„Ich habe mich noch nie so großartig gefühlt“

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Wissenschaftliche Selbstversuche : Ins eigene Fleisch
Werner Forßmann erhielt 1956 für die Entwicklung des Herzkatheters den Nobelpreis.
Werner Forßmann erhielt 1956 für die Entwicklung des Herzkatheters den Nobelpreis.Foto: imago/United Archives International

Der beherzte Nobelpreisträger: Werner Forßmann (1904 – 1979)

Eigentlich hat der junge Berliner ja Kaufmann werden wollen, entscheidet sich auf Rat seines Lehrers aber doch für das Medizinstudium. Werner Forßmann arbeitet 1929 als Assistenzarzt in einem Klinikum in Eberswalde, da entwickelt er die Idee, mit einem Katheter zum schlagenden Herzen vorzudringen, um es so untersuchen und operieren zu können. Denn bisher gibt es wenige Möglichkeiten, Krankheiten am Herzen zu erkennen. Der französische Tierarzt Auguste Chauveau hat die Methode bereits an Pferden getestet. Doch sein Chef untersagt ihm, solch einen Eingriff vorzunehmen. Viel zu gefährlich, heißt es. Kurzerhand entschließt sich Forßmann, den Versuch an sich selbst durchzuführen und schiebt sich mithilfe einer OP-Schwester einen 60 Zentimeter langen Plastikschlauch in die Armvene; den Erfolg dokumentiert er mit einem Röntgenbild. Damit kann er beweisen, dass ein Herzkatheter vollkommen ungefährlich ist, doch sein Mut kostet ihn den Job. So bahnbrechend seine Entdeckung ist, so wenig Beachtung findet sie in der Fachwelt. Nur die Boulevardpresse zeigt sich interessiert. 1932 tritt Forßmann in die NSDAP ein, im Zweiten Weltkrieg dient er als Sanitätsoffizier, bekommt nach Kriegsende ein dreijähriges Berufsverbot, weil er Parteimitglied war. In Bad Kreuznach, in der Nähe von Mainz, erhält er dann am 18. Oktober 1956 den Anruf aus Stockholm, der ihm endlich den lang ersehnten Ruhm einbringen wird. Für seine Forschung zum Herzkatheter erhält Forßmann den Nobelpreis für Medizin, gemeinsam mit den Amerikanern André Frédéric Cournand und Dickinson Woodruff Richards. Trotz dieser höchsten Auszeichnung sehen Mediziner den Versuch heute noch kritisch. Sie werfen Forßmann mangelnde Vorbereitung vor.

Der zugedröhnte Drogenberater: Alexander Shulgin (1925 – 2014)

Ein Student weist Alexander Shulgin 1976 auf die Substanz hin, die ihn später berühmt machen wird. Der Chemiker unterrichtet an der San Francisco State University und arbeitet als Berater für die „Drug Enforcement Administration“, kurz DEA, die sich um die Strafverfolgung von Leuten kümmert, die verbotene Substanzen herstellen. Seine Aufgabe: Er testet die meist psychedelischen Substanzen – an sich selbst. Schon, als er noch Forschungschemiker bei dem amerikanischen Konzern Dow Chemicals ist, betreibt er die Selbstversuche – damals bloß nebenbei. Doch als er ein recht profitables Insektizid entdeckt, räumt die Firma ihm Freiheiten ein.

Shulgin probiert mehr und mehr Substanzen. Für ihn sind diese Stoffe Fremde, die er kennenlernen möchte. Seine Selbstversuche laufen nach klaren Regeln ab. Er startet mit einer winzigen Dosis und arbeitet sich langsam nach oben, bis er die Wirkung spürt. Irgendwann wird es Dow Chemicals zu wild. Und Shulgin macht in seinem privaten Labor weiter. So kommt er als Berater zur DEA und als Dozent an die Universitäten von San Francisco. Der Stoff, den sein Student vorschlägt, ist nicht neu. 1913 hat ihn die Firma Merck bereits in Deutschland entdeckt. Doch bisher ist er kaum in der Chemiewelt aufgetaucht. 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin heißt die Substanz, die Shulgin daraufhin in einem eigenen Verfahren synthetisiert und an sich testet – besser bekannt als MDMA. „Ich fühle mich in meinem Innern absolut rein. Da ist nichts außer pure Euphorie; ich habe mich noch nie so großartig gefühlt“, schreibt Shulgin in sein Notizbuch.

Er berichtet befreundeten Psychotherapeuten von der Wirkung, die setzen den Stoff in ihren Therapien ein – mit guten Erfolgen. Und dann passiert das, was auch der Entdecker von LSD, Albert Hofmann, erlebte. Die Substanz wird nicht nur in Sitzungen mit Therapeuten konsumiert. Denn die Rave-Bewegung entdeckt die Wirkung von MDMA und beginnt es, gemischt mit anderen Substanzen, unter dem Namen Ecstasy zu konsumieren. Wie bei Hofmanns LSD wird die Droge verboten, 1985 in den USA, ein Jahr später zieht Deutschland nach. Alexander Shulgin nennt MDMA ein „Fenster zur Psyche“. Während seiner Arbeit mit Therapeuten lernt der Wissenschaftler seine spätere Frau Ann kennen. Sie macht bei den Forschungen mit. Wenn er die Wirkung, die er erlebt, interessant findet, testet sie die Stoffe. Gemeinsam entdecken die beiden mehr als 300 psychedelische Substanzen.

Der Trinkfreudige Arzt: Barry Marshall (*1951)

Es glaubt ihnen einfach keiner. Der australische Arzt Barry Marshall und sein Kollege Robin Warren haben alles genau in Studien dokumentiert, die Bakterien, den Befall. Und trotzdem belächeln die Ärzte auf Fachkongressen die beiden, wenn sie behaupten, dass eine Magenschleimhautentzündung von dem Bakterium „Helicobacter pylori“ ausgelöst wird. Im Magen überlebt kein Bakterium, heißt es, und damit ist Warrens und Marshalls Idee vom Tisch. Das kann es nicht gewesen sein, beschließen die beiden und entscheiden sich für ein besonderes Experiment. Im Juli 1984 lässt sich Marshall eine Gewebeprobe aus seinem Magen entnehmen. Er will überprüfen, ob sein Magen bereits von den Bakterien befallen ist. Nur dann könnte der Selbstversuch Sinn ergeben. Sein Magen ist sauber. An einem Julimorgen geht Marshall ins Labor, wäscht „Heliobacter pylori“ von einer Kulturschale ab, löst sie auf und verdünnt die Brühe. Etwa 1000 Millionen Keime schluckt er. Dabei muss er sich die Nase zuhalten, das Gemisch riecht eklig. Dann heißt es warten. Wenn ihre Forschungsergebnisse stimmen, müsste Marshall innerhalb weniger Tage krank werden. Fünf Tage später ist es so weit: Schweißausbrüche, Übelkeit, Erbrechen. Diagnose: Gastritis. Marshall bekommt Antibiotika, nach 14 Tagen ist er wieder gesund. Und die Kollegen sind überzeugt. Es ist eine Revolution bei der Behandlung von Magenschleimhautentzündungen, viele Ärzte haben zuvor Stress, falsche Ernährung und die Psyche für die Leiden ihrer Patienten verantwortlich gemacht. 19 Jahre später ist Marshalls und Warrens Triumph vollkommen. Im Jahr 2005 werden sie mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

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