„Stille Nacht“ machte eine Weltkarriere

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Salzburger Land : Es ist ein Lied entsprungen
Kein Versengeld gegeben. „Stille Nacht“ schrieb Joseph Mohr gratis, um andere zu erfreuen.
Kein Versengeld gegeben. „Stille Nacht“ schrieb Joseph Mohr gratis, um andere zu erfreuen.Foto: Alamy

Auf die Idee, sich malen zu lassen, wäre er nie gekommen. Als das Lied berühmt geworden war, exhumierte man kurzerhand den Leichnam, schuf nach diesem Vorbild ein Gemälde. Im Sockel des Altars der Stille-Nacht-Kapelle soll Mohrs Kopf anschließend eingemauert worden sein.

Der örtliche Hüter der Kapelle verzichtet in der Beschreibung auf Details, gibt lieber einen praktischen Tipp für die Liedpilger am Heiligen Abend: Unbedingt etwas essen, bevor um 18 Uhr der Christkindlmarkt schließt. In der weiteren Umgebung ist danach alles dicht. Heilige Nacht ist Stille Nacht.

Von Oberndorf aus machte „Stille Nacht“ auch als Hymne der idyllischen Familienweihnacht unterm Christbaum Karriere. Über einen Orgelbauer kam es zu Zillertaler Sängerfamilien, die es in Berlin aufführten, in Moskau und in New York. Auswanderer nahmen es mit in alle Welt. Die erste Strophe traf mitten ins Herz des Bürgertums. Bilder der überaus beliebten Königin Luise mit gelocktem Kronprinzen waren weit verbreitet. Die private Feier der Hohenzollernfamilie geriet zur prägenden Vorstellung vom harmonischen weihnachtlichen Zusammenleben. Aus dem Kronprinzen mit lockigem Haar wurde 1840 der preußische König Friedrich Wilhelm IV. Der ließ in der Erzabtei St. Peter in Salzburg anfragen, wem das Lied eigentlich zu verdanken sei. Als der Komponist Franz Xaver Gruber davon erfuhr, schickte er 1854 eine „Authentische Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes“ nach Berlin, um sich als Urheber auszuweisen. Joseph Mohr war da schon sechs Jahre tot.

Das Lied sangen Soldaten im Ersten Weltkrieg

In Grubers altem Schulhaus ist im Jahr 200 nach der Komposition mächtig was los, Max Gurtner hat allerhand zu tun mit Besuchern und Filmteams. Als junger Mann studierte er Theologie – wie Mohr – ging dann als Missionshelfer nach Südamerika. Dort sahen es auch seine Vorgesetzten nicht gerne, dass Gurtner sich ständig unter die einfachen Leute mischte, sogar unter Nicht-Katholiken. Gurtner wurde dann nicht Priester, sondern Geschäftsmann, belieferte Dritte-Welt-Läden. Seine Kinder gingen in genau das Schulhaus, in dem einst Franz Xaver Gruber gewirkt hatte. Vor elf Jahren wurde Gurtner wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stille-Nacht-Museums, nahm sein Theologiestudium wieder auf und schloss es mit 71 Jahren ab.

Sechs Strophen des Liedes existieren, heute sind nur drei von ihnen weithin bekannt. Die anderen drei interessieren Gurtner besonders: „Wo sich heut alle Macht/ Väterlicher Liebe ergoss/ Und als Bruder huldvoll umschloss/ Jesus, die Völker der Welt …“ Vor allem das Motiv der Begegnung ist für Gurtner zentral, denn, so sagt er, „in der Begegnung geschieht Heil“. Aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erklang das Lied in unterschiedlichen Sprachen. In der Heiligen Nacht sangen Soldaten es gemeinsam, die sonst aufeinander schießen mussten.

Mohrs Botschaft ist bis heute aktuell

Auch die Lebensgeschichte des Stille-Nacht-Dichters Joseph Mohr hatte so gar nichts von Idylle. Als uneheliches Kind einer Strickerin und eines desertierten Soldaten 1792 geboren, wurde er im Dom getauft über dem gleichen Becken wie Wolfgang Amadeus Mozart. Pate war Salzburgs letzter Scharfrichter. Der Domchorvikar förderte den überdurchschnittlich begabten Jungen, der aus einem „fleischlichen Verbrechen“ hervorgegangen war. Museumschef Max Gurtner vermutet, dass das Stille-Nacht-Gedicht auch Teil der Bewältigung seiner Herkunft war. Nicht nur der herrschenden Not, auch seinem damals als skandalös geltenden Ursprung wollte er mit dem Lied etwas Positives entgegensetzen, verbunden mit der Erkenntnis: „Ich bin kein Kind der Sünde, sondern ein Kind der Liebe.“

Ansprechbar sein, eng dran an der Gemeinde, mit dem Leitgedanken Mohrs hat sich auch Bernhard Rohrmoser in Mariapfarr identifiziert. Als er dorthin versetzt wurde, wollte Rohrmoser zuallererst das hohe Gitter abschaffen, das den Altarraum von den Bänken der Kirchgänger trennte, wollte auch Nähe herstellen zum Kirchenvolk, Barrieren beseitigen. Was hat ihm das für Anfeindungen eingebracht! Aber Rohrmoser, Sohn eines Holzarbeiters, hat sich früh versprochen, immer eng bei den Menschen bleiben zu wollen. So wie einst Joseph Mohr, den er manchmal um Beistand anruft vor schwierigen Entscheidungen. „Stille Nacht“ hilft ihm auch dann immer, wenn es scheinbar nicht weitergeht. Wenn ihm etwas Schweres bevorsteht, hört er vorher das Lied, zum Beispiel, als er die Eltern eines getöteten neunjährigen Mädchens besuchen musste.

Neben der Kirche hat Rohrmoser ein Denkmal geschaffen für sein Vorbild, den Stille-Nacht-Brunnen mit ganz viel Symbolik für die bleibende Friedensbotschaft und die Quelle als Sinnbild für die Weihnachtsbotschaft.

Rund 50 Messdiener sind in Mariapfarr Heiligabend im Einsatz. Der jüngste darf den holden Knaben vom Altar zur Krippe tragen. Und dann singen sie gemeinsam in dieser einen, hochheiligen Nacht. Alle sechs Strophen.

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