Kommt jetzt eine neue Aufmerksamkeit?

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Stylische Kopfbedeckung : Warum die Mützen der Saison nicht mehr wärmen
Florentin Schumacher
Früher Mützenfan. Marvin Gaye trug schon in den 70er Jahren hochgerollte Wollkappen.
Früher Mützenfan. Marvin Gaye trug schon in den 70er Jahren hochgerollte Wollkappen.Foto: imago/

Lange blieb das Docker Cap eine Arme-Leute-Mütze, bestenfalls getragen von einfachen Marinesoldaten, oft auch von Tunichtguten in den Häfen, die sich als Schauerleute ausgaben und Frachtgut stahlen; bis heute versieht Lego seine Gaunerfiguren mit hochgerollten Mützen, auch einige Verbrecher-Emojis haben sie (wenn es sich dabei auch möglicherweise um hochgerollte Sturmhauben handelt).

Unwahrscheinlich, dass die Modeindustrie die Kopfbedeckung nun entdeckt hat, um sich, im Gayeschen Sinn, mit den kleinen Leuten zu solidarisieren. Die Anzahl echter Hafenarbeiter dürfte in den meisten Industrieländern längst unter der Menge bestrickmützter Werbeagenturmitarbeiter liegen.

Nein, die Omnipräsenz des Docker Caps muss einen anderen Grund haben. Tragen gerade vielleicht deshalb so viele ohrenfreie Mützen, damit sie, eine verwegene Idee, besser … hören?

Nicht unbedingt die Befehle eines Vorgesetzten, falls die überhaupt noch Befehle geben, eher die Sorgen der telefonierenden Sitznachbarin in der U-Bahn? Kommt nach den Jahren des Ohrenstöpsel-Rein und Dicke-Studio-Kopfhörer-Auf eine neue Aufmerksamkeit? Der Wunsch, zuzuhören, in einer Zeit, in der angeblich alle immer gleichzeitig aneinander vorbeireden?

Die kleine Strickmütze war schon in den 90ern in

Das wäre schön. Bald ist ja auch Weihnachten. Ein bisschen zu schön. Um einen Epochenwandel auszurufen, die neue Wertschätzung eines Sinnesorgans zu verkünden, ist das vermehrte Tragen von Strickmützen wohl kein ausreichender Beleg. Es ergibt schon Sinn, den Grund für einen Modetrend in der Mode zu suchen und erst danach im Zeitgeist, der die Mode inspiriert.

Denn das Aufkommen des Strickmützchens ab 2013, 2014 fällt nicht zufällig zusammen mit dem Boom um amerikanische Skatemarken wie Palace, Supreme und Thrasher. Geprägt vom Stil der 90er kleiden sie seit einigen Jahren die Jugend der Welt mit Logo-T-Shirts, Jogginghosen und absurd gemusterten Windjacken ein. Damals, in den 90er Jahren, hatte die kleine Strickmütze zwischen all den umgedrehten Baseballkappen, den übergroßen Beanies und den grellen Pudelmützen bereits eine erste Hochphase, nachzusehen in den Kultfilmen dieser Zeit. Außer River Phoenix trägt zum Beispiel auch Jean Reno als Auftragskiller in „Léon – Der Profi“ eine hochgerollte Wollmütze: Mit seinem schwarzen Mantel und der runden Sonnenbrille käme er so heute wieder in die meisten Technoclubs rein.

Im Gegensatz zu den anderen Kopfbedeckungen jener Jahre, die in jüngster Zeit alle auch mal dran waren – sogar der den IQ des Trägers sofort halbierende Eimer- oder Anglerhut –, fehlt der Strickmütze alles Übergroße, Herumhängende, Demonstrativentspannte. Teenager können sie mit Trainingsjacke und Bauchtasche tragen, aber sie sieht auch zum Anzug nicht daneben aus.

Die Ohren sind das neue Dekolleté

Damit passt sie perfekt in die momentane Modeübergangsphase. Während der lässige Turnschuhstil der vergangenen Jahre noch immer die Fußgängerzonen beherrscht, kommen klassischere Kleidungsstücke zurück: Anzughosen, Rollkragenpullover, die Ballon- und Schiebermützen von Zeitungsboten und Bäckerjungen, alle für Männer und Frauen.

Wahrscheinlich ist es aber nicht allein die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Hafenarbeiter Anzüge trugen und Zeitungsjungen Schirmmützen, die nun die Docker Cap zurückgebracht hat. Banal, aber es ist wohl schon auch das Hochrollen. Denn das verbindet die Strickmütze mit den hochgekrempelten Hosen und den T-Shirts, deren Ärmel Rapper wie Casper vor ein paar Jahren ständig aufrollten: Alle legen Haut frei – Knöchel, Oberarme, Ohren.

Wenn sich die Kleidung von Männern und Frauen annähert, sie eher hochgeschlossen ist und ohne Ausschnitt, braucht es andere Wege, um zu zeigen, was man hat. Ist es da so abwegig, die Ohren als eine Art Ersatzdekolleté zu sehen?

Immerhin sind sie eine der schöneren erogenen Zonen. Sinnlich. Wer will nicht sofort wärmend über ein kälterotes, weiches Ohrläppchen streichen? Hineinflüstern, es ankn … Naja, vielleicht geht das zu weit.

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