Auch Karl May wurde weggebunkert

Seite 2 von 4
Zum Start der Buchmesse in Leipzig : Die Nationalbibliothek ist das Gedächtnis der Nation
Judka Strittmatter
Prunkvoll. Das Portal führt in den Gründungsbau, der 1914 bis 1916 als „Deutsche Bibliothek“ errichtet wurde.
Prunkvoll. Das Portal führt in den Gründungsbau, der 1914 bis 1916 als „Deutsche Bibliothek“ errichtet wurde.Foto: Isabela Pacini

Ebenfalls vorenthalten wurden dem DDR-Bürger kontingentierte Westbücher, die Begehrlichkeiten oder Fernweh schürten: Bildbände über die Olympischen Spiele, die Fußball-WM. Auch „FAZ“ und „Spiegel“ und die renitenten Russen, Trotzki und Solschenizyn. Selbst Strickzeitungen von Burda. Die Ostfrau sollte der kapitalistischen Masche nicht ins Netz gehen.

Dass die Stasi durchs Haus schlich – davon ist auszugehen bei so brisanter Habe. Räuber erzählt, dass auch Christa Wolf und Christoph Hein in den Lesesälen saßen, dass er als Azubi Mitte der 70er eine neue Lesekarte für eine DDR-Mark an Erich Loest verkaufte.

Der Sachse Loest durfte höchstselbst in den Giftturm, wo er einen anderen Sachsen studierte, der hier bis 1982 weggebunkert wurde – Karl May. Dessen Abenteuerstoffe galten als antihumanistisch, kursierten nur als unerlaubte Altbestände und illegal verschickte Westausgaben.

Seine Giftturm-Erfahrung verarbeitete Loest im Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ von 1978. Schon am Empfang fühlen sich der Erzähler und sein Begleiter darin wie „verdächtige Individuen, die sich unter einem Vorwand hier einschlichen, um verbotene Frucht zu naschen“. Die zweite Auflage des Buches fiel selbst der Zensur zum Opfer, der Autor verließ daraufhin die DDR.

Ein Chemiker wollte Nazi-Liederbücher haben

Einen Heinrich Böll dagegen fanden die Genossen würdig, in der Freihandbibliothek zu stehen. Weil er kritisch gegenüber seinem eigenen Land war. Auch Naziliteratur und Pornografisches war über viele Jahre weggesperrt, nun steht beides wieder im Archiv. Ausleiher müssen sich allerdings fragen lassen, für welchen Zweck sie diese Bücher brauchen. Der Chemiker etwa, der Kopien von Nazi-Liederbüchern haben wollte, konnte sich nicht erklären, die Anfrage wurde abgelehnt. „Wir dachten, da plant einer seinen nächsten Kameradschaftsabend“, sagt Jörg Räuber. Ein anderer Herr bestellte auf der Suche nach seiner alten Jugendliebe Irene stapelweise die „St. Pauli-Nachrichten“. Er bekam die Hefte schließlich und hinterließ sie mit herausgerissenen Seiten.

Doch derlei Ärgerliches passiert selten, weil Leute mit kruden Absichten dafür nur selten die DNB aufsuchen, die Hemmschwelle sei in diesem Haus zu hoch, erklärt Jörg Räuber. Man kann sich die erwünschte Ausgabe nicht einfach aus dem Regal rausnehmen, muss sich den Mitarbeitern stellen bei der Order.

Aktuell. Auch das Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ gehört zu den 1800 Zeitschriften, die neben Tageszeitungen hier ausliegen.
Aktuell. Auch das Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ gehört zu den 1800 Zeitschriften, die neben Tageszeitungen hier ausliegen.Foto: Isabela Pacini

Sind Originalausgaben per Gerichtsurteil verboten wie Maxim Billers Roman „Esra“, für den des Autors Ex-Freundin und deren Mutter wegen Verunglimpfung das Einstampfen erwirkten, geht nur die geschwärzte oder veränderte Version in die Ausleihe, fürs Original bedarf es wieder der Genehmigung.

Im Fall von „Esra“ forderte der Verlag Kiepenheuer & Witsch die unzensierte Erstausgabe zurück, doch die DNB weigerte sich und erinnerte an ihren Auftrag: Sammeln! Alles!

Wird ein Link in 50 Jahren noch zu öffnen sein?

Michael Fernau, seit 2008 Direktor der Bibliothek, erzählt, dass Verbotenes immer eins zur Folge habe: „Die Neugierde wird nur noch größer.“ Was aber, wenn der Index selbst verboten wird, weil er so spannend ist? „Dann“, sagt Fernau, „legen Bibliothekare, die gern Listen anlegen, eine über solche Listen an, die sie nicht anlegen dürfen.“

Auch wenn die Digitalisierung vieles umbricht, Bücher würden immer von Interesse bleiben, prophezeit der Chef, so wie das Ischtar-Tor oder der Pergamonaltar. „Sie werden das, was Ölgemälde heute sind.“ Sinnlichkeit und Haptik – unersetzbar durch ihre virtuellen Pendants. Die Herausforderung sei viel eher: Wird die zukünftige Technik auch noch die von heute lesen können? Wird ein Link in 50 Jahren noch zu öffnen sein?

Der gesamte Bestand muss ins Netz gehoben werden, darunter sogenannte Mumienbücher, die in Mullbinden gewickelt sind, weil sich aus Altersgründen schon die Deckel abspreizen. Noch heute müssen ganze Magazinbestände zur Entsäuerung, damit das Papier nicht brüchig wird und vergilbt. Mit dem Verfahren schaffte es die DNB sogar in einen Leipziger „Tatort“ mit dem unheilvollen Titel „Blutschrift“. Wie sie im Übrigen oft als Filmkulisse herhält. Meist aber nicht als Bibliothek, sondern als Uni oder Gericht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben