Kafka, Kisch, Werfel: Sie alle waren im „Café Montmartre“ zu Gast

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Prag : 48 Stunden mit Franz Kafka
Straßenkunst im Stadtteil Žižkov. Kafka gleicht in Prag einer Popikone.
Straßenkunst im Stadtteil Žižkov. Kafka gleicht in Prag einer Popikone.Foto: Alamy Stock Photo

10 Uhr

Am heutigen „Námestí Franze Kafky“, dem Franz-Kafka-Platz, steht das Haus, in dem der Autor 1883 geboren wurde – wobei vom Original nur noch das Portal erhalten ist. Die Gedenktafel könnte man leicht übersehen, weil sie sich derzeit hinter einem Bauvorhang verbirgt.

Gut, dass Stadtführerin Lenka Mandová dabei ist. „Da, schauen Sie!“, sagt sie ein paar Ecken weiter. Im schicken Kinsky-Palais am Altstädter Ring, Prags zentralem Marktplatz, hatte Kafkas „Vatti“, wie die Führerin mit tschechischem Akzent erklärt, auch mal sein Kurzwarengeschäft. Im Hinterhaus ging der junge Franz viele Jahre vorher aufs Gymnasium. Mandová ist Historikerin, sie liebt ihren Kafka und all die anderen interessanten Prager jener Zeit: den Journalisten Egon Erwin Kisch! Den Schriftsteller Franz Werfel! Die Autorin und Kafka-Gefährtin Milena Jesenská! Drei Stunden mit Mandová auf den Spuren des Autors kosten für zwei Personen rund 60 Euro (reiseleiterin.eu).

Atemlos geht es weiter, zur Karls-Universität, an der der Schriftsteller Jura studierte. Und schließlich zum früheren Sitz der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, für die Kafka viele Jahre tätig und dabei nicht sonderlich glücklich war. Der neobarocke Bau ist jetzt ein hochklassiges Hotel mit dem leicht kafkaesken Namen „Century Old Town Prague – MGallery by Sofitel“.

14 Uhr

Erholungspause im „Café Montmartre“ (Retezová 7), einem Lokal, in dem Kafka gern einkehrte. Hier ist’s urgemütlich und ziemlich leer. Auf den Fensterbänken ranken Zimmerpflanzen empor, Stehlampen verbreiten schummriges Licht, und die Holzbänke knarzen beim Draufsetzen. Ein Blick auf die Karte verrät: Auch andere Geistesgrößen waren im Café zu Gast. Kischs Foto findet sich neben Gin und Whisky, Werfels neben Cognac und Wodka.

16 Uhr

„Dr. Franz Kafka“ steht auf dem Schild, und der Pfeil darunter zeigt nach rechts: „250 M“. Einige Männer mit Kippa spazieren vorbei, offenbar haben sie das Grab eines Angehörigen besucht. Sonst ist der Neue Jüdische Friedhof (Izraelská 712/1, an der Metrostation Želivského) beinahe menschenleer. Kafka ist hier neben seinen Eltern Hermann und Julie begraben. Auf das Grab haben Menschen Kerzen und Blumen gestellt. Kleine Botschaften liegen dort. Auf Arabisch, Koreanisch, Englisch. Auch ein deutscher Zettel ist dabei. „Danke“ steht darauf.

In Prag führen alle Wege zu dem Schriftsteller - auch auf dem Neuen Jüdischen Friedhof.
In Prag führen alle Wege zu dem Schriftsteller - auch auf dem Neuen Jüdischen Friedhof.Foto: Björn Rosen

19 Uhr

Zum Abschluss an die Národní, die Nationalallee zwischen Alt- und Neustadt. Hier befindet sich ein anderes traditionsreiches Künstlerlokal, das Kafka mochte: das Café Louvre (Národní 22). Eröffnet wurde es 1902. Im Erdgeschoss kann man Billard spielen, die Treppen hoch geht es in den eigentlichen Gastraum, ein grandioses Jugendstil-Ensemble.

Durch die großen Fenster schaut man auf den Boulevard – ein Blick, wie ihn auch Kafka einst genossen haben muss. Prag spielt in seinem Werk keine nennenswerte Rolle, doch die Stadt, die er kaum je verließ, prägte den Schriftsteller zutiefst. „Prag läßt nicht los“, schrieb er als 19-Jähriger. „Dieses Mütterchen hat Krallen.“

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