Reiten : Zeitenwendy: Wie unser Autor vom Ponyhof vertrieben wurde

Für Cäsar, die Husaren und die Preußenkönige war das Pferd noch ein Männlichkeitssymbol. Heute haben Frauen das Kommando im Sattel.

Jesko zu Dohna
Wie im Märchen. Jede kleine Reiterin darf sich heute wie eine Prinzessin fühlen.
Wie im Märchen. Jede kleine Reiterin darf sich heute wie eine Prinzessin fühlen.Foto: imago/allOver-MEV

Neulich habe ich meine 10-jährige Nichte auf einen Ponyhof ins Münsterland gebracht. Sie wollte reiten lernen. Wie fast alle jungen Mädels: sich um Shetlandponys kümmern, sie striegeln, kämmen und ihnen alte Möhren in die Mäuler stopfen.

Unsere Laune war bestens – bis wir auf den matschigen Hof rollten. Sofort wurden wir von einer Horde aufgekratzter Pferdemädchen umringt, der ein einzelner verstörter Junge folgte. Und sofort sah ich mich in ihm wieder. Die alten Beklemmungen kamen hoch, die ich im Sommer 1996 auf der Autofahrt vom Ponyhof nach Hause tief in meinem Inneren vergraben hatte.

Damals war ich auf demselben Hof eine Woche lang von einer bösartigen Mädchengang drangsaliert worden. Immer wenn ich mit meinem Pony, einer alten Stute namens Chiara, allein sein wollte, nahmen sie mir meine Bürste weg, bewarfen mich mit Pferdeäpfeln oder belehrten mich, wie man die Hufe der Tiere richtig auskratzt.

Denn auf dem Ponyhof herrschen die Mädchen. Es ist vielleicht sogar der emanzipierteste Ort der Nation – und das ganz ohne Quote.

Die Pferdemädchen-Industrie sorgt für steten Nachwuchs

78 Prozent der Mitglieder der Reiterlichen Vereinigung (FN), dem nationalen Dachverband des Pferdesports, sind weiblich. Alle Versuche und Initiativen wie „Jungs aufs Pferd“, bei denen in Kursen unter anderem ehemalige Olympiamedaillengewinner versuchten, mehr Männer für den Sport zu gewinnen, konnten den Trend nicht stoppen.

Die Pferdemädchen-Industrie sorgt für steten Nachwuchs. Ob auf den Covern der Hörspiele von „Bibi & Tina“ oder der Zeitschrift „Wendy“ mit ihren Pferde-Lovestories – die Zielgruppe ist weiblich, die dominierende Farbe Rosa. In Online-Reitshops gibt es pinke Pferdedeckchen, lilafarbene Steppwesten, und seit das Harald-Glööckler-Krönchen eine Reitkollektion ziert, darf sich jede Reiterin heute wie eine Prinzessin fühlen.

Und die Männer? Die halten sich fern, sind Statisten, die gelangweilt in der Gaststätte neben der Reithalle sitzen, über ihre Handydisplays wischen und warten, bis die Freundin am Abend endlich die Gäule abgeduscht hat. Oder sie sind die Chauffeure, wie ich heute.

„Das war ja schlimm da“

Dabei war das mal ganz anders, Reiten galt lange als männlich. Was ist passiert?, frage ich mich, als ich beobachte, wie sich eine 13-jährige Blondine mit gespitzten Lippen und in rosa Fleeceweste meine Nichte schnappt und, vorbei an Lucy und Flocke, durch den Stall eskortiert.

Mein Neffe, der auch mitgefahren war und mich als kleiner einsamer Junge an mein achtjähriges Ich erinnert hatte, rollt beim Anblick der alten Ponys nur mit den Augen und steuert auf das rostige, alte Kettcar zu, das in der Ecke steht. Auf der Heimfahrt schaue ich in den Rückspiegel. „Das war ja schlimm da“, sagt mein Neffe. Ich nicke und schalte das Radio ein. Nie wieder Ponyhof, denke ich.

Eigentlich habe ich nichts gegen Pferde, im Gegenteil. Schon als kleiner Junge war ich von der Kraft der Tiere begeistert, liebte es, auf der Rennbahn beim Einlauf zu stehen, wenn das Getrappel immer lauter wurde und den Reitern Erdklumpen in die Gesichter flogen. Bis heute löst der Anblick von galoppierenden Pferden in mir ein erhabenes Gefühl aus.

Das habe ich sicher von meinem Vater geerbt, der seine Kindheit in den 1950ern auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide verbracht hatte. Noch bevor er richtig laufen konnte, setzte ihn mein Großvater auf seine großen Hannoveraner. Als Zehnjähriger kaufte mein Vater von seinem Taschengeld sein erstes Pferd, es war zuvor panisch in einen Milchwagen galoppiert und deshalb billig. Später ritt er es dann selber zu.

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