Wandern in Schottland : Torfiges Hochland

Der West Highland Way führt einmal durch Schottland. Zu saftigen Weiden, duftenden Wiesen und skurrilen Gestalten.

Familien wandern nahe dem Ort Balmaha den Conic Hill hinauf. Zur Belohnung gibt es einen Panoramablick auf Loch Lomond, Schottlands größten See.
Familien wandern nahe dem Ort Balmaha den Conic Hill hinauf. Zur Belohnung gibt es einen Panoramablick auf Loch Lomond,...Foto: Alamy Stock Photo

Hier also soll Rob Roy seine Geiseln gefangen gehalten haben. Felsen und überwucherte Mauern mitten im regentriefenden Wald, Bärlauch auf dem Boden, das Ufer des Loch Lomond ganz in der Nähe. Auch wenn die Grenzen zwischen historischer Wahrheit und Legende nicht genau zu ziehen sind – ein mystischer Ort ist das Gefängnis allemal.

Legenden wie Rob Roy begegnen dem Wanderer immer wieder auf dem West Highland Way. Der Clanchef der MacGregors hat tatsächlich gelebt, von 1671 bis 1734. Er erpresste und bestahl die Reichen, was laut Ehrenkodex der Highlander völlig in Ordnung war. Schon mit 18 Jahren kämpfte Rob in der legendären Schlacht von Killiecrankie gegen die englischen Besatzer. Er trat mehr als einmal gegen die Anhänger des englischen Königs Georg I. an, drei Mal entkam er aus dem Gefängnis und starb friedlich in seinem Bett. Sein Leben wurde in Romanen und Filmen verewigt, bis heute ist der Freiheitskämpfer ein Held derjenigen Schotten, die sich von London lossagen wollen. Als sein Geburtshaus 2004 versteigert wurde, protestierte die Scottish National Party vergeblich.

Entlang des West Highland Way wird immer wieder an Schlachten der tapferen Schotten gegen die englischen Besatzer erinnert. Meist verloren die Highlander gegen die zahlenmäßig überlegenen und besser ausgerüsteten Engländer, doch die Ehre ist ihnen bis heute gewiss.

Das Frühstück ist eine Herausforderung für jeden Nicht-Schotten

Die Geschichte allein hätte sicher nicht gereicht, den Weg zu einem Sehnsuchtsziel für Wanderer aus aller Welt zu machen. Sie kommen wegen der Landschaft, die sich von den langweiligen Lowlands um Glasgow herum durch saftige Schafweiden, verwunschene Wälder und stimmungsvolle Moore bis in die Highlands permanent verändert. Ziel ist nach insgesamt 154 Kilometern und 4500 Höhenmetern Fort William, das am fjordartigen Loch Linnhe in der Nähe der schottischen Westküste liegt.

Niemand sollte erwarten, auf dem West Highland Way eine Woche lang durch reines Naturidyll zu laufen. Es ist ein Weg quer durch Schottland. Und dieses Schottland führt nebenbei sein Alltagsleben, ohne Rücksicht auf Wanderer. So windet sich zum Beispiel die wichtige Verbindungsstraße A82 immer wieder sehr nah am Weg entlang. Einige Male muss man direkt neben einer Zugstrecke laufen. Wer sich einen solchen Abschnitt sparen will, kann zwischendurch ein Ticket lösen oder trampen.

Der erste Tag des Weges von Milngavie am Rande Glasgows bis Balmaha am Loch Lomond ist ziemlich langweilig. Der überschaubare Ort liegt direkt am Loch Lomond, dem größten See Schottlands. Er ist mit 39 Kilometern so lang, dass er in den Lowlands beginnt und nach einer geologischen Verwerfungsfalte, der Highland-Boundary-Fault, ins Hochland übergeht. Und er bietet den weltweit einzigen Süßwasserhering. Den gibt es hier geräuchert zum Frühstück – durch seinen öligen Geschmack ist er die erste Herausforderung für jeden Nicht-Schotten.

Der Weg führt durch glitschige Steine und Wurzeln

Am nächsten Tag geht es recht entspannt am See entlang. Rob Roys Wald mit seinen uralten Bäumen und Schlingpflanzen wirkt wie ein Relikt aus der Urzeit, auf den Wiesen zwischendurch blüht es überall weiß und duftet. Wegen der Lammsaison sind in einigen Abschnitten Hunde verboten, um die Schafe nicht zu erschrecken. Wie innig Mutter und Kind sind, zeigt sich am Wegesrand nicht nur beim Säugen: Das Mutterschaf pinkelt, während es die Wanderer betrachtet, das Lamm macht es gleich nach.

Abstecher. Holzschilder führen die Wanderer auf den richtigen Weg.
Abstecher. Holzschilder führen die Wanderer auf den richtigen Weg.Foto: Jens Tartler

Die folgende Etappe von Inversnaid nach Inverarnan gilt als eine der heikelsten auf dem ganzen Weg. Das liegt weniger an Rob Roys Höhle, einem tiefen Erdloch, wo er sich versteckt haben soll, sondern an den vielen großen, oft glitschigen Steinen und Wurzeln, die überwunden werden wollen. Jeder Schritt muss bewusst gesetzt werden. Rund acht Stunden Gehzeit in diesem Grätschgang haben zur Folge, dass viele Wanderer in der Unterkunft am Abend laufen wie Seemänner beim Landgang. Die Herbergen am Wegesrand sind selten und oft weit im Voraus ausgebucht. Dafür kann man in den meisten Gegenden zelten oder eine der Schutzhütten, Bothies genannt, nutzen. In einer am Loch Lomond haben ein paar Männer schon mittags ihre Schlafsäcke ausgerollt. Es riecht nach Baked Beans, Single Malt und Wandersocken.

Ganz in der Nähe bietet eine schottische Familie selbstgebackene Cookies neben einer Vertrauenskasse an. Das Schild verspricht: „Wir machen Ihren Weg schön.“

Wie liebenswürdig-skurril die Schotten sind, zeigt sich in Crianlarich nach 45 Kilometern des Weges. Ein betagter Mann fährt gerade in seinem Jaguar mit offenem Verdeck durchs Nieselwetter. „Das ist kein Regen“, sagen die Einheimischen, solange es nicht wie aus Kübeln schüttet, und handeln entsprechend. Im Ben More Pub haben die Barhocker angetackerte Schottenröcke, womit die beleibten Männer auf den Sitzen unfreiwillig komisch aussehen.

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