Über Russen und Lampen

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Sonntag-Interview : „Ich hasse die Dunkelheit des Winters“

Finnland gehörte lange zu Schweden, dann zu Russland. Der Politologe Samuel Huntington sieht es in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ an der Bruchlinie zwischen zwei Zivilisationen. Wo verorten sich die Finnen heute?

Sie sehen sich als Teil Skandinaviens. Die Jungen sind sehr international, sie arbeiten in Asien, Europa, den USA, wo auch immer. Aber meine Generation und die, die älter sind als ich, wir sorgen uns. Werden wir in Zukunft überhaupt noch mit unserer Sprache arbeiten können, oder müssen wir alle Englisch reden? Russisch womöglich? Die Alten haben wirklich Angst, dass die Russen wiederkommen. Ich denke, Finnland steckt in einer Übergangsphase: Das Alte ist vorbei, und wir wissen nicht, was nun passieren wird. Ich habe das Gefühl, dass gerade ein neuer Patriotimus erwacht, als Reaktion darauf, dass die Welt so bedrohlich erscheint. Es gibt auch viel Widerstand gegen die EU. Die beschließen tatsächlich lauter Sachen, die unsinnig sind für Finnland.

Zum Beispiel?

Sie kennen diese Geschichte mit den Energiesparlampen, die die alten Glühbirnen ersetzt haben, weil die zu viel Wärme abgeben? Nun, hier ist es so: Im Sommer brauchen wir kein zusätzliches Licht, weil es lange hell ist. Und im Winter können wir die Wärme von den Glühbirnen ganz gut gebrauchen. Dafür haben wir jetzt diese neuen Lampen, die voller giftiger Stoffe sind. Lächerlich.

Welchem unter den nordischen Ländern fühlen sich die Finnen am nächsten?

Island. Wir liegen beide am Rand, in beiden Ländern ist das Klima dramatisch, und wir haben die gleiche Art, Spaß zu haben und uns um unsere Familien zu kümmern. Vor einem Jahr war ich das erste Mal dort. Nie zuvor habe ich mich im Ausland so daheim gefühlt. Ich habe ein Kochbuch mitgebracht, und jetzt mache ich all diese köstlichen isländischen Fisch- und Lammgerichte. Etwas von der Esskultur mitzunehmen ist das beste Souvenir, viel besser als ein kleines Modell von einem berühmtem Gebäude oder so.

Was die Sprache angeht, haben die Finnen eher etwas mit den Esten gemein. Gibt es auch zu denen eine starke Verbindung?

Ich verstehe kein Wort Estnisch. Unsere Sprachen sind zwar verwandt, aber komplett unterschiedlich. Dass die Esten oft Finnisch sprechen, hat mit der russischen Besatzung zu tun. Im Kommunismus gab es nur Propaganda, deshalb haben viele heimlich finnisches Radio gehört und unser Fernsehen geschaut. In Estland diskutieren die Leute über Kultur, Politik, Literatur. Ihre zivilisierte Geschichte ist länger als unsere, das spüre ich, wenn ich dort bin.

Das Blau in Ihrer Flagge steht für die knapp 188 000 finnischen Seen, das Weiß für den Schnee – was von beidem ist Ihnen lieber?

Die Seen. Ich liebe es zu schwimmen, dieses Gefühl, dass die Schwerkraft aufgehoben ist. Die finnische Natur, die Wälder – das möchte ich nicht missen. Ich muss immer lachen, wenn jemand einen Park für Natur hält! Wir haben so was hier an jeder Ecke, selbst in der Mitte von Helsinki gibt es einen großen Wald. Erst gestern war ich sechs Stunden lang Pilze sammeln.

Welches Klischee über Finnland ärgert Sie?

Bescheiden. Aufrichtig. So sind wir nicht mehr.

Wow, das war eine schnelle Antwort.

Vielleicht liegt es daran, dass ich arbeitslos bin. Eigentlich sollte ich dieses Jahr an zwei Filmproduktionen mitwirken, aber die wurden verschoben oder gestrichen. Im April stellte sich plötzlich heraus, dass ich nichts zu tun habe. In meinem Alter ist es nicht mehr so leicht, Rollen zu bekommen. Jetzt haben sie mich in Kurse gesteckt, in denen ich etwas lernen soll, was nützlich für die Gesellschaft ist. Bezahlt vom Staat. Ich habe versucht, mich zu widersetzen, aber ich muss das wohl machen. Im letzten Kurs wurde uns beigebracht, wie man sich selbst zur Marke macht, wie man sich am besten verkauft. Das sagt doch alles.

Sie sind Nostalgikerin.

Ich bin altmodisch. Heute wollen sie keine Kunst mehr, sondern das, was sie kreative Innovationen nennen. Also Geld machen. Ich glaube, dass es in unserer Gesellschaft viel mehr um Werte gehen sollte. Wir müssen uns das Beste am skandinavischen Modell zurückholen.

Was machen Sie jetzt mit dem Rest des Jahres?

Ich arbeite an einem Theaterstück über Demenz. Im November ist Premiere. Ich habe dafür viele Interviews in Heimen geführt. Ist es das Gedächtnis, das einen Menschen zu dem macht, was er ist? Diese Frage finde ich faszinierend. Meine Großmutter war dement, mein Vater auch, und einer meiner besten Freunde hat die Krankheit jetzt. Bei allen war es, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt, gar kein großes Problem. In Finnland wird das alles nur negativ gesehen, weil diese Leute eben nicht mehr produktiv sind, sondern alt und langsam. Dabei könnte man in den Heimen Arbeit schaffen, vor allem Kultur kann das Leben von Dementen stark verbessern. Ich betrachte die Menschen nicht als Last, sondern als Ressource.

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