Warum nicht den Blick von Saul Bellow leihen?

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USA : Chicago mit den Augen eines Einheimischen sehen
Nah am Wasser gebaut. Der Michigansee sieht aus wie ein Meer.
Nah am Wasser gebaut. Der Michigansee sieht aus wie ein Meer.Foto: imago/Rupert Oberhäuser

Chicago ist wie New York ohne die Überwältigung. Ohne den „shock and awe“-Effekt. Die berühmten Hochhäuser stehen auf nur einem Prozent der Stadtfläche, ziemlich schnell wird es wieder flach. Selbst die Hochbahn donnert nicht durch die Häuserschluchten, sie stelzt eher freundlich hindurch. Wenn New York der Superlativ ist, dann ist Chicago die Mitte. Mittlerer Westen. Central Standard Time. 2,7 Millionen Einwohner, eine Million weniger als Berlin. Übersichtlich. Weil sie hier höher stapeln als in Berlin, wirkt es nur größer.

Es kann jetzt nicht nur an Elizabeths persönlicher Begrüßung liegen, dass Chicago so nahbar wirkt. Aus dieser Stadt kam ein Präsident Barack Obama, der sich im Oval Office von einem kleinen Jungen das Haar kraulen ließ. Oprah Winfrey produzierte hier ihre Show, die das Menschliche, Persönliche, die besonderen Ausformungen des Menschseins zum Maßstab ihrer Arbeit erkoren hat. Das riesige Gewässer an der Ostküste der Stadt mit den lockenden Stränden und den Fahrradstrecken sieht nur aus wie ein Meer, ist aber natürlich der Michigansee, wo der berühmte Chicagoer Wind Anlauf nimmt. Der führt dazu, dass es hervorragende Hutgeschäfte gibt. Behütete Chicagoer treten aus deren Tür mit Kopfbedeckungen, die über 600 Dollar kosten und dafür auch ein Leben lang halten sollen. Nichts Schnelles, ein maßgeschneidertes Modell fürs Leben soll es sein. Ist nicht jeder Kopf anders? Wenn ein Hut so einzigartig teuer ist, muss er schon eine Menge Wind abhalten, bevor er sich amortisiert.

Schriftsteller Saul Bellow nahm die Stadt persönlich

Hat einen der Wind etwa gerade in das „American Writers Museum“ gedrückt? Im Mai 2017 eröffnet, das einzige Museum in Amerika, das sich amerikanischen Schriftstellern widmet. Der Literaturnobelpreisträger, der aus Chicago kommt, Saul Bellow, ist vermutlich der nahbarste Nobelpreisträger gewesen, den es je gab. Berühmt geworden für die Tuchfühlung mit seiner Stadt. Fünf Mal verheiratet. Am liebsten bewegte er sich im öffentlichen Nahverkehr. Chicago war die Linse, durch die er die Menschen sah. Bellow nahm die Stadt persönlich. Er könne, schreibt er, sein Wissen über das Leben nicht mehr von Chicago trennen.

Ein Bild im „Writers Museum“ zeigt ihn 1969 bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Wie er im „L“-Zug sitzt und – unfassbarerweise ebenfalls in einer Breitcord-Jacke, wie gerade noch Elizabeth eine trug – und mit tiefenentspanntem Gesichtsausdruck die Bewohner seiner Heimatstadt beobachtet.

Warum nicht den Blick von Saul Bellow leihen? Das geht auch im Jahr 2018.

Schlagartige Fülle in Downtown um die Mittagszeit, weil alle, die am Vormittag noch in den Büros in ihre Stockwerke gestapelt waren, nun ebenerdig etwas zu essen suchen. Zufällig ist es auch der Zeitgeist, auf das Persönliche, Handgemachte, Regionale zu setzen. Deshalb strömen die Leute in die „Revival Food Hall“, deren Begründer 2016 ein altes Bürohaus wiederbelebten. Sie nutzten die alten Möbel und luden 15 interessante Food-Start-ups aus der Stadt ein. Die Unternehmer mit dem „pulled pork“ installierten eigens einen Smoker auf dem Dach im 20. Stock. Das europäische Konzept der Markthalle ist hier verführerisch neu. Aber der Europäer, der sucht ja das Amerikanische.

Chicago ist für Schnapsbrenner wieder eine Geschäftsoption

Wo sind sie also alle, die „ladies who lunch“, die uramerikanischen Orte, das Big Hair, jenes so selbstverständlich schmuckbehangene Bürgertum? Das Frisierte, Toupierte, Geföhnte?

Nur eine Aufzugfahrt entfernt. In Cindy’s Rooftop Bar, auf dem Dach des Hotels „Athletic Association“. Sie sitzen hier unterm Himmel unter Glas, die Lässigkeit des Geldes, vorne der Michigansee, im Rücken Kaminfeuer. Saul Bellow würde heute wahrscheinlich hier oben einen Blick direkt in ihre Seelen werfen, zu Mittag essen und dann mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren, auf einer jener berühmten, geschützten Bike Lanes, die jetzt auch Berlin installieren will. Chicago, flach wie ein Pfannkuchen, wirft sich einem von selbst unter die Reifen. In kleinen Fahrradläden der Viertel diskutiert man beim Kaffee den Wert der Handarbeit. Die Local Heroes der Gegenwart sind Leute wie die von „Heritage Bicycles“, deren Räder komplett in Chicago hergestellt wurden.

Bellow beschrieb das Chicago der Einwanderer zur Zeit der Prohibition. Doch wenn man sich jetzt den Blick eines österreichischen Immigranten leiht, ist Chicago auch für Schnapsbrenner wieder eine Geschäftsoption. Im angesagten Viertel Ravenswood nördlich des Lincoln Park hat Robert Birnacker mit seiner Frau 2008 die erste Destillerie Chicagos nach 150 Jahren eröffnet. Die Craft Destillerie Koval, ein Unternehmen, das selbst Whiskey und Gin herstellt. Birnacker war vorher Vizepressesprecher für die österreichische Botschaft in Washington, sein Großvater jedoch hat Obst gebrannt. Marille, Zwetschge, das ganze Programm. Als sie vor zehn Jahren anfingen, gab es in Amerika nur Craft Beer, aber überhaupt keine Craft Destillerien. Birnacker hat den Markt beobachtet wie ein Fischer das Meer. Erste, zweite, dritte Welle. Man muss die Welle reiten, wenn sie kommt.

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