Arne, Dänemark

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Schicksal der Wehrmachtskinder : „Wer hat mir diesen Balg nur aufgehalst“
Spürbare Distanz. Arne (links) mit seiner Mutter, zirka 1948.
Spürbare Distanz. Arne (links) mit seiner Mutter, zirka 1948.Foto: privat

Wir spielten Freiheitskämpfer

Ich erinnere mich an ein Ereignis, als ich vier oder fünf Jahre alt war: Unsere Mutter machte meinen älteren Bruder und mich für einen Ausflug ins Schwimmbad fertig. Wir standen im Flur unserer kleinen Wohnung am Rand des Stadtteils Østerbro in Kopenhagen und zogen unsere Mäntel an. Während meine Mutter meinen Mantel zuknöpfte, sagte sie eindringlich: „In Zukunft sagt ihr ,Vater‘ zu ihm!“ Von diesem Moment an bekam ich ein merkwürdiges Gefühl auf der Zunge, wenn ich das Wort „Vater“ sagen musste, ein stechendes und abstoßendes Gefühl, genauso wie wenn er versuchte, mich zu umarmen, und ich für einen Moment die Bartstoppeln und die unangenehme Nähe seines Gesichts ertragen musste.

Wie andere Kinder, die sich nicht mit ihrem Adoptiv- oder Stiefvater identifizieren können, litt auch ich unter einer Form der „Foster Child Fantasy“, den Fantasien von Waisenkindern. Ich stellte mir zum Beispiel vor, mein Vater wäre Mitglied des dänischen Widerstands gewesen und bei irgendeiner heroischen Aktion kurz vor Kriegsende ums Leben gekommen. Viele mir sympathische Männer, die etwa im gleichen Alter wie meine Mutter waren, wurden auf diese Art zur Projektionsfläche für mich. Dazu gehörten einige meiner Lehrer, ein Betreuer bei den Pfadfindern und einige meiner Jugendtrainer im Schwimmen, Kunstspringen und Boxen. Ich stellte mir vor, einer von ihnen würde den Platz meines Stiefvaters einnehmen.

In dem Barackenviertel, in dem wir wohnten, geriet ich immer wieder mit einem Jungen namens Walter aneinander, er war ein paar Jahre älter als ich, ich hielt ihn damals für einen regelrechten Strolch. Nach einem Zwischenfall, bei dem Walters Mutter einen größeren Streit mit ihrer Nachbarin gehabt hatte, erzählte meine Mutter, dass diese Frau während der Besatzung eine „Feldmatratze“ gewesen und Walter ein „Deutschenbalg“ wäre.

Aus den „Deutschenhuren“ wurden „Engländerhuren“

In der Schule hatte ich schon über den heroischen Widerstandskampf gegen die fiesen Nazis gelernt, und mein Freund und ich spielten gerne Freiheitskämpfer, aber diese Worte hatte ich noch nie gehört. Nachdem sie mir die Begriffe erläutert hatte, erklärte meine Mutter mir lachend, dass die „Feldmatratzen“ nach der Kapitulation zu „Kanaldecken“ umgenäht worden waren: Das bedeutete, dass aus den „Deutschenhuren“ „Engländerhuren“ wurden. Wenn ich das auch nicht genau einordnen konnte, so verstand ich sofort, dass Walters Mutter zu einer niedrigeren Sorte von Frauen gehörte, denen meine Mutter weit überlegen war. Ergo war ich Walter überlegen.

Erst viel später wurde mir klar, dass die Witze, über die wir lachen und die wir gern weitererzählen, allzu oft von uns selbst handeln.

Dass meine Mutter mir nicht verraten wollte oder konnte, wer mein richtiger Vater war, schuf eine unsichtbare und doch spürbare Distanz zwischen uns. Und weil Kinder das Verhalten ihrer Eltern imitieren, hörte auch ich auf, sie in meine persönlichen Angelegenheiten einzuweihen.

Als eine Cousine bei einem Familienfest 1993 ausrief, ich wäre ein „Deutschenbalg“, war ich überwältigt und schockiert. Diese Enthüllung änderte von einem Augenblick auf den anderen mein Leben. Ich konfrontierte meine Mutter damit, und 1994 fasste sie sich endlich ein Herz und erzählte mir ihre Erinnerungen an das, was vor fast 50 Jahren geschehen war.


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