Zum Start der Buchmesse in Leipzig : Die Nationalbibliothek ist das Gedächtnis der Nation

Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig sammelt seit 1913 alles: von der Strickzeitung bis zum Blog, von Goethe bis Heino. Ein Besuch zur Buchmesse.

Judka Strittmatter
Sinnbildlich. Wie zwischen Buchdeckeln lagern die Bestände im Anbau von 2011, dahinter der Magazinturm aus DDR-Zeiten.
Sinnbildlich. Wie zwischen Buchdeckeln lagern die Bestände im Anbau von 2011, dahinter der Magazinturm aus DDR-Zeiten.Foto: Isabela Pacini

Das ist es also, das Gedächtnis der Nation, der Hort deutschen Schriftguts, der Speicher von Geschichte und Geschichten.

Vielleicht fängt man bei einem Haus mit diesem Nimbus außen an. Da geht das Staunen schon mal los: Die Frontanmutung – kolossal. Büsten von Goethe, Bismarck und Gutenberg. Viel Gold blitzt an den Pforten auf, und eine Freitreppe fließt herab, auf der ein ganzes Dorf Platz hätte. Hier sitzen zu allen hellen Jahreszeiten junge Menschen, die mit Cookies und Bemmen Rast machen vom Studieren.

Die Nachbarschaft des Hauses ist eine Grünfläche mit Linden, die Alte Messe Leipzig, moderne Wissenschaftsinstitute, Max-Planck und Bio City. Die Deutsche Nationalbibliothek, kurz DNB, kann mithalten mit den jüngeren Gebäuden, 2011 bekam sie einen Erweiterungsbau, bereits den vierten. Wer viel sammelt, braucht viel Platz. Der neue Flügel ist ein Knüller, ein stilisiertes Riesenbuch aus Glas und Aluminium. Baulich betrachtet schmiegt sich nun Zukunft an Vergangenheit, der coole Cookie an die solide Bemme.

Hell. Der gläserne Anbau aus papierfreundlichem Spezialglas beherbergt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum.
Hell. Der gläserne Anbau aus papierfreundlichem Spezialglas beherbergt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum.Foto: Isabela Pacini

2200 Medienwerke kommen jeden Tag dazu

Eine Verpackung, die ein Versprechen auf Kulturgenuss gibt. Dabei klingt der Zweck des Hauses erst mal nüchtern, bürokratisch geradezu. Der Sammelauftrag besteht für deutsches Schriftgut seit dem 1. Januar 1913, kurz zuvor wurde die Bibliothek als Deutsche Bücherei gegründet, von Kaufleuten und Verlegern. Das Mandat: Alles wahren, was auf Papier erscheint! Gedrucktes deutsches Wort im Inland und im Ausland. Umfassend, ohne Selektionsanspruch. Fürs Hausarchiv auch die Menükarten von der Grundsteinlegung. Abgelegt wird nach numerus currens – nicht nach Themen, sondern nach Zeitpunkt des Eingangs. Nicht jedes Fitzelchen Papier, nur Essenzielles. Bücher, Zeitschriften, Dissertationen. Nicht Kinokarten und Theaterzettel, das ganzjährige Theaterprogramm hingegen schon, wenn der Bühnentext drinsteht. TV-Zeitschriften ebenso. Auch Musiktitel, Platten und CDs. Und 1500 Zeitungen täglich. Ganz früher als Papierausgabe, später auf Mikrofilm, jetzt als PDF-Datei. Zeitungspapier ist nicht für die Ewigkeit gedacht.

Um die aber geht es hier seit mehr als 100 Jahren. Um das magnum opus deutscher Geistesarbeit. 17,5 Millionen Medienwerke sind das Resultat bislang, und da man nach der Wende mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main zusammenging, sind es insgesamt etwa 30,5 Millionen. Tägliche Neuzugänge in Leipzig und Frankfurt: 2200, allein die physischen. Damit ließe sich alle zwei Wochen ein Turm in Höhe des New Yorker Chrysler Building stapeln.

Jedes Einzelstück unterliegt der sogenannten Autopsie, wird nach Autor, Titel, Verlag, Größe und anderem abgescannt. Zum täglichen Sammelpensum zählen auch Blogs, E-Books, Wissenschaftsbeiträge, Themenkomplexe wie zum Beispiel die Europawahl.

Zu DDR-Zeiten durfte man nicht alles lesen

Wo fängt man an, wo hört man auf? Und was wird aus den Karteikarten in den hölzernen Archivkästen mit ihren Katalogschüben? Über viele Jahre angestammtes Arbeitsmittel, bis der Computer kam. Die DNB sammelt auch diese. Hat die Schübe in ihren gut klimatisierten Kellern abgestellt, summa summarum 40 000 Stück. Allein für alle, die das Archivwesen von einst studieren wollen. Oder als historischer Beleg, dass solche Karten nicht nur eine eigene Zeichensprache haben, sondern sich auf ihnen in der Nazizeit der Rassismus verewigte: „Verfasser Jude“.

Auch alte Adressbücher enthält die Sammlung, weil Ahnenforscher, Rechtsanwälte und Journalisten zu allen Zeiten solchen Fundus gern flöhen.

Jörg Räuber, Leiter der Abteilung Benutzung und Bestandsverwaltung, blättert im ersten Buch, das hier verzeichnet wurde. Tief in die Magazine ist er dafür vorgedrungen. Keine verstaubten Kammern mit verstopften Schränken, sondern saubere, akkurate Räume mit exakt ausgerichteten Kompaktregalen. „Wie baue ich mein Haus und wie beschaffe ich mir eine gediegene Wohnungseinrichtung?“, heißt die Nummer eins. Der Autor: Paul Klopfer, seinerzeit Direktor der Großherzoglichen Baugewerkenschule in Weimar.

Räuber arbeitet seit 42 Jahren in der Bibliothek, er erlebte noch die Zeit der Giftschränke und Sperrarchive, die es von Anbeginn hier gab. Zu DDR-Zeiten wurde dort das Dissidenten-Œuvre weggeschlossen, Wolf Biermann, Reiner Kunze, Sarah Kirsch. Lesen durften es nur Auserwählte. Mit Sondergenehmigung, in einem separaten Raum und unter Aufsicht. Und nur das bestellte Buch, nicht das vom Nachbartisch.

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