Prignitz : Was Naturfreunde und Radler nach Lenzen lockt

Zilp-zalp, gu-guuuu-gu, du-deliöööh. Im Norden Brandenburgs gibt’s das ganze Jahr über Vogelkonzerte. Und ein bisher einzigartiges Naturschutzprojekt.

Martin Kaluza
Grüntöne. Im brandenburgischen Lenzen kann man mit dem Rad am Ufer der Elbe entlangfahren und der Natur lauschen.
Grüntöne. Im brandenburgischen Lenzen kann man mit dem Rad am Ufer der Elbe entlangfahren und der Natur lauschen.Foto: Martin Kaluza

Es ist sechs Uhr morgens, deutlich vor dem Frühstück, die Sonne hat sich ein paar Daumenbreit über den Horizont geschoben und blinkt durch die Bäume im Park der Burg Lenzen. Ein Grüppchen Besucher stolpert durch die Grünanlage, die man eine Oase der Ruhe nennen könnte, wenn nicht zwei Fakten dagegensprächen. Erstens: Die ganze Umgebung ist grün und ausgemacht ruhig, von Oasenlage kann also keine Rede sein. Und zweitens: Eigentlich ist es hier auch gar nicht ruhig. Das liegt an den Vögeln. Denn der frühe Vogel – davon schweigt das Sprichwort – macht zunächst einmal eine Menge Krach.

Die morgendlichen Spaziergänger haben Ferngläser um den Hals baumeln, damit sie gleich hingucken können, wenn sie etwas hören. Beim Hinhören hilft ihnen Stefan Jansen. Der Mann, der im Hauptberuf als Gutachter arbeitet, wenn zum Beispiel Bauvorhaben geplant sind, ist eine Art Vogelstimmen-Shazam: In seinem Gedächtnis sind unzählige Gesänge abgespeichert, die er im Bruchteil einer Sekunde mit Informationen über die Urheber abgleicht. Touren wie die heutige nennt er „Umweltbildungsarbeit“. „Mein Ziel ist, dass sich jeder Teilnehmer am Ende mindestens einen Vogel merken kann“, sagt Jansen. Das ist kokett, denn der erste Vogel, auf den er seine Gäste aufmerksam macht, ist denkbar einfach zuzuordnen. Ein lauter Ruf, zwei klar erkennbare Silben: „Zilp-zalp! Zilp-zalp!“ Das versteht jeder Vogelstimmenlaie. Und das Beste: Der Vogel heißt auch so. Zilpzalp. Ziel früh erreicht.

Doch am Anfang ist es schon schwierig, überhaupt einzelne Stimmen aus dem ganzen Konzert herauszufiltern. „Im Februar ist das einfacher, weil dann die Zugvögel noch nicht zurück sind“, sagt Jansen. Aber er macht es geschickt. Geht im Burgpark umher, pickt sich immer den Vogel heraus, der an dieser Stelle am lautesten zu hören ist. Ein paar sind ganz einfach. Das „gu guuuu gu“ der Ringeltaube. Im Hintergrund hört man immer wieder den Kuckuck heraus, davon gibt es hier gleich mehrere. Die kennen nun wirklich schon alle Teilnehmer. Aber was ist das? Aus dem großen Konzert sticht ein einfaches, kräftiges Piepen hervor. „Das ist der schlechteste Sänger, den wir haben“, sagt Jansen, „der Grauschnäpper, er sitzt dort oben in den Wipfeln!“ Dann lenkt er die Aufmerksamkeit auf ein fröhliches, tänzelndes Flöten. So singt die Mönchsgrasmücke, Jansen hat eine Eselsbrücke: „Sie klingt wie ein improvisierender Saxofonist. ,Jazzgrasmücke‘ würde auch passen.“ „Ist das denn überhaupt ein Vogel?“, will eine Teilnehmerin wissen. Sie ist ganz irritiert, dass ein Vogel mit Nachnamen „Mücke“ heißen kann.

Lenzen liegt mitten im Biosphärenreservat Elbe

Dass die frühe Vogelstimmenwanderung hier im Burgpark stattfindet, ist kein Zufall. In Lenzen hat der BUND, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, sich ziemlich breitgemacht. Vor 25 Jahren hatten die Aktivisten die alte Burg geschenkt bekommen. Oder besser: die Ruine der Burg. Heute betreibt der BUND dort ein kleines Bio-Hotel und ein Besucherzentrum mit Tagungsräumen. Im Turm erklärt eine kleine Ausstellung die Stadtgeschichte und Fragen zum Umweltschutz, von der Aussichtsplattform reicht der Blick bis an die Elbe.

Sonst gibt es hier nicht so viel. Lenzen liegt nämlich weit ab vom Schuss, am nordwestlichsten Zipfel Brandenburgs. Mit ihren knapp mehr als 2100 Einwohnern ginge die Kleinstadt andernorts als Dorf durch. Bis zur Wende verlief die innerdeutsche Grenze praktisch vor der Haustür, verschnarchteste Lage also. Zum nächsten Bahnhof, nach Wittenberge, ist man mit dem Bus eine Dreiviertelstunde unterwegs, und nur wenige Orte in Deutschland sind weiter von einer Autobahn entfernt. Gut angebunden ist Lenzen vor allem für Fahrradfahrer. Denn vom Elberadweg, einem der beliebtesten Radwanderwege Deutschlands, ist es hierher nur ein ganz kurzer Abstecher.

Was den Ort aber für den BUND und für Naturfreunde so interessant macht: Lenzen und seine Burg liegen mitten im Biosphärenreservat Elbe. Auf langen Schildern weist ein Wortungetüm auf ein Vorzeigeprojekt der Umweltschützer hin: „Deichrückverlegung“. Was es damit auf sich hat, schaut man sich am besten mit dem Fahrrad an.

Zu DDR-Zeiten gab es hier Selbstschussanlagen

Von Lenzen aus geht es auf den Elberadweg Richtung Wittenberge. Der Fluss macht hier eine lange Kurve, sieben Kilometer zieht er sich hin. Aber man sieht ihn vom Radweg aus allenfalls in der Ferne. Über Jahrzehnte verlief ein Deich direkt neben dem Ufer. Der ist zwar noch da, aber er hat vor neun Jahren Löcher bekommen, sechs Stück, und das mit voller Absicht. Denn jetzt steht ein neuer Deich weiter landeinwärts, auf ihm verläuft der Radweg. Er schneidet sozusagen die Kurve und überlässt das Stück Land zwischen neuem und altem Deich dem Fluss. Die Elbe kann jetzt über das Ufer treten und die Wiesen überfluten. So wird das Stück Land nach und nach wieder zu dem, was es einmal war, bevor der Fluss wie so viele andere in Deutschland eingedeicht und begradigt wurde: zu Auenwald, einer der seltensten und zugleich artenreichsten Landschaften Deutschlands.

Maria Lindow radelt voraus. Sie ist in Lenzen aufgewachsen, ging zum Studieren nach Greifswald, zum Arbeiten nach Berlin und lebt nun wieder hier, arbeitet für das BUND-Auenzentrum auf Burg Lenzen. An einer Schranke biegt ein kleiner Stichweg zum „Bösen Ort“ ab, nach ein paar 100 Metern wartet ein überdachter Ausguck. In südöstlicher Richtung ist der Kirchturm von Schnackenburg zu sehen. Das liegt schon in Niedersachsen – während der deutschen Teilung war das die andere Seite. „Mein Vater hat mir erzählt, dass er zu DDR-Zeiten die Elbe hier bei seinem Heimatort überhaupt nicht gesehen hat“, sagt Lindow. „Es hieß zwar ,Lenzen an der Elbe‘, aber dort war Sperrgebiet, es war mit Grenzzaun und Selbstschussanlagen gesichert.“ Heute verbindet eine kleine Autofähre Lenzen mit dem niedersächsischen Pevestorf.

Beim Hochwasser 2013 half der neue Deich deutlich

Am Bösen Ort ist die Biegung des Flusses steil, hier hat das Wasser immer besonders auf den alten Deich gedrückt. Wie in einem Trichter wurde es auf einer Breite von 500 Metern zusammengedrängt. Der neue Deich lässt ihm ausreichend Platz, sich auszubreiten, er wurde mehr als einen Kilometer ins Landesinnere verlegt. Das ergibt für die Lenzener Elbtalaue 420 zusätzliche Hektar zum Überfluten. Der BUND hat Bäume gepflanzt, die für Auenwälder typisch sind. Eichen, Ulmen und Eschen, Weiden und Schwarzpappeln, dazu ein paar Obstarten. Vom Deich aus sieht man Wildpferde weiden. Einige Einheimische mussten erst in vielen Gesprächen vom Sinn der Deichrückverlegung – es war die erste große in Deutschland – überzeugt werden. Sie hatten Angst, schließlich bedeutete der neue Deich, dass das Wasser bei einer Flut viel näher an ihre Häuser kommt. Was die Deichrückverlegung bringt, konnten die Anwohner aus Lenzen und Umgebung beim Elbhochwasser 2013 nachmessen: An der Stelle, wo der Fluss nun die Auenlandschaft fluten durfte, war das Hochwasser 40 Zentimeter tiefer als flussabwärts hinter Lenzen. Selbst im 25 Kilometer entfernten Wittenberge, wo jeder Fingerbreit Wasser zählte, fiel der Pegel noch sieben Zentimeter niedriger aus.

Für den BUND ist die Elbtalaue deshalb ein Pilotprojekt. „Nach jeder Flut kommen erst die Beteuerungen aus der Politik, unbedingt den Hochwasserschutz zu verbessern“, sagt Lindow. „Die halten 14 Tage, dann setzt die Hochwasserdemenz ein und niemand erinnert sich.“ Sie hofft, dass noch viel mehr Flüsse in Deutschland renaturiert werden. Das nächste Projekt an der Elbe liegt ganz in der Nähe, und es ist bereits angelaufen: „Hohe Garbe“ heißt das Gebiet ein paar Kurven weiter flussaufwärts in Sachsen-Anhalt.

Abends, zurück auf der Terrasse des Burgrestaurants in Lenzen, kann man noch einmal in den Park hineinhorchen. Aus den Wipfeln weht ein kräftiges, musikalisches Flöten herüber, „du-deliööh“. Wer bei der Vogelstimmenwanderung aufgepasst hat, erkennt ihn wieder. Es ist der Ruf des Pirols. Ein scheuer Vogel, der gern singt, sich aber fast nie zeigt. Letzteres ist schade, das Männchen ist leuchtend gelb mit schwarzen Flügeldecken, das Weibchen gelblich-grün mit weißem Bauch – beide ein hübscher Anblick. Heute Abend auf Burg Lenzen machen sie eine Ausnahme. Ganz kurz fliegt erst ein Männchen, dann ein Weibchen aus einem Baum auf, sie wechseln hinüber zur Krone des Nachbarbaums. Zum Glück gibt es in Lenzen so wenig Ablenkung. Sonst würde man das kleine Schauspiel glatt verpassen.

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