Südfrankreich : Dunkles Marseille

Das Mittelmeer im Sonnenuntergang, eine geheime Bar und Dealer, die der Polizei zunicken. Durch die Nacht in Frankreichs Hafenmetropole.

Hauptschlagader. Nachts wird die Canebière in Marseille lebendig.
Hauptschlagader. Nachts wird die Canebière in Marseille lebendig.Foto: AFP

Der Weg zur Spitze ist düster. Das Licht der Straße unter dem kleinen Hügelpark in Marseilles Zentrum gelangt nicht hinauf durch das Dickicht aus Büschen und Bäumen. Der Jardin de La Colline Puget könnte der perfekte Ausgangspunkt für einen nächtlichen Streifzug durch die Stadt sein – nur wird einem mulmig im Halbdunkel.

Wie war das noch? Marseille gleich Hafenstadt gleich Kriminalitätsschwerpunkt. So weit das Klischee. Und ein paar Fakten: Die zweitgrößte Metropole Frankreichs mit mehr als 850 000 Einwohnern gehört zu den gefährlichsten Städten des Landes, in allen Verbrechensstatistiken taucht sie unter den ersten zehn auf. Gewalt, Raub, Drogenhandel.

Auf dem Hügel angekommen fühlt man sich wieder sicher. Unten leuchtet die Stadt im kitschigen Sonnenuntergangsviolett, links liegt ganz ruhig das Mittelmeer und rechts die Provence. Wer sich nicht zwischen Frankreich und Italien entscheiden kann, kommt hierher, heißt es. Es riecht nach Lorbeer, Meer und Stadt. Gut und abstoßend zugleich.

Zwischen Likörflaschen und alten Sesseln

Nicht weit vom Eingang des kleinen Hügelparks entfernt findet man Marseilles vielleicht charmanteste Bar, eine Bar clandestin. In dem Begriff der geheimen Bar schwingen längst vergangene Zeiten, der Hafen und seine Mysterien mit. Daraus machen sie hier ein Konzept, denn das „Carry Nation“ muss man suchen, Laufkundschaft gibt es nicht. Die Anmeldung erfolgt per Mail, zurück kommt eine Nachricht mit Adresse und Türcode. Etwas ratlos wartet man dann vor einem Souvenirladen, der, wenn überhaupt, vor sehr langer Zeit Touristen angelockt hat. Im Schaufenster liegen billige Basecaps, ein paar vergilbte Postkarten. Ein Verkäufer ist nicht zu sehen, mit dem Code geht es rein.

In der Ecke steht ein Holzschrank, man schiebt die Kleiderbügel beiseite, zwängt sich hindurch, tapst ein paar Schritte ins Dunkel und steht plötzlich in einem schummrigen Raum, zwischen Likörflaschen und alten Sesseln, vor Barkeeper Luc. Die Melone auf seinem Kopf, die Hosenträger und die perfekt eingesteckte Krawatte täuschen keine falschen Tatsachen vor: Der Mann kann gute Drinks mixen. „Das Glas ist unser Freund“, sagt Luc, während er mit Shaker und Dekoblüten hantiert.

Ein paar Gläser später stellt sich der Durst nach mehr Marseille ein, es geht durch den Schrank zurück in die Stadt, raus auf die Straße, die hier im sechsten Arrondissement von alten Häusern gesäumt ist, Haussmann-Architektur wie in Paris.

Ein Viertel der Marseiller ist muslimisch

Aber Marseille kann auch anders aussehen. Weiter im Norden der Stadt sind ganze Viertel gezeichnet vom industriellen Wandel, alte Hallen und Werkstätten zerfallen, an den Fassaden blättern die Schriftzüge ab. Noch weiter am Rand, in den Quartiers Nord, ist die Polizei Dauergast.

Zu kaum einer anderen europäischen Großstadt gehört Migration so selbstverständlich wie zu Marseille. Rund ein Viertel der Marseiller ist muslimisch, und das zeugt nur von der jüngsten Einwanderungswelle Mitte des 20. Jahrhunderts. Dann gibt es noch die jüdische Gemeinde – die drittgrößte in Europa nach London und Paris – sowie die Armenischstämmigen und die Nachfahren italienischer Einwanderer. Ur-Marseille wurde vor 2600 Jahren als kleine Siedlung von griechischen Seefahrern gegründet. Seither haben nicht nur Kriege, sondern auch der Handel Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern in die Stadt gespült.

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Lange war der Vieux Port die Kulisse für dieses ständige Kommen und Gehen. Der alte Hafen, ein großes glitzerndes Rechteck mitten im Zentrum. An der Kopfseite des Kais flanieren sie heute alle entlang, Marseiller und Touristen, bei Tag und bei Nacht. Als Marseille 2013 europäische Kulturhauptstadt wurde, bekam dieser Teil der Stadt ein ganz neues Antlitz, eine Promenade samt Pavillion von Norman Foster. Der ist ein schlichtes Gestell, das aussieht wie ein gigantischer Tisch. Darunter bleiben die Menschen stehen, starren nach oben, lachen. Die Unterseite ist verspiegelt, eine schlaue Idee in der Selfie-Ära.

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