Tschechien : 72 Stunden Böhmen mit Kindern

Das bestgehütete Geheimnis Tschechiens? Naja, tatsächlich ist das Bilderbuchstädchen Cesky Krumlov von Touristen überlaufen. Die Alternative für eine Reise mit den Kindern: Litomerice. Dort leben noch Einheimische, und es fließen Wein und Honig.

Cesky Krumlovs Altstadt leuchtet im Herbstlicht.
Cesky Krumlovs Altstadt leuchtet im Herbstlicht.Foto: Foto: Libor Svacek

Es ist eine Reise ins Unbekannte: Außer einigen Fotos von prachtvollen Barock- und Renaissancebauten, der Moldau-Schleife und den typischen Egon-Schiele-Stadtansichten kennen wir Cesky Krumlov nicht. Tourismuswerber bezeichnen das Städtchen als bestgehütetes Geheimnis Tschechiens - beinahe unentdeckt. Die gut 500 Kilometer von Berlin nach Südböhmen ziehen sich, und die Rezeptionistin der Pension Athanor schickt sicherheitshalber den „After Hours“-Code für die Schlüsselbox neben der Haustür. Von Budweis geht es über dunkle Landstraßen weiter Richtung Südwesten. Irgendwann schiebt ein größenwahnsinniger Bühnenarbeiter eine gigantische Kulisse ins Bild. Das gelblich beleuchtete Schloss thront auf einer steilen Anhöhe. Und was heißt schon Schloss? Die Anlage besteht aus 40 Gebäuden und Palästen, die sich um fünf Höfe und sieben Hektar Schlosspark verteilen, gegründet um 1240 vom Adelsgeschlecht der Witigonen. Auf den schmalen Altstadtsträßchen ist am späten Abend weder Mensch noch Maus zu sehen. Wir biegen in einen Hinterhof, tragen die schlafenden Kinder eine Holzstiege empor und lassen sie in der sicheren Gewissheit, die Entdeckung des Jahrhunderts gemacht zu haben, in ihre Zustellbetten fallen.

6.30 UHR

Spechtartiges Klopfen aus dem Badezimmer. Die Kinder haben die kleine Sauna entdeckt und eingeschaltet. Nach dem Schwitzen Frühstück in den Katakomben der Pension. Tatsächlich, da ist jemand! Eine schweigsame Menschenseele bereitet Kaffee zu.

9 UHR

Familienstadtführung mit der wunderbaren Jana Pejchalová. Sie spricht Deutsch und unterhält die Kinder mit Geschichten rund ums Schloss. Uns erklärt sie, dass so gut wie kein Tscheche mehr in der Altstadt lebt, sondern die meisten der 13 000 Einwohner im Plattenbaugürtel wohnen. Dass es hier niemand aushalten soll, wundert uns. Viele der Häuschen scheinen mit viel Liebe zum Detail zurechtgemacht und sind sicher teuer, aber in den Seitengassen steht doch noch viel Unsaniertes, oder Jana? In ihrem Lachen schwingt leichte Verzweiflung mit.

11 UHR

Auf der Straße Hradebni, Höhe Egon- Schiele-Museum, tritt der Ausnahmezustand ein: Etwa 500 Menschen und ebenso viele Selfie-Sticks rauschen Richtung Moldau. Die Prozession teilt sich, verkeilt sich, richtet sich neu aus. Wir springen zur Seite und landen in einem Souvenirgeschäft, das Plüschraupen verkauft, die man an einem Nylonfaden bewegen kann. Was war denn das? Wir lernen, dass Cesky Krumlov (auf deutsch „Krumau“) bei asiatischen Europareisenden ganz oben auf der Bucket List steht. In diesem kuschligen Kulissenort ohne einheimisches Leben lösen sie den Programmpunkt „Gemütlichkeit“ ein. Und über allem kreisen Fotodrohnen.

12.30 UHR

Hunger. Reisende mit Kindern haben unaufschiebbare Bedürfnisse. Wo bitte sind die Mehlspeisen? Wir vermuten sie im Café Retro, das idealerweise über eine große Terrasse mit angeschlossenem Spielplatz verfügt. Doch die Speisekarte zeigt bloß tschechische Versionen italienischer Klassiker. Die handgeschriebene Tageskarte wird von der Kellnerin mit einem routinierten Griff vom Tisch entfernt, nachdem klar ist, dass wir Touristen sind. Wir fragen, ob wir - selbstverständlich gegen Aufschlag - bitte auch etwas Einheimisches haben können? Die Kellnerin verhandelt mit ihrem Chef, der wird sauer. Danach kommt niemand mehr an unseren Tisch. Wir brechen auf und landen in der Kneipe Na Louzi, wo wir Schweinebraten mit Sauerkraut bestellen. Hier verschwindet die Bedienung in der Küche, kommt 30 Sekunden später mit dem fertigen Essen heraus und knallt es uns wortlos auf die von Generationen von Burschenschaftlern mit Bier imprägnierten Holztische.

14 UHR

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Ausflug in den Böhmerwald, nach Lipno. Am Rande des großen Stausees gibt es einen Baumwipfelpfad. Für umgerechnet 40 Euro dürfen wir die Konstruktion betreten. Ein Weg schraubt sich höher und höher ins Geäst. Von ganz oben hat der Wanderer erwartungsgemäß einen guten Blick über das grüne Tal. Trotzdem verstärkt sich der Eindruck: Das Wandern auf dem moosbedeckten Waldboden ist nicht nur günstiger, sondern auch angenehmer. „Wir sind keine Adler“, stellt der Sechsjährige fest. Dann entdecken wir ihn, den perfekten Spielplatz einige Höhenmeter unterhalb des Wipfelgipfels, das „Königreich des Waldes“: Babyziegen, Labyrinth, Balancierparcours - und mittendrin ein Holzhäuschen, in dem Espresso serviert wird. Die Enttäuschung über das allgemeine Plüschraupenverbot ist zum Glück verebbt. Wir bleiben bis zum Abend.

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