Gerrit, Griechenland

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Schicksal der Wehrmachtskinder : „Wer hat mir diesen Balg nur aufgehalst“
Baldige Trennung. Gerrit und seine Eltern, zirka 1953.
Baldige Trennung. Gerrit und seine Eltern, zirka 1953.Foto: privat

Meine Mutter verachtete Deutschland

Eine Frau, die für die Gestapo arbeitete, beschwor meinen Vater, mich abzutreiben. Meine Mutter mit nach Deutschland zu nehmen, war für ihn eine Heldentat.

Sie liebten sich sehr.

Er hatte, als er sie sah, zu einem Freund gesagt, „ein Sommerkleid und ein Stück Seife würden Wunder wirken“. Sie war ja noch ein Kind. Und sie hatte das unschuldige Gesicht derjenigen, die nicht mit Literatur und klassischer Musik geschunden worden waren.

Sie hat mich einmal gefragt, warum ihr Leben so verlaufen sei. Und da sagte ich zu ihr, ich war damals 16 oder 17: „Das ist ganz einfach. Die schlimmsten Leute, die es damals in Europa gab, überfallen Griechenland und bringen Unheil über dein Land. Und du, die du nicht den Sohn von dem oder dem heiraten wolltest, da er Fischer war, hast gedacht, so wie du aussiehst, steht dir ein anderes Leben zu.“ Später tat mir das wahnsinnig leid.

Meine Eltern haben erst nach dem Krieg geheiratet. Es war kurz vor der Einschulung. Ich sollte nicht durch den fremden Namen auffallen. Ich bin also als Grieche geboren, aber in Hamburg.

Meine Mutter war eine kluge und integre Frau. Sie verachtete Deutschland sehr. Und ich war die schwierige Brücke zwischen den Kulturen. Ich habe ihr viele Bücher vorgelesen, alles, was es gab. Sie sprach einigermaßen Deutsch, hatte aber wenig Vertrauen in die Sprache, weil sie die Gesichter der Sprechenden dazu sah. Ich weiß noch, nach dem Krieg war es so, dass sie bei bestimmten Leuten so tat, als wären sie gar nicht da. Zum Beispiel bei dem Mann, der Blockwart gewesen war. Das hat mich als Kind sehr berührt.

Mein Vater war im Grunde närrisch. Er hatte große Ideen und war auch ein begabter Mensch, ich habe ihn jedenfalls immer so gesehen. Dann lernte er eine Frau kennen, die einen verschuldeten Landgasthof hatte, hat da sein Geld reingesteckt und sein Wissen, hat meine Mutter dafür verraten.

Bei mir schwang etwas aus Attika mit

Ich war zwölf, als er ging. Es brach ihr das Herz, das war es, es brach ihr das Herz, sich so geirrt zu haben, daran erinnere ich mich noch. Und meine Mutter sagte, sie hatte so ein riesiges Vertrauen zu mir: „Du, tu mir den Gefallen, mach nichts, dass die Leute sagen, die Griechen können ihre Kinder nicht erziehen.“ Ihre Angst vor der Bewertung durch die anderen, die habe ich nie gehabt.

Mein Vater war immer sehr erschrocken, dass ich so griechisch war. Dies war, bevor die Gastarbeiter kamen. Es gab Altphilologen, die mich mochten, die mich fragten, ob ich griechische Verwandte habe, die sich für mich als Mensch interessierten. Und dann gab es auch Leute, die mich als Ausländer oder als eigenartig ausländisch ansahen. Auch in der Schule war das der Fall, obwohl ich helle Haare hatte. Es war doch so, dass bei mir etwas aus Attika mitschwang.

Meine Mutter Olga war eine auffällige Person. Ich war früher viel in Afrika unterwegs, und dort erinnerte ich mich an ihre Hände. Sie waren lang und schmal. Sie hatte so eine Grazie, wie ich sie sonst nur bei Äthiopierinnen gesehen habe. Meine Mutter ist dann in ein Kloster gegangen, weit weg von meinem närrischen Vater. Sie hatte Sehnsucht nach allem Spirituellen. Sie hielt sich an den alten Kalender, an den Julianischen, und schon früher kamen Mönche ins Haus, die ich als eklig empfand.

Durch die Nähe zu Gott oder das Erleben der totalen Hinwendung hat sie wohl versucht, glücklich zu sein.

Als ich sie in einem Kloster im Golf von Korinth besuchte, musste ich mich als ihr Neffe ausgeben. Wir hatten uns drei bis vier Jahre nicht gesehen, und da kam sie über den Berg und sagte zu mir, dass sie immer an mich gedacht habe, bis auf die letzten zwei Jahre. Sie hatte sich in Gott und Christus vertieft und vergessen, dass sie ein Kind hatte. Aber dann sagte sie, dass der Trenchcoat mir sehr gut stehe. Das hat mir gefallen. Denn sie war Schneiderin und besaß einen außergewöhnlichen Geschmack.

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