2016: Mein letztes Cannes

Seite 4 von 4
Tagesspiegel-Filmredakteur Jan Schulz-Ojala : Meine Filme für immer
"Midnight in Paris". Gil (Owen Wilson) verbringt mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) einen Urlaub in Paris.
"Midnight in Paris". Gil (Owen Wilson) verbringt mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) einen Urlaub in Paris.Foto: picture alliance / dpa

2012: LIEBE

Jean-Louis Trintignant (damals 81) und Emmanuelle Riva (damals 84) sind das in seiner alten Pariser Wohnung lebende Musiklehrerpaar, das sich weder von einem Schlaganfall noch von der Aussicht auf Fürsorge im Pflegeheim und erst recht nicht vom lieben Gott höchstpersönlich seinen Begriff vom Zusammensein in Menschenwürde aus der Hand nehmen lässt. Es gab in Cannes in jenem Jahr 21 weitere Wettbewerbsfilme, aber keiner reichte auch nur ansatzweise an Michael Hanekes glasklares Meisterwerk heran.

2013: LA GRANDE BELLEZZA

Ja, jetzt könnte er seinen zweiten Roman beginnen, der Partylöwe Jep Gambardella, der nach legendären literarischen Anfängen berufslebenslang den gehobenen Klatschreporter gemacht hat und soeben in Saus und Braus auf einer römischen Dachterrasse seinen 65. Geburtstag gefeiert – furioser Start in Paolo Sorrentinos Hommage an „La dolce vita“. Nur dass der von Toni Servillo gegebene Society-Held doppelt so alt ist wie sein einst von Marcello Mastroianni ebenso perfekt verkörperter Kollege. Und der Abspann mit der wunderbar gleitenden Bootsfahrt frühmorgens unter den Tiberbrücken? Ist vielleicht die erste Szene seines neuen Romans.

2014: LEVIATHAN

Eine finstere Metapher auf Russland heute, angesiedelt in einem Fischfabrikkaff am Polarmeer: Ein Automechaniker verliert sein ererbtes Grundstück mit Holzhaus an einen mafiösen Bürgermeister, verliert seine Frau, seine Familie, seinen einzigen Freund, seine Freiheit. Der titelgebende biblische Leviathan steht für den kriminellen Staat und die orthodoxe Kirche, die gemeinsame Sache machen. Andrej Swjaginzew konstruiert den Leidensweg des einfachen Mannes so unausweichlich wie eine griechische Tragödie. Nur dass hier Menschenteufel statt der grausamen Götter am Werk sind.

2015: ZURICH

Drei Jahre zuvor hatte die junge Niederländerin Sacha Polak mit „Hemel“ ihr Debüt im Berlinale-Forum, die faszinierende Borderline-Geschichte um eine junge Frau. „Zurich“ – so heißt eine Siedlung neben einer Schnellstraße am Ijsselmeer – geht über jedwede Grenzen einer Figur und auch über die Grenzen des Erzählens. Eine Frau hat ihren Mann verloren und tritt streunend, somnambul, Schlimmes erinnernd und verschuldend aus der Welt heraus. Eine Trauerarbeit? Ein Trauertraum.

2016: PATERSON

Mein letztes Cannes: Keine Frage, „Toni Erdmann“ war toll, aber das tiefste Glück schuf die scheinbar winzigkleine Geschichte um Jim Jarmuschs Gedichte schreibenden Busfahrer Paterson, in der alles, alles, alles stimmt. Am vorletzten Tag des Festivals traf ich Jarmusch – eine 30-Sekunden-Szene, nicht länger – zufällig an einer Straßenecke, und ich musste einfach, ganz Fan, seine Hand schütteln und ihn beglückwünschen zu seiner jüngsten Erfindung. Gehört sich eigentlich nicht für distanzbewusste Kritiker – aber Ausnahmen machen Regeln erst schön.

"Leviathan". Das russische Drama von Andrej Swjaginzew erzählt die biblische Hiobsgeschichte neu.
"Leviathan". Das russische Drama von Andrej Swjaginzew erzählt die biblische Hiobsgeschichte neu.Foto: picture alliance / dpa

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben