Friseur aus Moskau. Mit Adidas hat der Designer kürzlich eine WM-Kollektion aufgelegt; überhaupt orientiert er sich oft am Fußball sowie an der Skaterszene und sowjetischen Uniformen. Rubchinskiy und seine Freunde Demna Gvasalia, in Georgien geborener Kreativdirektor von Balenciaga und Chefdesigner von Vetements, und Lotta Volkova aus Wladiwostok, die Starstylistin eben jener beiden gefeierten Labels, haben die Post-Sowjet-Mode bekannt gemacht. Dann haben sie H&M und Urban Outfitters kopiert, um die Gopniki noch viel bekannter zu machen.

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