Schauspielerin Alexandra Maria Lara : Meine Helden

Sie schwärmte für Tom Cruise, bewunderte Steffi Grafs Ruhe und übte Michael Jacksons Moonwalk. Alexandra Maria Lara erinnert sich.

Alexandra Maria Lara, 39, ist ab dem 18. Mai in der zweiten Staffel von "You are wanted" auf Amazon zu sehen.
Alexandra Maria Lara, 39, ist ab dem 18. Mai in der zweiten Staffel von "You are wanted" auf Amazon zu sehen.Foto: imago/Tinkeres

Christine Nöstlinger

Ab der fünften Klasse ging ich auf das Französische Gymnasium in Berlin, eine Klassenkameradin hatte mir von Christine Nöstlingers Büchern erzählt und mir dann einige ausgeborgt. Darin ging es oft um freche Mädchen, das waren tolle Figuren, manchmal Außenseiter und immer menschlich gezeichnet. „Pfui Spinne“ ist mein Lieblingsbuch, die Geschichte eines Mädchens, das sich im Urlaub das erste Mal verliebt. Damals empfand ich es als eine große Sache, ein Buch fertig zu lesen und danach ein neues in die Hand zu nehmen. Ich weiß noch, dass ich jedes Mal, wenn ich U-Bahn gefahren bin, gleich zwei auf dem Schoß hatte. Sie gaben mir ein Gefühl von Reife, etwas Erwachsenes. Die Bücher und somit Erinnerungen habe ich in einem Karton aufbewahrt, von Umzug zu Umzug behalten, in der Hoffnung, dass sie eines Tages wieder Verwendung finden. Mein Sohn ist zwar mit seinen vier Jahren für die Geschichten noch zu jung, trotzdem bin ich glücklich, diesen Schatz an Kinderbüchern für ihn zu hüten.

Die österreichische Schriftstellerin Christine Nöstlinger.
Die österreichische Schriftstellerin Christine Nöstlinger.Foto: imago/Sven Simon
Der "King of Pop": Michael Jackson.
Der "King of Pop": Michael Jackson.Foto: AFP

In jungen Jahren spielte Musik eine besonders große Rolle in meinem Leben. Meine Eltern hörten Nat King Cole oder Vivaldi, ich drehte Michael Jackson laut auf. Ich war der größte Fan, davon war ich überzeugt! Eine meiner ersten CDs war sein Album „Dangerous“ von 1991. Die Musik, die Videos, die Tanzchoreografien! Jeder Clip war eine Sensation. Ich habe „Moonwalk“ im Kino gesehen und wollte sofort tanzen wie er. Vor dem Spiegel zu Hause habe ich die Schritte geübt, wie Millionen andere sicher auch. Auch hier war es weniger ein Verliebtsein in eine konkrete Person, als mehr das Glücksgefühl, an einer Euphorie teilzuhaben, die seine Musik bis heute für mich transportiert. Mein Lieblingslied ist eine Liebeserklärung, „The Lady In My Life“, aus den frühen 80er Jahren. Wenn ich das höre, erinnere ich mich sofort daran, wie ich davon geträumt habe, eines Tages einen Freund zu haben. Ich stellte mir als unsicheres Teenager-Mädchen oft die bange Frage: Wird sich jemals jemand in mich verlieben?

Der britische Schauspieler Sam Riley.
Der britische Schauspieler Sam Riley.Foto: picture alliance

Ich habe meinen Mann Sam kennengelernt, als wir vor zwölf Jahren gemeinsam „Control“ gedreht haben – den Film über den Joy-Division-Sänger Ian Curtis. Ich spielte seine Freundin, der Fotograf Anton Corbijn führte zum ersten Mal Regie. Ich weiß noch, wie ich meine Agentur gefragt habe, wer denn für die Hauptrolle vorgesehen sei, und ich ein Schwarzweißfoto zugeschickt bekam, auf dem Sam mit halbgeschlossenen Augen vor einer trostlosen englischen Mauer stand. Ich dachte nur: Naja, wird schon. Ein paar Tage später kam ich in Nottingham an, betrat den Raum, in dem Corbijn gerade mit den vier Schauspielern über die Szenen der Band sprach. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass Sam als Erster aufstand, um mich zu begrüßen, erst danach folgten die anderen Jungs wie Orgelpfeifen. Als er anfing, in einer Probe vor uns zu singen, haben wir uns alle mit offenen Mündern angeguckt. Danach ging es ganz schnell. Während der Arbeit flirrte die Luft zwischen uns wie verrückt, und wir haben uns ineinander verliebt. Sowohl sein unglaubliches Talent, als auch seine Art, Menschen zu begegnen, haben mich schlichtweg umgehauen.

Der rumänischer Schauspieler und Schauspiellehrer Valentin Platareanu.
Der rumänischer Schauspieler und Schauspiellehrer Valentin Platareanu.Foto: imago/APress

Mein Vater ist in seiner Art, Dinge zu betrachten, ein Vorbild für mich. Er konnte schon immer sehr gut Wichtiges von Unwichtigem trennen und lässt sich von Kleinigkeiten nicht aus der Fassung bringen. Ich erinnere mich, wie ich als Teenager einmal mit ihm im Treppenhaus stand, er grüßte freundlich den Nachbarn – und der sagte keinen Ton. Als Tochter fühlte ich mich sofort angegriffen, ich fand das unmöglich. Da sagte mein Vater: „Alexandra, ich grüße die Leute, weil ich so durchs Leben gehen, nicht, weil ich etwas zurückbekommen möchte.“ Von Anfang an hat er meine Karriere sanft gelenkt. Ich war 16 Jahre alt, als ich die Serie „Mensch, Pia!“ für das ZDF gedreht habe, ein halbes Jahr musste ich deshalb von der Schule beurlaubt werden. Danach fand ich es schwierig, noch einmal zurückzukehren, um das Abitur zu machen. Besonders mein Vater hat mich ganz bedächtig zurück in die Spur gelotst. Er sagte: „Jetzt hast du so viele Jahre darauf hingearbeitet, du bist eine gute Schülerin, klar kannst du aufhören, wäre aber vielleicht auch schade, so kurz vor dem Ziel aufzugeben.“

Die Schauspielerin Nina Hoss.
Die Schauspielerin Nina Hoss.Foto: REUTERS

Ich hatte das Glück, 2002 im Film „Nackt“ mitzuwirken. Ein Kammerspiel unter der Regie von Doris Dörrie, entstanden nach einem Drama von ihr. Drei Paare sind zum Essen verabredet, Jürgen Vogel und ich spielten eines, Nina Hoss und Mehmet Kurtulus ein anderes. Im ersten Akt lernt der Zuschauer sie kennen, im Hauptakt findet das gemeinsame Abendessen statt, und zum Schluss verlassen die Paare den Ort des Geschehens. Ich kam erst als Zweitbesetzung für Franka Potente an Bord und war überglücklich, mit solch tollen Kollegen arbeiten zu können. Von Nina war ich sofort begeistert, als wir uns zur ersten Probe in München trafen. Wir saßen zusammen an einem Tisch, arbeiteten an einer Szene, in der Ninas Figur aus Verzweiflung ein Operettenstück anstimmt. Sie begann, dermaßen kraftvoll zu singen, dass ich dachte: Wow! In diesem Moment spürte ich ihre Kraft und ihre Unerschrockenheit. Seitdem habe ich sie noch oft am Theater gesehen, besonders ist mir ihre Darstellung der „Medea“ im Kopf geblieben, da war sie eine Wucht, ein Erlebnis, ohne Worte.

Tennisstar Steffi Graf.
Tennisstar Steffi Graf.Foto: picture alliance / dpa

Meine Eltern und ich haben früher leidenschaftlich gern Tennisturniere geguckt. Das war für mich die goldene Zeit dieses Sports: Boris Becker, Andre Agassi, Martina Navratilova waren wie echte Popstars. Man war gespannt, in welchem Outfit Agassi auf den Rasen kam, ob John McEnroe wieder ausflippen würde. Ich liebe es bis heute, die Emotionen von Sportlern zu beobachten. Bei Steffi Graf konnte man die Leidenschaft auch in ihrer Konzentration spüren. Sie ließ sich selten aus der Ruhe bringen, wenn ein Match mal nicht so gut für sie lief oder sie eine Gabriela Sabatini als Gegnerin hatte, die durch ihren lauten Aufschlag selbst den Zuschauer vom Spiel abzulenken drohte. Das hat mir immer sehr imponiert. Es war ein Highlight, wenn ein Spiel nach drei Stunden noch nicht vorbei war, wenn es zu diesen zähen Kämpfen um jeden Punkt kam. Steffi Graf war immer bei sich, nach wie vor erweckt sie den Eindruck einer starken und gelösten Frau, die mit sich im Reinen ist. Andre Agassi und sie sind für mich ein „perfect match“.

Der US-amerikanische Schauspieler Tom Cruise.
Der US-amerikanische Schauspieler Tom Cruise.Foto: AFP/Angela Weiss

Unvergesslich, als mich Ende der 80er Jahre meine Eltern ins Kino mitnahmen, damit wir zusammen „Rain Man“ schauen konnten. Mein Vater ist auch Schauspieler und hat mir danach erklärt, wie schwierig die Rolle von Tom Cruise war. Er spielte den Bruder eines Autisten, den augenscheinlich einfacheren Charakter. Für einen Darsteller ist das viel härter, neben einer dominanten Figur zu bestehen. Dustin Hoffman als Bruder bekam den Oscar, und mein Vater sagte: Tom Cruise hätte ihn genauso verdient. Ich fand das auch und wurde ein großer Fan. Es war eine klassische Mädchenschwärmerei, bei der ich alles über eine Person wissen wollte, angefangen von seinem komplizierten bürgerlichen Namen, Thomas Cruise Mapother IV, bis hin zu all seinen Rollen in „Born On the 4th of July“ oder „Cocktail“. Obwohl die vielen Informationen, die man heutzutage über seine Idole mit einem Klick bekommt, diese ein Stück weit entzaubern können, denke ich jedes Mal, wenn ich Cruise auf der Leinwand sehe: Was für ein Ausnahmeschauspieler!

Die Lyrikern Mascha Kaleko.
Die Lyrikern Mascha Kaleko.Foto: picture-alliance/ dpa

Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der ich oft in Buchhandlungen gegangen bin und ohne Eile nach neuem Lesestoff gestöbert habe. Besonders in einem Laden an der Charlottenburger Otto-Suhr-Allee war ich häufig. Ich habe immer danach geschaut, welches Cover mich anspricht. Und an einem Tag bin ich so auf einen Gedichtband von Mascha Kaléko gestoßen, „Verse für Zeitgenossen“. Auf dem Einband sieht man sie mit einem unnachahmlichen Gesichtsausdruck an ihrer Schreibmaschine sitzen. Daraus ist eine große Bewunderung für ihre wunderschönen und sehnsuchtsvollen Gedichte entstanden. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Polen geboren, damals noch Teil des Habsburger Reiches, und ist in der Schweiz gestorben. In der Serie „Mensch, Pia!“ gab es eine traurige Szene, in der ich am Grab meines Bruders stehen sollte. Der Regisseurin erzählte ich von einem Gedicht Kalékos, in dem es um das Sterben geht, und sie war so beeindruckt, dass sie mich bat, es in der Szene vorzulesen. Ich erinnere mich bis heute an diese zwei Zeilen: „Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr. Und die es trugen, mögen mir vergeben.“

Der Regisseur Bernd Böhlich.
Der Regisseur Bernd Böhlich.Foto: imago/Metodi Popow

Ich durfte schon mit tollen Regisseuren zusammenarbeiten, aber wenige haben mich wie Bernd Böhlich beeindruckt. Er begegnet Schauspielern mit Feingefühl und strengem Blick zugleich. Seine Art zu inszenieren, ist ein Geschenk für jeden am Set, und er führt mit einer klugen und klaren Stimme an geschichtliche Zusammenhänge heran. Ich habe kürzlich die wahre Geschichte einer deutschen Kommunistin mit ihm abgedreht, einer Frau, die in Moskau zuerst unschuldig der Spionage beschuldigt und dann verurteilt wird. Nach Jahren kehrt sie aus dem Straflager in die DDR zurück – unter der Bedingung, kein Wort über ihre Zeit in der Sowjetunion zu verlieren. Böhlich hat eines der besten Drehbücher geschrieben, die ich jemals gelesen habe, jahrelang hat er mit Sorgfalt die Details recherchiert. Das ist etwas sehr Besonderes in unserer Branche. Außerdem habe ich eine persönliche Verbindung zur Thematik dieses Films. Ich wurde in Rumänien geboren, als ich fünf Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir nach Deutschland geflohen. Und einige Aspekte der Geschichte der DDR erinnern mich an die Erzählungen meiner Eltern.

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