Statement-Festival in Göteborg : Männer müssen draußen bleiben

In Schweden gibt es jetzt ein Festival, zu dem Männer keinen Zutritt haben. Wirksamer Schutz für Frauen oder neue Diskriminierung?

Nur für Frauen. Ende August fand in Göteborg das erste komplett männerfreie Rockfestival statt.
Nur für Frauen. Ende August fand in Göteborg das erste komplett männerfreie Rockfestival statt.Foto: REUTERS

Vor einem Jahr, im Sommer 2017, wurden bei einem Musikfestival in Schweden vier Frauen vergewaltigt und 23 sexuell belästigt. Als die Nachrichten von den Übergriffen auf dem Bråvalla-Festival sich verbreiteten, schrieb die schwedische Radio-Moderatorin und Komikerin Emma Knyckare wütend auf Twitter: Es müsse ein Festival ohne cis-Männer geben, also ohne Männer, die als Männer geboren sind und sich als Männer fühlen, bis alle Männer gelernt hätten, sich zu benehmen. Aus dem Tweet erwuchs eine Idee, aus der Idee eine Crowdfunding-Kampagne, aus dem Crowdfunding ein Organisationsteam.

Am 31.8. fand nun tatsächlich in Göteborg das erste Festival nur für Frauen statt. „Statement-Festival“ haben die Organisatoren es genannt.

Ein Event nur für Frauen – das ist so praktisch wie schön und sicher sehr frei und fröhlich und unbeschwert. Ein Statement ist es, ein politisches. Die Idee ist aber auch: eine Kapitulation und eine Gegendiskriminierung.

Frauen und Männer haben die gleichen Rechte. Frauen und Männer sind gleich frei. Frauen und Männer haben das gleiche Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit. Wohl kaum ein Land in Europa hat in den vergangenen Jahren politisch mehr für diese Grundsätze moderner liberaler Demokratien getan als Schweden. Das Land gilt in Sachen Gleichstellung als Vorbild. Die Regierung von Ministerpräsident Stefan Löfven bezeichnet sich selbst als „feministische“ Regierung. Das Kabinett ist paritätisch besetzt. Erst Anfang des Jahres wurde eine neue Gleichstellungsbehörde gegründet. Ende 2017 wurde das Sexualstrafrecht reformiert. Sex gilt nun nur dann als einvernehmlich, wenn beide Partner ihr Einverständnis klar signalisieren. Es ist wohl das strengste (und auch umstrittenste) Sexualstrafrecht in Europa.

„Bis alle Männer lernen, sich zu benehmen“

Und trotzdem werden dort Frauen vergewaltigt und sexuell belästigt. Die Übergriffe auf dem Bråvalla-Festival blieben keine Einzelfälle. Auf mehreren Musikfestivals waren im Sommer 2017 Frauen betroffen. Das Beispiel Schweden zeigt damit eine so deprimierende wie banale Wahrheit: Selbst in den fortschrittlichsten Ländern klafft eine Lücke zwischen Gleichheits- und Freiheitsanspruch und der Realität von Gleichheit und Freiheit. Am Ende sind es trotz aller schützenden Maßnahmen immer die Frauen selbst, die im Alltag ihr Recht auf Freiheit, körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung verteidigen müssen. Sie setzen dabei ihre Würde und ihren Körper ein.

Im Alltag müssen sich Frauen die Fragen immer wieder stellen: Welches Risiko bin ich bereit, einzugehen? Wie viele Konflikte bin ich bereit, auszuhalten, um mir eigentlich selbstverständlich zustehende Rechte in Anspruch zu nehmen und zu verteidigen – und damit auch die Idee, wirklich frei und gleich zu sein? Reise ich allein? Fahre ich nachts mit dem Fahrrad oder der U-Bahn nach Hause? Wie lange und bis zu welchem allgemeinen Alkoholpegel bleibe ich auf dem Volksfest? Welche Konzerte besuche ich? Lasse ich sexistische Bemerkungen vorbeiziehen oder diskutiere ich sie? Mit dem Bekannten oder auch mit dem Chef?

„Bis alle Männer lernen, sich zu benehmen“, hat die Statement-Initiatorin Emma Knyckare geschrieben, müsse es Konzerte nur für Frauen geben. In dem Satz steckt eine ganze Menge. Denn manchmal hat man als Frau wirklich das Gefühl, im Alltag unfreiwillig gesellschaftserzieherisch tätig sein zu müssen. Durch Gegenrede oder einfach nur durch physische Präsenz, durch die körperliche Behauptung der Selbstverständlichkeit, überall unversehrt sein zu dürfen, bis in jede kleinste Nische der Gesellschaft, bis zu jeder Tageszeit, zum Beispiel auch inmitten der körperlichen Enge eines Konzertes, die sexuelle Übergriffe erleichtert, wahrscheinlicher macht. Auch spät in der Nacht, allein, in der Bar oder im Club. Auch früh morgens, beim Joggen im Winterdunkel, beim Schwimmen im See.

Die Sehnsucht nach geschützten Räumen

Diese praktische Behauptung des theoretischen Freiheitsanspruchs kann etwas enorm Ermüdendes sein. Die Sehnsucht nach geschützten Räumen ist daher ausgesprochen verständlich. Es ist die Sehnsucht danach, nicht wachsam sein zu müssen. Sich in der Menschenmenge des Konzerts nicht fragen zu müssen, ob das eine zufällige Berührung war, und die zweite vielleicht auch noch. Was war das für ein Blick? Umdrehen oder nicht? Es ist die Sehnsucht danach, die instinktive Kampfbereitschaft, die unterschwellige Angst, die Ambiguität zu vermeiden, die manche Situationen für Frauen mit sich bringen.

Die Sehnsucht nach solchen Orten ist also verständlich, und ihre Zahl wächst: Es gibt Frauenpartys und Frauenclubs und – in Berlin zum Beispiel – politische Hintergrundkreise nur für Frauen und Netzwerke von Frauen in Berufszweigen, die noch sehr männerdominiert sind. Viele dienen dem Netzwerken und dem Austausch über gemeinsame Probleme. Sie sind aber auch „sichere“ Räume, Räume, in denen es sich freier anfühlt. Frei von Kategorisierung. Frei von Ambiguität. Frei schlicht von blöden Sprüchen und Blicken.

An amerikanischen Colleges gibt es die „Safe spaces“-Bewegung, immer mehr sichere Plätze werden eingerichtet. Für Frauen, aber auch für queere Menschen. Es können Räume der Begegnung sein, an denen man sich über Diskriminierungserfahrungen austauschen kann. Oder es wird gleich ein ganzer Campus zum „sicheren Ort“ gemacht, um zu besonderer Achtsamkeit im Umgang miteinander aufzurufen.

Komikerin Emma Knyckare rief das Statement-Festival als Reaktion auf die sexuellen Übergriffe in Bråvalla ins Leben.
Komikerin Emma Knyckare rief das Statement-Festival als Reaktion auf die sexuellen Übergriffe in Bråvalla ins Leben.Foto: AFP

Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass öffentliche Orte für bestimmte Gruppen gefährliche Orte sein können. In Europa geht das weit über Diskriminierung hinaus. Nicht zuletzt die massiven Übergriffe von Männergruppen in der Kölner Silvesternacht 2016 haben vielleicht etwas verändert. Die überwiegende Zahl der Angreifer stammte aus Nordafrika. Rechtspopulisten machen Übergriffe von Migranten auf Frauen seither immer wieder zum Thema. Diese Propagandamaschine hat sich des Themas bemächtigt und verbreitet Angst.

Bestimmte Tatsachen werden deutlich: Zahlen, die Bayern für das erste Halbjahr 2017 veröffentlichte, zeigten zum Beispiel einen starken Anstieg sexueller Übergriffe auf Frauen, von 222 auf 685. Migranten waren im Vergleich zu ihrem Anteil an der Bevölkerung überproportional häufig die Täter – in 18 Prozent der Fälle. Die Ursachen sind komplex. Migranten sind in Deutschland überproportional häufig junge Männer, außerdem wurde das Sexualstrafrecht geändert, auch Übergriffe aus Gruppen heraus können jetzt zur Anzeige gebracht werden. An der höheren Zahl der Opfer ändert das nichts.

Auch in Schweden gab es sofort den Verdacht, die Übergriffe auf dem Bråvalla könnten von Migranten begangen worden sein. Bewahrheitet hat sich das nicht. Möglicherweise gibt es insgesamt ein neues, erhöhtes Bewusstsein von Frauen für die eigene Verletzbarkeit im öffentlichen Raum. Und ein Bedürfnis nach Schutz.

Das Recht auf Selbstbestimmung – eine Utopie?

So verständlich dieses Bedürfnis ist, so hat die Idee der Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum doch beinahe auch etwas Legitimierendes. Mit den „Safe spaces“ und dem „Statement-Festival“ wird die faktische Unfreiheit, die sich aus der besonderen Verletzbarkeit und (oft) körperlichen Unterlegenheit von Frauen ergibt, als gesellschaftliches Normal anerkannt. Die Idee, dass sich Frauen jederzeit und überall genauso ohne Angst vor sexuellen Übergriffen bewegen können sollten wie Männer, erhält dadurch den Status einer unerreichbaren Utopie.

Da Frauen in der allgemeinen Öffentlichkeit nie sicher sein werden, müssen sie sich eigene, sichere Teilöffentlichkeiten schaffen. Da die Regeln im großen Ganzen nicht vollständig durchsetzbar sind, schafft man neue, kleinere Räume. Die Selbstisolation fühlt sich an wie eine Kapitulation vor der Realität, wie die Aufgabe des Veränderungsanspruchs. Die Öffentlichkeit zersplittert in Räume mit scheinbar unterschiedlich hohem Anspruch daran, wie Regeln durchgesetzt werden. Und natürlich führt sie auch in die Gegendiskriminierung: Die Gesellschaft wird für die Diskriminierung und Gefährdung von Frauen sensibler, tendiert aber zunehmend dazu, Männer in kollektive Haftung zu nehmen.

Freiheit versus Sicherheit

Auch das schwingt mit in jenem ersten Tweet von Emma Knyckare. Bis alle Männer sich zu benehmen wissen, müssen alle Männer büßen. Sie müssen draußen bleiben. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Deutschland zum Beispiel fordert, dass es für den Ausschluss von bestimmten, ansonsten öffentlich zugänglichen Gütern oder Veranstaltungen „nachvollziehbare Gründe“ geben muss. Die schlichte Zugehörigkeit zu einer Gruppe, in der eine kleine Minderheit gewalttätig ist, ist sicher kein „nachvollziehbarer Grund“.

Eine moralische Pflicht der Frauen, sich zugunsten des Gleichbehandlungsanspruchs der Männer potenziell Übergriffen auszusetzen, ist allerdings ebenfalls schwierig zu argumentieren. Auch kann es keine Pflicht geben, die eigene Sicherheit für die Durchsetzung des Anspruchs von Freiheit und Gleichheit aufs Spiel zu setzen, nicht mal die eigene, vielleicht irrationale, Angst davor zu überwinden.

Die Organisatorinnen habe eine neue Veranstaltung ins Leben gerufen. Auf dem freien Markt gibt es für Männer immer noch viele Alternativen. Der Schaden ist also gering.

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Die Tendenz, den Anspruch auf Gewaltfreiheit überall zugunsten sicherer Teilöffentlichkeiten aufzugeben, ist dennoch: ein Statement.

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