Teenie-Eltern in Berlin : Minderjährig, verliebt - und schwanger

Melli ist 16, Justin ist 17. Dazu kommt Lotte, ihr Baby. Eine Langzeitreportage über den Versuch, eine Familie zu werden.

Der dicke Bauch stört Melli nicht - dass ihr Freund keinen Job findet, schon.
Der dicke Bauch stört Melli nicht - dass ihr Freund keinen Job findet, schon.Illustration: Birgit Lang

Zweimal pro Woche ist Melli Mama. Für anderthalb Stunden. Unter Aufsicht.

Das Wetter ist schön an diesem Tag, aber sie darf mit Lotte nicht auf den Spielplatz. Irgendwann vielleicht mal, sagt die Frau, die das Jugendamt beauftragt hat, um Melli beim Muttersein zu helfen, irgendwann, wenn alles besser läuft. Vorne geht die Tür auf, Lotte wird heute von Justins Stiefvater gebracht. Vielleicht konnte sich Justin wieder keine Fahrkarte leisten, mutmaßt Melli. Sie dürfte ihn bei der Übergabe ohnehin nicht sehen, das haben die Leute hier verboten. Sie würden sich nur streiten, und Lotte ist noch so klein.

Begleiteter Umgang – Paragraf 18, Absatz drei, Sozialgesetzbuch für Kinder- und Jugendhilfe. Das ist alles, was der 17-jährigen Melli zehn Monate nach der Geburt ihrer Tochter Lotte geblieben ist. Während dieser Zeit, in der Melli, Justin und Lotte versuchen, eine Familie zu werden, erzählte Melli regelmäßig, wie es ihr ergeht. Nur ihren echten Namen und ihr Gesicht will sie nicht in der Zeitung sehen. Darum heißen Melli, Justin und Lotte in Wahrheit anders.

Lotte schwebt auf den Armen der Frau vom Amt ins Zimmer: ein pausbackiges Baby mit aschblonden Haaren und sonnengebräunter Haut, Speckrollen wie ein Michelinmännchen, ständig zeigt sie auf etwas. Melli dagegen: zerbrechlich ist sie, blasse, zerkratzte Haut an den Beinen. Die Frau beobachtet sie kritisch. „Bitte, ich habe es Ihnen doch schon gesagt, Sie müssen den Nacken stützen, wenn Lotte versucht, sich aufzurichten.“ Melli rollt mit den Augen.

Melli lebt irgendwo in Berlin - bei ihrer Mutter ist sie früh ausgezogen.
Melli lebt irgendwo in Berlin - bei ihrer Mutter ist sie früh ausgezogen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Fläschchen mit Tee ist die nächste Fehlerquelle

Lotte purzelt über den Raufaserteppich, will an Mellis Tasche und beschwert sich nicht, wenn Melli sie wegzieht. Lotte scheint mit allem zufrieden zu sein. Zufrieden damit, immer wieder hochgehoben, umgesetzt und mahnend gerufen zu werden. Zufrieden auch mit dem Maracujabrei, den Melli meistens kauft, weil sie selbst gern davon nascht. Ein Gläschen soll sie zu jedem Treffen mitbringen und ein Fläschchen mit Tee. Die nächste Fehlerquelle. „Ich habe Ihnen doch gesagt, kein gezuckerter Tee. Frau Schuster, noch mal – stützen Sie den Kopf. Lotte möchte vielleicht mehr trinken, Frau Schuster.“

Wenn die Frau vom Amt mit Lotte spricht, säuselt sie: „Ja, das findest du lustig, was? Oh, da reibt sich aber jemand schon die Äuglein. Du bist eine ganz Süße.“

Wenn Melli mit Lotte spricht, sagt sie: „Du hast gefurzt, du Sau.“

Heute läuft es nicht so gut. Melli fummelt an dem Ring in ihrer Nase und spricht kaum mit der Frau, die oft seufzt. Als Lotte wieder abgeholt wird, setzt die Frau sie kurz auf Mellis Schoß. Die beiden schauen sich an. Mutter und Tochter. Melli wippt leicht mit den Knien. „Tschüss, Lotte.“ Kein Kuss. Dann ist Lotte weg, mit der Frau hinter der Tür verschwunden.

Endlich darf Melli raus, auch aus der Rolle

„Melli, wie fühlst du dich jetzt?“

„Ich bin müde, hab’ zu wenig geschlafen.“

„Und wegen Lotte? Wie geht es dir nach dem Treffen?“

„Hab’ mich dran gewöhnt. Mir bleibt ja nichts anderes übrig.“

Die Frau kommt zurück, ihre Augenbrauen formen einen Dachgiebel. Melli muss besser auf Hinweise achten, sie umsetzen. „Frau Schuster, Sie wollen doch auch, dass die Situation nicht so bleibt, wie sie ist?“ Melli nickt, so wie man nickt, wenn man Ärger für vergessene Hausaufgaben kriegt. Die Frau, die alles besser weiß, hebt hilflos die Hände.

Endlich darf Melli gehen, raus. Auch aus der Rolle. Erst mal durchatmen, Kippe an. Handy checken. „Wollen wir zu Burger King?“ Da ist sie auch mit Justin gerne hingegangen, als noch alles gut war zwischen ihnen, als diese Geschichte begann. Das ist lange her.

Kurz vor Silvester ahnte Melli etwas

Frühjahr 2016. Melli und Justin sitzen im Jugendclub. Sie sind oft hier. Heute sind sie ein bisschen aufgekratzt und machen die ganze Zeit Witze, die nicht jeder im Raum versteht. Melli ist 16, Justin 17. Melli ist ungeplant schwanger geworden. Sie freuen sich, vor allem über sich, über das Verliebtsein. Das mit dem Baby dauert ja. Melli – 1,59 Meter, blasslila gefärbte Haare, Rehaugen – ist im sechsten Monat. Sie sind jung, ihre Familien haben kaum Geld. Aber hier, auf dem quietschenden Kunstledersofa im Jugendclub, fühlt es sich gerade leicht an.

Wie lange die beiden zusammen sind, wissen sie genau. Ein Jahr, acht Monate, sechs Tage. Sie halten sich aneinander fest, als versuchten sie zwei Puzzleteile zu sein, deren Ränder perfekt ineinanderpassen. Sie legt ihre Füße auf seinen Beinen ab, er umfasst ihre Schultern. Das ist Liebe. Oder? Es muss so sein. Sie wissen ja genau, wann es anfing.

Und dann fing das andere an. Kurz vor Silvester, kurz vor ihrem Geburtstag, beginnt Melli, etwas zu ahnen. Sie und Justin hatten nicht aufgepasst. Sie merkt, dass sie sich verändert. Etwa zwei Monate lang sagt sie nichts. Warum? Auf schwierige Fragen antwortet Melli mit einem Schulterzucken, dann dreht sie mit den Fingern an ihrem Nasenpiercing.

Melli geht nicht mehr zur Schule, da lief es ohnehin nicht so besonders, sie war genervt von den anderen in ihrer Klasse. Als sie Justin endlich erzählte, dass sie schwanger ist, musste er mit zum Direktor, allein wagte sie es nicht. Sie hatte Angst vor ihren Mitschülern. Dass die lästern und blöd gucken, das traute sie ihnen zu. „Die Leute in der Schule denken jetzt, dass ich ein Praktikum mache.“ Das Praktikum soll mal Lotte Vanessa Schuster heißen. Sie lacht.

Drei Monate vor der Geburt - und die Skinny Jeans passen

Melli darf also zu Hause bleiben – das heißt: in der betreuten WG. Mit Mama gab es nur Stress, da ist sie schon vor einiger Zeit raus. Ist besser so, sagt Melli.

Ansonsten sagt sie nicht viel. Muss sie auch nicht, Justin antwortet gern für sie. Reden kann er gut. Über die Musik, die er macht, oder darüber, dass er anderen aus dem Jugendclub hilft, ihre Fahrräder zu reparieren. Und über Mellis Ernährung. Er hat viel gelesen, mehr als Melli. Justin erklärt, dass Käse, Wurst, bestimmte Sorten, jetzt eben nicht gehen. Melli schaut ihn belustigt an. Sein Gesicht mit der feinporigen Kinderhaut, das bisschen Babyspeck an den Wangen, die braunen Haare, ein Cap obendrauf. Sie mag ihn.

Melli hingegen ist jetzt, drei Monate vor der Geburt, immer noch gänzlich frei von Speck. Es scheint, ihr Körper tüftele das alles im Geheimen aus. Die Mädchenbeine ragen wie Äste aus ihrem Körper, die Skinny Jeans passen. Nur die weiße Daunenweste ist vorn ein wenig ausgebeult.

Der Bauch kommt, unausweichlich. „Meine Freunde“, erzählt Melli im Juli 2016, „finden, ich habe so einen Schwangerengang. Aber ich finde, ich gehe ganz normal.“ Ihr Körper – ein wichtiges Thema. Die Sonnenallergie vor allem, das Kratzen an den Beinen, der Wunsch nach mehr Piercings. Die schon immer kaputte, schmerzende Hüfte. Ihr schwaches Herz. Der große Bauch aber, der geht weg, das kümmert sie nicht.

28 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben